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14/2018 - Freiheit, Gleichheit, Frömmigkeit?
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Ungelesen , 03:11
Freiheit, Gleichheit, Frömmigkeit?

Martin Luther King berief sich auf die Bibel. Bietet das Christentum das Urmodell einer in jeder Hinsicht gleichberechtigten Gesellschaft? Musste denn nicht die Freiheit gegen die Macht der Kirche erkämpft werden? Suche nach Bürgerrechts-Anhaltspunkten im Christentum.

| Von Theresia Heimerl

Race, Class, Gender. Die drei berühmten Diskriminierungskriterien, die heute in keiner Arbeitsstelle für Gleichbehandlung als Agenda fehlen dürfen, haben eine pointierte Urfassung beim Apostel Paulus: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Bietet das Christentum das Urmodell einer in jeder Hinsicht gleichberechtigten Gesellschaft? Haben jene Recht, die sich im Ruf nach Freiheit und Gleichheit aller Menschen auf die Bibel stützen? Oder stimmt, wie andere behaupten, dass die Menschenrechte gegen die Macht der Kirche erkämpft werden mussten?
Schon wer nach Gleichheit und Freiheit in „der Bibel“ fragt, erhält sehr unterschiedliche Antworten. Der Schöpfungsbericht in den ersten Kapiteln der Bibel kennt nur zwei Menschen, Adam und Eva, was allenfalls die Geschlechter(un)gleichheit in den Blick kommen lässt. Hier wird festgestellt, dass die ungleiche Rollenverteilung und entsprechende Machtverhältnisse erst nach dem Sündenfall beginnen (Gen 3,16ff.). Ethnische Diversität gibt es nach dem missglückten Turmbau zu Babel (Gen 11), soziale Unterschiede wohl auch, namentlich ab Gen 12, immerhin hat Abraham „Knechte und Mägde“ (Gen 12,5). Das Paradies als diskriminierungsfreien Ort zu bezeichnen, ist also nicht falsch, da aber alle Bücher ab dem dritten Kapitel des Buches Genesis außerhalb des Paradieses spielen, ist es für unsere Frage nur bedingt hilfreich.

Die ungerechte Realität

Für die anderen Bücher des Alten Testaments gilt: Die soziale Realität ist ungerecht. Es gibt Herrscher und Untertanen, Arme und Reiche, Völker, die andere Völker versklaven, Männer, die Gewalt gegen Frauen weidlich ausüben. Es gibt vor allem aber eine Unterschiedlichkeit: Das auserwählte Volk und der Glaube an seinen einen Gott und alle anderen Völker und ihre Götter. Diese Differenz rechtfertigt im Anlassfall sogar exzessive Gewalt (vgl. Jos 10 – 11). Es ist einzelnen Propheten vorbehalten, an diesem Bild Kritik zu üben und den Weg zum Haus des Herrn für „alle Völker“ zu öffnen (Jes 2,2). Innerhalb des „auserwählten Volkes“ regelt ein komplexes Gesetzeswerk die Balance von Hierarchie und sozialem Ausgleich, wie diverse Bestimmungen in den Büchern Levitikus und Deuteronomium vor Augen führen. Hier finden sich Sätze, die manche heute gerne auf großen Transparenten am Stephansdom lesen würden, wie: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst“ (Lev 19,34). Allerdings gibt es auch zahlreiche Vorschriften, die den Tatbestand sexueller Diskriminierung locker übererfüllen – Homosexualität, Crossdressing, alles ist „dem Herrn ein Gräuel“ und wird entsprechend bestraft.
Freiheit ist also ein kollektives Ideal, das Gott seinem auserwählten Volk verschafft (vgl. den Auszug aus Ägypten), oder bei Fehlverhalten wieder wegnimmt (vgl. das babylonische Exil), kein individuelles Grundrecht des Einzelnen im modernen Sinn. Gleichheit ist Gleichheit vor Gott, nicht zwangsläufig unter den Menschen. Und das Neue Testament? Überschreitet Jesus nicht gerade diese „alten“ Gesetze und Konventionen? Ist nicht die berühmte Bergpredigt eine Abrechnung mit irdischen Verhältnissen, die alle Deklassierten, Diskriminierten und Benachteiligten dieser Welt erhöht und ihnen die erste Reihe fußfrei im Reich Gottes verspricht? Ja.

