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22/2018 - „Langsamkeit ist nicht die Lösung“
  #1  
Ungelesen , 23:45
„Langsamkeit ist nicht die Lösung“

Soziologe Hartmut Rosa über Digitalisierung als Steigerungsinstrument, „Resonanzdrähte“ und Entfremdung als Folge von Beschleunigung.

| Das Gespräch führte Martin Tschiderer

Hartmut Rosa spricht über digitale Transformationsprozesse, „Störungen der Weltbeziehung“, langsame Notärzte und kollektive Burn-outs – und erklärt, warum moderne Gesellschaften immer schneller laufen müssen, nur um einigermaßen stehen zu bleiben.

DIE FURCHE: Herr Rosa, das Thema Digitalisierung ist omnipräsent. Aktuell wird es vor allem im Kontext von Umwälzungen der Arbeitswelt verhandelt. Sie beschäftigen sich dagegen seit vielen Jahren mit Auswirkungen von digitalem Wandel und Beschleunigung auf alle Lebensbereiche. Wie lauten Ihre zentralen Erkenntnisse?
Hartmut Rosa: Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, der vermutlich weitreichendere Folgen hat als die Elektrifizierung oder Industrialisierung. Denn Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Wir haben es mit einem umfassenden Verschwinden von Muße zu tun. Denn dieser Zustand stellt sich noch nicht ein, wenn ich beschließe, heute nichts mehr zu arbeiten. Meine To-Do-Liste ist dann nämlich trotzdem noch voll, es gibt nach wie vor viele Dinge, die ich tun müsste. Zudem habe ich dann immer noch 200 Fernsehkanäle, unendlich viele Websites, die ich ansurfen könnte, die Möglichkeit X anzurufen, oder Y noch schnell eine E-Mail zu schreiben. Muße ist dagegen ein Zustand, der sich einstellt, wenn das Tagwerk vollbracht ist. So wie das in klassischen agrarischen Gesellschaften abends der Fall war. Diesen Zustand erreichen wir heute nicht mehr. Wir leben in einer Art Daueraktivierung.
DIE FURCHE: Sie argumentieren, dass der modernen Gesellschaft ein „kollektives Burn-out“ drohe. Wo sehen Sie die Ursachen?
Rosa: Als Soziologe ist mir wichtig: Die Ursachen liegen nicht im individuellen Leben, sondern in der Struktur moderner Gesellschaften. Heutige kapitalistische Gesellschaften sind so verfasst, dass sie jedes Jahr einen Zahn zulegen, sich steigern müssen, um zu erhalten, was sie haben. Ich nenne das dynamische Stabilisierung. Ohne Wachstum können wir Arbeitsplätze nicht erhalten, dann schließen Unternehmen, das Staatseinkommen sinkt und es gibt ein Budgetdefizit. Das führt zu Kürzungen bei Bildung und Sozialstaat. Es gilt aber für praktisch alle gesellschaftlichen Bereiche: Wir müssen uns steigern, um den Status quo zu erhalten. Ein Burn-out bekommt man nicht dadurch, dass man sich zwischendurch verstärkt anstrengen muss. Sondern dadurch, dass man immer schneller laufen muss, nur um einigermaßen stehen zu bleiben.
DIE FURCHE: Durch die Beschleunigung komme es, wie Sie schreiben, zu einer Entfremdung des Menschen in seinen Beziehungen zur Welt und zu sich selbst. Als Gegenmaßnahme sehen Sie allerdings nicht „Entschleunigung“, sondern Resonanzbeziehungen.
Rosa: Geschwindigkeit ist nicht immer schlecht – das wäre eine absurde Position. Erstens geht das in vielen Bereichen nicht, zweitens wäre es auch nicht wünschenswert. Eine langsame Internetverbindung oder ein langsamer Notarzt sind kein Ziel. Beschleunigung wird erst zum Problem, wenn sie zu Entfremdung führt. Wenn Menschen von Entschleunigung träumen, meinen sie damit meist eigentlich die Möglichkeit, auf andere Weise mit der Welt in Beziehung zu treten. Mit Menschen, mit der Arbeit oder auch mit Musik, einem Buch, einer Landschaft, tatsächlich in Kontakt, in Resonanz zu sein. Sie nicht nur zu durchqueren, weil man von A nach B muss.
DIE FURCHE: Sie sprechen von Bildschirmen als Resonanzkiller. Social Media fördert direktes Feedback und Kontakte im digitalen Raum. Das muss sich aber nicht zwingend in steigender Resonanz im analogen Raum niederschlagen. Sehen Sie soziale Medien als Schein-Resonanzräume?
