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23/2018 - Am Ball für die Autokraten
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Alt , 04:27
Am Ball für die Autokraten

Die WM in Russland wird Jubel auslösen, vielleicht auch ein Nachdenken über die inzestuöse Beziehung von Fußball und Politik. Ein Essay.


| Von Johann Skocek

Wladimir Putin war in Wien zu Gast und die Österreicher haben sich mit ihm alle Mühe gegeben. Den kritischsten unter ihren Journalisten haben Sie ihm entgegengeschickt, Armin Wolf vom ORF, der durfte ihn so 50 Minuten befragen. Und wie das Medien, vornehmlich elektronische so machen, wurde das Gespräch in den diversen Audio- und Video-Kanälen des ORF als Event inszeniert. Das Weltgeschehen hatte sich hinter dem selbst produzierten Geschehen anzustellen. So zweitrangige Sachen wie die „Strafzölle“ der USA gegen fremde Stahlwaren, die Kampagne der Regierung Kurz gegen Nächstenliebe und Solidarität, der Europawerbetrip des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu für seine Scharfmacherpolitik im Nahen Osten. Und die Nominierung von Manuel Neuer als Einser-Goalie der Deutschen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Neuer hatte wegen mehrfacher Knochenbrüche im Mittelfuß fast die gesamte deutsche Meisterschaft 2017/18 pausiert, ohne ihn wurde Bayern München mit nur 21 Punkten Vorsprung auf Schalke 04 Meister.
Zwischen Neuer und diversen Weltkrisen-themen werden die Medien in den fünf Wochen der WM in Russland (14. 6. – 15. 7.) tanzen.
Putin wird das wieder, wie schon das Interview gegen den tapferen Wolf, zur Darstellung seiner Politik und der Ambitionen Russlands nutzen. Der russische Langzeitpräsident gilt je nach Gazette als die letzte Chance gegen den Cowboy im Weißen Haus oder als gewissenloser Gottseibeiuns. Die WM-Frage: Befördert Sport und im speziellen der wirtschaftlich und propagandistisch nutzbare Fußball die Menschenrechte?