Jesu Gleichheitsgebot

Die Botschaft Jesu, wie sie die Evangelien überliefern, stellt tatsächlich die Gleichheit aller Menschen vor Gott, ihre Freiheit zur Nachfolge unabhängig von Herkunft, Rang und Geschlecht und Geschwisterlichkeit unter allen, die dieser Botschaft nachfolgen, ins Zentrum. Und spätestens mit der Ausbreitung in die griechisch-römische Welt wird klar, dass es nicht mehr ein auserwähltes Volk gibt, sondern alle, unabhängig von ihrer Herkunft, zur Nachfolge Jesu berufen sind. So gesehen fasst der eingangs zitierte Paulusvers tatsächlich die Agenda zusammen: No more race, class, gender.
Allerdings mit einem wichtigen Nachsatz: „Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Begründung und Ziel der Botschaft von Gleichheit und Freiheit ist das Leben in der Nachfolge und mit Blick auf das kommende Reich Gottes. Weder der Jesus der Evangelien noch Paulus geben Handlungsanweisungen für die konkrete Umgestaltung dieser bestehenden Welt, der Aufruf zur Sklavenbefreiung à la Spartakus bleibt ebenso aus wie die Thematisierung ethnischer Diversität unter den Jüngern, wie sie grade in Bibelfilmen in Mode ist. Und feministische Manifeste im Sinn säkularer Gleichstellungspläne oder auch nur propagandistische Subversion der tradierten Geschlechterrollen, wie sie die christlichen Martyriumslegenden später lustvoll betreiben, sucht man bei den Evangelisten vergeblich, und bei Paulus am besten gar nicht. Im anbrechenden Reich Gottes wird es anders sein, alle Ungleichheiten beseitigt, alle frei in Gott sein. Was aber tun, wenn die irdischen Verhältnisse von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit weit entfernt sind?

Radikalität als Antwort

Eskapismus und religiöse Radikalität sind eine Lösung, wie sie Gnostiker und Asketen betrieben haben. Eine andere ist die schrittweise Umgestaltung der „alten“ Welt und ihrer Machtstrukturen in die andere des christlichen Mainstreams. Das Ende der Sklaverei, trotz ihrer Rückkehr in moderater Form der Leibeigenschaft im frühen Mittelalter, ist ein herzeigbares Ergebnis dieses Arrangements.
Die Multiethnizität der klerikalen Elite Europas, deren Mitglieder aus allen Regionen der christlichen Welt kamen, würden sich heute zwar so manche Universität und manches Unternehmen wünschen. Nur die Aufhebung der Geschlechtergrenzen bleibt ein Desiderat, sie mag man sich nicht einmal im Reich Gottes vorstellen: Das Geschlecht bleibt auch im Jenseits erkennbar, wer anderes behauptet, gilt schon Augustinus als Häretiker.
Sicher, das Arrangement mit der Welt und ihren Hierarchien hat nicht nur zum Ausbau einer reichlich hierarchischen Kirche geführt, wo zwar alle Brüder, aber deshalb noch lange nicht gleich oder gar frei von Vorschriften und Zwängen wären. Ungleichheit der Menschen ihrem Stand nach wurde lange genug als gottgewollt von der Kanzel gepredigt. Vor allem der Umgang mit allen, die keine Christen waren, egal ob Juden, „Heiden“ oder „Wilde“, widersprach der Botschaft Jesu derart, dass die Vorwürfe der Aufklärung gerechtfertigt erscheinen.
Gleichheit und Freiheit sind für viele Vertreter der katholischen Kirche vor allem innerhalb der eigenen Reihen Angstbegriffe, und wer „nicht männlich und weiblich“ sagt, vertritt jüngsten lehramtlichen Dokumenten zufolge eine verderbliche „Genderideologie“. Dennoch: Ein Hauch von Provokation gegen alle ungerechten Verhältnisse weht bis heute aus dem Neuen Testament. Christliche Frömmigkeit sollte kein Widerspruch zu Gleichheit, Freiheit und Geschwisterlichkeit sein, sondern deren Verkörperung in
der Welt.


| Die Autorin ist Professorin für Theologie an der Universität Graz |

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