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14/2018 - Ein Moses für die verdammten
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Ungelesen , 03:01
Ein Moses für die verdammten

Wie Martin Luther King mit Gewaltlosigkeit Erfolg hatte, wie ihm die Gewalt seiner Gegner half – und warum er trotzdem seinen Kampf verlor.

| Von Oliver Tanzer

Das Irrationale hat in der Geschichte keinen guten Stand. Es wird gewöhnlich in der Politik im Zusammenhang mit Verrücktheit und fehlerhafter Aktion verwendet und in der Ökonomie für Gier und Panik. Aber so wie manche der irrationalen „Animal Spirits“ nicht nur Wahnsinn schlechthin beinhalten, sondern auch Empathie und Selbstlosigkeit, so verhält es sich offenbar auch mit der Politik. Es gibt sie auch „verrückt gut“. Heute erscheint das vielleicht vollkommen undenkbar und gar nicht der nüchternen Rationalität entsprechend, die sich Politiker allerorten – und gerade die verrücktesten unter ihnen – auf ihre Fahnen heften. Aber es ist tatsächlich so. Das scheinbar Verrückte kann effizienter sein als die Traditionen des geübten Handelns und Feilschens um den eigenen Vorteil.
Die späten 1950er-Jahre waren ein guter Boden für solche positive Verrücktheit. Der Planet schien vor einer grundsätzlichen Wandlung zu stehen, politisch und gesellschaftlich. Die Philosophen spekulierten sogar fröhlich (und dabei ganz logisch) mit dem Ende des Krieges. Die Atomwaffen würden im Ernstfall Freund und Feind zerstören. „Angesichts dieser Gewissheiten hat der Krieg aufgehört, ein Mittel der Politik zu sein.“ So sahen das führende Intellektuelle, wie Carlo Schmid. Das Leben war eingelegt in eine dicke Schicht Optimismus.

Gesetze der Gewalt

Und die Realität? Weit von solchen Hoffnungen entfernt. Als der Pastorensohn Martin Luther King jr. in Atlanta/Georgia aufwuchs, nannte man dort schwarze Männer noch verächtlich „Boy“, die Frauen „Missi“. Das Leben der Rassen verlief streng getrennt voneinander und von Konventionen geleitet, die vom Ku-Klux-Klan mehr geprägt waren als vom Rechtsstaat. Seit dem Bürgerkrieg hielten sich diese ehernen Gesetze von Herrenmensch und Untermensch. Und das alles in Stille toleriert von der amerikanischen Politik. Amerikanische Präsidenten, unter ihnen zunächst auch John F. Kennedy, sicherten sich die Unterstützung von Gouverneuren aus dem Süden mit der Zusicherung, sich nicht in die „inneren Angelegenheiten“ des Südens einzumischen.
Machtpolitisch war das eine ausweglose Situation. Es sei denn … und hier kommt die Irrationalität ins Spiel.
Martin Luther King stammte aus einer gut gestellten schwarzen Baptisten-Familie Atlantas. Sein Vater war ein berühmter Prediger und die Zuwendungen und der Status eröffneten seinem Sohn die wichtigste Quelle seiner Karriere. Die Bildung. Auf dem schwarzen Morehouse College in Atlanta gab es Soziologie und Theologie, aber nachhaltigen Eindruck bei dem Studenten King hinterließ eine Vorlesung über einen scheinbar Chancenlosen, der ein Land von einer Weltmacht befreite: Mahatma Ghandi.
Der gewaltlose Widerstand, der die britischen Eroberer in Indien stürzte, sollte seine Neuanwendung 1956 in Montgomery in Alabama finden, einer Hochburg des konföderierten Gedankenguts und des Ku-Klux-Klans. Noch heute stehen die Südstaaten-Generäle dort in Stein gemeißelt vor dem Rathaus.
Der junge Pastor King führte dort eine gewaltlose Protestbewegung der Schwarzen an. Sie boykottierten die öffentlichen Verkehrsmittel aus Protest gegen die Segregation. Ein Jahr später waren die Rechte der Schwarzen von den Verfassungsrichtern bestätigt. Der „Montgomery-Busboycott“ löste friedlichen Protest in Serie in den Südstaaten aus. Paradoxerweise aber war es nicht der Friede der Demonstranten, der der Sache am meisten diente, sondern die gewalttätige Reaktion der Polizei und der weißen Rassisten. Dadurch gelang es King letztlich, eine noch höhere Macht zu mobilisieren, als die Sheriffs und Bürgermeister, die Gouverneure und selbst Präsident Kennedy: Die Presse und die Weltöffentlichkeit.
Wider den äußeren Schein, den brennenden Kirchen, den Straßenschlachten und Morden waren die Rassisten des Südens ein einfacher Gegner. Denn diese Realität widersprach klar dem amerikanischen Traum, dass ein Jeder nach seinen Fähigkeiten sein Glück finden sollte.

Ein Scheck und die Zukunft

So erklärt sich auch der Erfolg der King-Rede 1963 in Washington. Tatsächlich ging es um einen „Scheck“ des amerikanischen Versprechens, den King für die schwarze Minderheit einlösen wollte: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht an der Hautfarbe, sondern am Wesen ihres Charakters beurteilt werden.“ Die Rede markiert den Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung. Gleichzeitig ist es der Beginn des Falls von Martin Luther King.

Zwischen Traum und Alptraum

Während Zehntausende in Washington mit ihm träumen, sieht sein Konkurrent Malcolm X die Rassenfrage ganz ohne Blumen und Liebe: „Während Herr King seinen Traum träumt, leben wir in einem Alptraum.“ King selbst erkennt, dass alle rechtlichen Zugeständnisse, die er in den Jahren seines Wirkens erreicht hat, an der Lebensrealität der Schwarzen abprallen. Ab 1965 bis zu seinem Tod stellt er die Systemfrage. Und er tut es radikaler, als das System das toleriert: „Der Kapitalismus erlaubt keinen regelmäßigen Fluss ökonomischer Ressourcen. Bei diesem System sind wenige Privilegierte reich ohne Ende und beinahe alle anderen sind dazu verdammt, arm zu bleiben. So arbeitet das System. Und weil wir wissen, dass es seine Regeln nicht ändern wird, müssen wir das System ändern.“ Doch das System wartet nicht so lange. Das politische Establishment bricht mit ihm, er wird als Kommunist verunglimpft, die Medien sind mit dabei: „Sprecher von Radio Hanoi“, nennt ihn die Washington Post.
King träumt weiter einen Traum, der nichts von seiner Brisanz verloren hat, bis heute nicht. Er plant einen Marsch auf Washington von Hunderttausenden Working Poor. In seiner letzten Rede vor streikenden Müllarbeitern in Memphis wird er von einem seiner begeisterten Mitarbeiter in Memphis als „Moses“ angekündigt. Und King antwortet darauf, er wolle zwar wie alle ein langes und glückliches Leben führen, aber das sei nun egal, denn er habe wie Moses das Gelobte Land sehen dürfen. Am nächsten Tag, dem 4. April 1968, wird er vor seinem Hotelzimmer in Memphis erschossen.
Die Zeit der großen Protestmärsche ging zu Ende, die „silent Majority“ der Amerikaner stellte mit der Wahl Richard Nixons zum Präsidenten die Weichen gegen Träume und Experimente. Über Martin Luther Kings letzte Vision ist zu sagen, dass er wohl das Gelobte Land gesehen haben mag vor seinem Tod. Nur zog sein Volk nie dort ein. Weder gesellschaftlich noch ökonomisch. Weder weiß noch schwarz.


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  13:16:02 07.17.2005