Enteisung zwischen den Koreas

Der historisch gebildete Sportchef des ORF-TV, Hans Peter Trost, behauptete in einer Diskussion im „Club 2x11“, die Winterspiele in Südkorea hätten zur Enteisung der Beziehungen mit dem Nachbarn im Norden beigetragen. Auch wenn in der Tiefe des diplomatischen Raums damals eine Entlastung einsetzte, so hatte die aller Wahrscheinlichkeit nach wenig mit dem Olympischen Kirtag zu tun. Der durch Olympia induzierte Frieden oder Waffenstillstand ist ein Märchen aus uralter Zeit, das die Proponenten der Modernen Olympischen Bewegung rund um den französischen Schwärmer Pierre de Coubertin in die Welt setzten. Es gab in der Antike keine Waffenruhe wegen irgendwelcher Wagenrennen, Kugelstoßer oder Ringer. Gibt es bis heute nicht.
Die Ideale des Sports sind denen der Französischen Revolution nicht unähnlich. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Die Brüderlichkeit war zu Beginn auch so gemeint, Frauen waren zum Sport nicht zugelassen, Sport hat ihre Emanzipation nicht befördert, er hat schließlich der gesellschaftlichen Entwicklung Tribut zollen und die Regeln ändern müssen. Die Rechte des Sports sind ein Kind ihrer Zeit. Russland legte sie bei den Winterspielen in Sotschi insofern großzügig aus, als man sich – angeblich mit Wissen der Staatsspitze, sprich Putin – das Recht herausnahm, Dopingproben der eigenen Sportler zu manipulieren.
Als das zwei russische Whistleblower aufdeckten, schlug der Ex-Skilehrer Putins, Leonid Tjagatschew, vor, man möge sie „wie bei Stalin“ erschießen. Tjagatschew ist Ex- und Ehrenpräsident des Russischen Olympischen Komitees. Der von ihm als Role Model herangezogene Genosse Stalin wurde 2017 in einer nationalen Umfrage als wichtigste Person der russischen Geschichte genannt. Für Menschen, die für den Tod von plusminus 20 Millionen Genossen verantwortlich sind, gibt es offenbar keine Grenzen der Beliebtheit. Nummer 20 und letzter der Umfrage war übrigens der Zerreißer des Eisernen Vorhangs, Michail Gorbatschow.
Der Blogger und Universitätslehrer James M. Dorsey nennt die Verbindung von Sport und Politik den „Elephanten im Zimmer“. Selbstverständlich sei die Vergabe der WM 2018 an Russland und 2022 an Katar eine Folge der zu engen Verbindung politischer und wirtschaftlicher Netzwerke zur FIFA, sagt Dorsey. Sport-Mega-Events dienen dem Image-Transfer und der Wirtschaftsförderung. Die „inzestuöse“ Beziehung (Dorsey) des Fußballs mit der Politik ist eine liebgewordene Tradition. FIFA-Weltmeisterschaften dienen allen Systemen, Diktaturen und Demokratien. Der WM-Sieg der Italiener 1934 im eigenen Land wird dem Wirken des faschistischen Diktators Mussolini gutgeschrieben. Er wiederholte das Kunststück vier Jahre später in Frankreich, die Mannschaft des Deutschen Reichs blamierte sich.
Das heuer wieder vielbejubelte „Cordoba“, der 3:2 Sieg in einem bedeutungslosen WM-Spiel über Deutschland, eine Metapher für die Befreiung Österreichs vom deutschen Joch, fand in Argentinien in einem jener Stadien statt, das die menschenschindende Junta zur Internierung und Ermordung von Regimegegnern genutzt hatte.
Kritik an den Umständen findet bis heute nicht statt. Damals wurden Aussagen von Sportreportern kolportiert, die an Ort und Stelle kein Anzeichen der Massaker bemerkt haben wollten. In diesem Zusammenhang könnte Edi Fingers Cordoba-Schrei „I werd’ narrisch!“ einen neuen Unterton gewinnen.
Der britische Investigativjournalist Andrew Jennings (http://www.transparencyinsport.org/) listet seit Jahrzehnten die Verachtung der FIFA und ihrer leitenden Angestellten für Menschenrechte und Fairness auf. Der wegen Korruptionsverdacht von Schweizer und US-Justizbehörden verfolgte Ex-Präsident Sepp Blatter zeichnete unter anderem den liberianischen Menschenschlächter Charles Taylor mit einem FIFA-Orden aus. Taylor wurde von einem UN-Sondertribunal 2012 in Den Haag wegen Kriegsverbrechen zu 50 Jahren Haft verurteilt. Sepp Blatter machte sich ungeachtet seiner Zusammenarbeit mit „Monstern“ (Jennings) Hoffnungen, die FIFA werde dank seiner Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Verfolgung und Diskriminierung

Seit einigen Jahren nimmt die EU den Sport ernst, hauptsächlich seiner Wirtschaftskraft wegen. Sie diskutiert immerhin die Aufnahme des Sports in ihre Menschenrechtscharta. Das wird ein langer Weg. Die Initiative „Fairplay“ in Wien weist immer wieder auf die erschreckenden Zustände in Gastgeberstaaten wie Russland hin, in denen Homosexuelle nach wie vor öffentlich und per Gesetz verfolgt werden. Quatar wird der Finanzierung internationaler Terroristenorganisationen bezichtigt und nutzt internationale Sportwettkämpfe, um sich dem Westen als treuer Freund anzudienen. Amnesty International weist unermüdlich auf die fatalen Zustände in Staaten hin, die Mega-Events veranstalten. So ist zum Beispiel der Austragungsort der Europäischen Olympischen Spiele 2015, Aserbaidschan, dank seiner Herrscherfamilie Alijew einer der korruptesten Staaten der Welt.
Dürfen Sportspiele nur mehr in supersauberen Demokratien ablaufen? Oder begibt man sich dadurch der Chance, auf Problembären wie Russland das Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit zu werfen und damit Reformen einzuleiten? Ist der Glaube des Hans Peter Trost an die demokratisierende Wirkung des Sports berechtigt oder nur ein Verkaufsschmäh der TV-Sender?
Niemand weiß die Antwort. Vielleicht verkalkuliert sich Putin ja, und die WM löst über die „La Ola“-Wellen in den Stadion hinaus auch eine Bürgerrechtsbewegung aus. Bis dahin sollte man auf den über einen Korruptionsverdacht gestolperten Ex-Kaiser Franz Beckenbauer hören: „Schau mer mal.“

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  13:22:13 07.20.2005