Rosa: In sozialen Medien erfahren wir eine gewisse Form von Resonanz: Etwas berührt mich und ich erfahre mich als selbstwirksam, indem ich darauf antworte. Sobald es in meiner Hosentasche vibriert, weil mir jemand eine Nachricht schickt, ist das ein Anruf von der Welt. Deshalb können soziale Medien eine gewisse suchtförmige Wirkung ausüben. Es ist positiv, dass man mit ihnen einen Resonanzdraht zu Menschen aufrecht erhalten kann, die nicht vor Ort sind. Familie oder Freunde am anderen Ende der Welt sind immer nur einen Klick entfernt. Es wäre also unsinnig zu sagen, dass soziale Medien generell Resonanz killen. Ein existenzielles Resonanzbedürfnis wird damit aber nicht wirklich befriedigt: tatsächlich als Person gemeint und verbunden zu sein. Und die Formen von Resonanz sind bei vielen Interaktionen nicht wirklich ausgeprägt: Ich werde häufig nur bedingt berührt. Ich erfahre mich nur als beschränkt selbstwirksam. Und das dritte Element von Resonanz, sich selbst zu verwandeln, findet nur selten statt. Man hat oft eher den Eindruck einer Verhärtung oder Schließung.
DIE FURCHE: Sie haben zuvor schon den Begriff Muße ins Spiel gebracht. Ist nicht gerade das Problem, dass eine beschleunigte Gesellschaft in Kombination mit zunehmend entgrenzten Arbeitsverhältnissen und der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche diesen Zustand zunehmend unter Druck bringt? Einen Zustand, der entscheidende Beiträge zur Prävention eines kollektiven Burn-outs liefern könnte?
Rosa: Meine zentrale Diagnose lautet, dass unsere Weltbeziehung gestört ist. Das, was uns als Welt begegnet, ist quasi immer ein Aggressionspunkt. Denn sie ist etwas, das wir wissenschaftlich durchdringen, technisch beherrschen, ökonomisch verfügbar machen, oder politisch regulieren – das wir unter Kontrolle bringen wollen. Muße ist eine Chiffre für die entgegengesetzte Haltung: Ich muss gar nichts. Ich lasse das, was mir begegnet, auf nicht verfügbare Weise mit mir interagieren. Ich weiß noch nicht, was mir diese Landschaft sagen wird, ist eine andere Idee als: Ich fahre jetzt in die Berge, um mich zu erholen. Muße hat etwas mit Nichtmüssen zu tun, aber sich trotzdem in gewisser Weise wach auf die Welt einlassen. Ich bin skeptisch, wenn Mußeräume ausschließlich in abgeschlossene, außeralltägliche Zonen verschoben werden: auf die Almhütte, in die Berge, oder in die Klöster, in denen manche Leute zwei Wochen verbringen. Dadurch haben wir nämlich das Grundproblem nicht gelöst: dass unsere Gesellschaft dafür strukturell keinen Raum mehr hat.
DIE FURCHE: Zurück zu den Arbeitsverhältnissen: Wie verändern digitaler Wandel und Beschleunigung diese aus soziologischer Sicht?
Rosa: In Digitalisierung, Roboterisierung und dem Vordringen künstlicher Intelligenz liegen massive Beschleunigungsversprechen und Wachstumspotenziale. Digitalisierung ist also das Steigerungsinstrument der gegenwärtigen Gesellschaft. Damit gehen auch Ängste einher, insbesondere jene vor Arbeitsplatzverlust. Diese Angst kam bei derartigen Veränderungen allerdings immer, schon bei der Einführung der Webstühle. Deshalb bin ich gar nicht so skeptisch wie viele meiner Kollegen, die sagen: Dann wird es keine Arbeit mehr geben. Allerdings lösen derartige Innovationswellen niemals die Probleme per se, sondern heben sie nur auf die nächste Steigerungsstufe. Die übernächste wäre die Fusion menschlicher Körper mit Computertechnologien, die tatsächlich transformieren würde, was ein Mensch sein kann.
DIE FURCHE: Die Digitalisierung wird ganze Berufsgruppen obsolet machen, weil Software deren Arbeit effizienter erledigen kann. Immer häufiger taucht daher die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens auf. Wie bewerten Sie das Konzept als Soziologe? Und wie könnten dessen Auswirkungen im Sinne Ihrer Thesen zur Resonanz aussehen?
Rosa: Bei allen Gefahren, die ich auch sehe, bin ich Anhänger des Grundeinkommens. Darin könnte einer der Hebel liegen, um unsere Weltbeziehung zu transformieren. Denn die gegenwärtigen Bedingungen stellen Menschen auf rutschende Abhänge: Wenn wir nicht nach oben rennen – uns bilden, ökonomisch verbessern – rutschen wir nach unten. Ich lese es als Teil der neoliberalen Politik, nicht mehr sagen zu können: Jetzt habe ich genug – an Geld, an Freunden oder was auch immer. Dahinter steckt die Angst, ins Bodenlose zu fallen, den sozialen Tod zu sterben. Sozialhilfe ist eine Form davon, weil es ein Almosen ist. Sie signalisiert Menschen: Wir lassen dich zwar nicht verhungern, aber eigentlich hast du keinen Platz in dieser Gesellschaft, denn du bist kein produktives Mitglied. Aufseiten des Individuums ist das rastlose Rennen nicht von Gier, sondern von existenzieller Angst getrieben. Ein Grundeinkommen könnte diese Angst aus dem ökonomischen Spiel nehmen und damit die Weltbeziehung an der Basis ändern.

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  06:45:08 07.18.2005