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17/2018 - Säule der Demokratie
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Ungelesen , 00:33
Säule der Demokratie

Öffentlich-rechtliche Medien gibt es nur in europäischen Demokratien. Es wäre fatal, wenn man sich hierzulande dieser Medien begeben wollte.

| Von Golli Marboe

Zugegeben – ich bin durch den ORF geprägt: Als Kind von Clown Enrico, als Jugendlicher von den „Kunststücken“, als Älterer von Hugo Portisch und inzwischen von einer beinahe 24-stündigen Radiobegleitung durch Ö1. Der ORF verkörpert für mich ein Stück Familie und wohl auch meine österreichische Identität. Eine Identität, die sich durch Weltoffenheit und den Blick über den Tellerrand formuliert.
Die Bedeutung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks heute wird besonders augenscheinlich, wenn man sich Österreich ohne ORF vorstellt: Wo wäre der Gegenpol zu den Medienhäusern der Familien Dichand (Krone, Heute, Kronehit …), Mateschitz (Servus TV, Servus …) und Fellner (Österreich, oe24.TV …)? Und was wäre die Alternative zu werbefinanzierten Anstalten à la ATV und Puls4?
In den Visegrád-Staaten oder am Westbalkan lässt sich gut beobachten, was es bedeutet, wenn Medien – die sich im Staatsbesitz befinden – zu besseren PR-Stellen der jeweils Regierenden umgebaut werden. Hierzulande wurde erst mit dem ORF, einem Medienunternehmen strukturiert nach dem Vorbild der BBC, eine Kultur der Berichterstattung etabliert, bei der die Journalisten im Auftrag der Bürger die Mächtigen und die Regierenden kontrollieren und eben nicht deren Taten bewerben und verkündigen.

Ergebnisoffen Fragen stellen

Die im März in der Schweiz zu den Gebühren abgehaltene Volksabstimmung hat im sehr konstruktiv geführten Diskurs deutlich gemacht, dass ein Land in der Größe der Schweiz ohne staatliche Unterstützung keinen eigenständigen originären Programmstock herstellen könnte. Eine „mediale Kolonialisierung“ durch kommerzielle Sendergruppen (insbesondere aus Deutschland mit der RTL- und der ProSiebenSat1-Gruppe (auch die Besitzer von Puls4/ATV) stand im Raum.
Und schließlich: Die Kommunikationsfreiheit durch das Netz hat zu keiner Verbesserung der Qualität von Informationen geführt. Im Gegenteil: Gerüchte, Sachverhaltsdarstellungen und Halbwahrheiten stehen auf vielen Plattformen durchaus gleichberechtigt nebeneinander. Die „Unterscheidung der Geister“, das Sortieren von Informationen, wird durch die Fülle der nun möglichen Informationsquellen wichtiger denn je.
Die Aufgabe des „Gate-Keepers“ – also die Funktion von Journalist(inn)en, die die ihnen vorliegenden Informationen ergebnisoffen recherchieren und dann daraus die vermeintlich wesentlichsten Aspekte für den Rezipienten zusammenfassen – bekommt durch die Digitalisierung eine Relevanz wie wohl noch nie zuvor in der Geschichte.
Warum gibt es öffentlich-rechtliche Medien nur in westeuropäischen Demokratien?!
Weder in totalitären, noch in kapitalistisch orientierten Systemen ist Raum für diese vierte kontrollierende Gewalt im Staat. Gerade einmal in Westeuropa wurde bisher der Schritt zu dieser zusätzlichen Instanz für Bildung und Demokratie geschafft.
Warum also öffentlich-rechtlich? Weil eine Gesellschaft eine Kraft im Lande braucht, die ergebnisoffen Fragen stellt, ohne auch Urteile fällen zu müssen! Weil es eine Einrichtung braucht, die als Alternative zur aufgeregten Berichterstattung im Netz, im Sinne einer Äquidistanz, die Chronik der Ereignisse archiviert. Weil wir Journalisten mit Redakteursstatut als Gewissen im Land brauchen – Journalisten, die nicht wirtschaftlichen oder politischen Interessen von Eigentümern zu folgen haben oder darauf achten müssen, dass sie mit ihren Artikeln möglichst viele Klicks für die Werbekunden erzielen.
Natürlich muss eine Institution wie der ORF weiter entwickelt, verbessert und reformiert werden – aber im Sinne der Meinungsvielfalt und nicht im Sinn von Macht- oder Marktinteressen. Dazu zehn Gedanken, wie sich der ORF als öffentlich-rechtliche Instanz aufstellen könnte:
1. Das Programm muss wieder im Zentrum der Diskussionen zum ORF stehen. Der ORF ist mehr als seine Nachrichtensendungen und mehr als der Vergleich, wie lange welche Politiker darin vorkommen. Außerdem sollte weniger über Posten und mehr über die Qualität des Angebots diskutiert werden.
2. Mittelfristig soll der ORF werbefrei finanziert werden. Niemand kann der Diener zweier Herren sein. Natürlich darf es keine Abhängigkeit von der Politik geben, aber auch keine von Werbekunden oder von Privateigentümern.
3. Ein relevantes, werbe und gewaltfreies Angebot für Kinder muss geschaffen werden. Die BBC setzt sechs Prozent ihrer Mittel für Kinderprogramme ein, der ORF wohl nicht einmal 0,6 Prozent. Insbesondere im Sinne von Bildung und Demokratie ist es originäre Aufgabe eines öffentlich rechtlichen Senders, anspruchsvollen Content für Kinder und damit auch Sicherheit für deren Eltern zu bieten.

Wie sich der ORF neu aufstellen könnte

4. ORF Sport+ soll zu einem Sportsender werden, der auch populäre Ereignisse senden darf. Schon damit die anderen ORF-Sender, wie ORF eins und ORF 2, ihr Programmschema nicht immer wieder durch Sport-Liveübertragungen unterbrechen müssen, sollte ein nächstes ORF-Gesetz in Zukunft auch Fußballspiele oder Schirennen auf ORF Sport plus erlauben.
5. Der ORF wäre prädestiniert als Vorreiter für den mitteleuropäischen Raum. Das Selbstverständnis eines österreichischen Senders von heute müsste auch ein europäisches sein. Zum Beispiel durch eine entsprechende ORF-eins-Reform könnte ein Sender entstehen, der sich als Programm für Mittel- und Zentraleuropa versteht.
6. Das ORF-Archiv soll für alle Staatsbürger zugänglich sein. Programme, die vom Gebührenzahler finanziert wurden, sollten für die Staatsbürger auch länger als sieben Tage zugänglich gemacht werden.
7. Darstellung unseres Alltags durch tägliche Dokumentationen, hergestellt von einer eigenen Redaktion für investigativen Journalismus, oder auch einer eigenen Unit für Datenjournalismus und „constructive journalism“, der über positive Entwicklungen berichtet, jedenfalls mit einem Sendeplatz für „Human interest Dokumentationen“.
8. Viel mehr Journalismus in der Unterhaltung und damit mehr Qualität, weniger Einwegprodukte, mehr Werthaltigkeit.
9. Die Rolle der Landesstudios neu definieren. Neben der regionalen Berichterstattung sollte jedes Landesstudio auch mit einem überregionalen Bereich betraut werden. Nicht zuletzt, um damit dem so augenscheinlichen gesellschaftlichen Gefälle zwischen Stadt und Land zu begegnen. Warum arbeitet ORF Sport+ nicht von Innsbruck aus, oder ein auf Mitteleuropa ausgerichteter ORF eins nicht von Graz, ein noch zu schaffender Kinderkanal von Linz oder ORF III tatsächlich von Salzburg aus?
10. Jeder österreichische Schüler soll zumindest einmal im Leben ein Projekt mit dem ORF herstellen. Es geht um eine intensivere Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen. Damit könnte der ORF seinen Beitrag im Sinne Bernhard Pörksens (Universität Tübingen) leisten: „Wir stehen an der Schwelle von der digitalen zu einer ‚redaktionellen Gesellschaft‘ und dafür müssen die Menschen nach Lesen, Schreiben und Rechnen eine vierte Kulturtechnik erwerben: ‚den Umgang mit Medien‘!“


| Der Autor war viele Jahre TV-Produzent und ist heute u. a. Obmann des Vereins VsUM – des Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien |

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