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46/2017 - Die Konstruktion von zu Hause
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Die Konstruktion von zu Hause

Die Utopie der Grenzenlosigkeit mündet in einen durchgängigen Reflex, diffusere politisch-kulturelle
Grenzen noch stärker zu ziehen. Ein Essay.


| Von Manfred Prisching


Ohne Grenzen können wir nicht denken. Wo sind überhaupt die Grenzen des „Gesellschaftlichen“, wer sind unsere „verständigen“ Ansprechpartner? Einfache Gesellschaften haben Götter, Dämonen, Tiere und Ahnen als alltägliche Interaktionspartner und moralische Zurechnungsinstanzen betrachtet. Wir haben sie alle aus der Gesellschaft hinausdefiniert. Wir tun uns aber schon bei zwischenmenschlichen Grenzabsteckungen schwer, schließlich gehören zu den großen Zivilisierungsleistungen: die Etablierung von Privatheit, als Abstecken eines Territoriums, in welches andere nicht eindringen dürfen; das Prinzip der Liberalität, als Sicherung der Unantastbarkeit der Person; eine Geldwirtschaft, die befreiende Anonymität sichert; Höflichkeit, die vor Belästigung schützt. Ich bin frei, weil du eine Grenze nicht überschreiten darfst.

Und draußen die Barbarei

Aber natürlich denken wir bei Grenzen hauptsächlich an Territorien. Die „Weltgesellschaft“ konnte man erst jetzt wahrnehmen. Bislang war die Grenzziehung einfach: Innerhalb des Territoriums bestand Zugehörigkeit, außerhalb herrschte Unsicherheit und Barbarei. „Dichte“ Gemeinschaften sind immer noch Objekt romantischer Sehnsucht (und politischer Manipulation), obwohl wir gleichzeitig um unseren Freiheitsgewinn wissen, der durch ein „loseres“ Verhältnis zu den anderen erzielt wird, durch die Anonymität der Stadt, durch die Überschreitung der kleinen dörflichen Einheiten, durch Grenzöffnung.
Die alten Götter waren „Stammesgötter“, deren wesentlichste Aufgabe es war, das eigene Volk zu verteidigen und alle Feinde zu vernichten. Der christliche „Gott aller Völker“ war eine Besonderheit. Alle gehören dazu und haben Menschenwürde. Es gibt keine „Untermenschen“ mehr und deshalb keine willkürlichen Grenzen für die fundamentalen Kategorien der Moral. (Es hat einige Zeit gedauert, bis die Implikationen eines solchen Modells bewusst wurden.) Doch im praktischen Leben ging dieser universalistische Impuls durchaus einher mit Nationalismus und Machtpolitik: Die anderen – jenseits der Grenzen – mögen nunmehr Menschen sein, aber es sind feindliche Menschen.
In den Eroberungskriegen der letzten Jahrhunderte wollte man die Grenzen hinaus-
schieben. Das Land mächtig machen. Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts markierte Grenzen oft mit Blut. Volk ohne Raum. Wettlauf um Kolonien. Wer nicht mächtig sein will, wird unterjocht. Die amerikanische Frontier-Ideologie, die Eroberung des Westens, hat die Selbstdefinition der USA (bis heute) geprägt: eine Eroberungsmentalität, gerechtfertigt durch die Zuschreibung von Exzeptionalismus und die Absicherung durch Gottes Willen. In Europa wurde „fremdes Blut“ aus dem Territorium getilgt. Doch im letzten halben Jahrhundert sollten die Grenzen endgültig fallen: Liberalisierung, Globalisierung, Europäisierung. Sogar die große Grenze, der Eiserne Vorhang, die Gefängnismauer für die Bevölkerung der Ostländer, fiel. Menschlichkeit und Freiheit in der westlichen Welt hieß einfach: Beseitigung von Grenzen.

Die Welt neuer Grenzen

Fielen die Grenzen endgültig? Wer solches sagt, hat keine Einreiseformalitäten in die USA erlebt. Wer über die postnationale Epoche spekuliert, verdrängt die neuen, als Ideologien hochwirksamen Nationalismen, ob auf dem Balkan, in der Türkei oder in Russland. Dazu Brexit, Ausgeburt einer illusionär-großmächtigen Grenzziehungspolitik. China will im machtpolitischen Aufstieg zunächst die Grenze auf das Meer hinausschieben. Katalonien will Grenzziehung. Auch andere Minderheiten wollen neue Grenzen – und würden damit erst recht neue Minderheiten schaffen. Doch selbst europäische Außengrenzen sind unsicher: Ukraine? Russland? Europas touristisch komfortable „Grenzenlosigkeit“ könnte auf einige Jahre beschränkt geblieben sein. Kurze Zeit nur war die negative Bestimmung von Grenzen in Europa unumstritten: Grenzen sind Freiheitseinschränkungen. Grenzenlosigkeit ist erwünscht. Grenzziehungen sind Willkür.
Dann ging es rasch wieder in die andere Richtung: Im Kontext der Migration bedeutet Grenze nicht mehr Schutz vor dem stärkeren, sondern vor dem schwächeren Nachbarn. Die neuen Grenzen sollen durch Wälle befestigt werden, nicht mehr gegen Menschen, die Angriffe durchführen wollen, sondern gegen Menschen, die wirtschaftliche Partizipation anstreben. Schwächen offene Grenzen (ceteris paribus) Herkunfts- und Zielländer gleichermaßen? Das Grenzproblem wird zum Abdichtungsproblem. Dabei gibt es längst „innere Grenzen“: Huntingtons „Clash“ nicht an den Zivilisationsgrenzen, sondern in den westlichen Städten.
Ohne Grenzen, scheint es, können wir nicht leben. Die Konstruktion von Räumlichkeit, mit welchen halbrichtigen oder „imaginierten“ Gründen auch immer unterfüttert, scheint ein anthropologisches Element zu sein: Man lebt in einem Territorium, in dem man sich auskennt, in dem man zu Hause ist und dessen Grenzen man gegen andere verteidigt. Das Eindringen anderer löst Ängste und Aggressionen aus. Kosmopoliten sind gegenüber Lokalisten allemal in der Minderzahl. Die Utopie der Grenzenlosigkeit hat zudem praktische Probleme nicht gelöst. Denn politische Grenzen waren immer ambivalent: einerseits der Anlass für verheerende Kriege, Gewalttaten, Unterdrückung, andererseits handelte es sich um einen zu definierenden Raum für die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat. Schließlich muss jener Souverän (jenes Volk, jene Wählerschaft) definiert werden, der über sich selbst zu befinden hat, indem er die Herrschenden aussucht. Grenzen definieren den Gültigkeitsbereich von Gesetzen, auch sozialstaatlichen Hilfen, und sie schaffen ein Gehäuse, in dem die geltenden Spielregeln durch das Gewaltmonopol des Staates durchgesetzt werden können.

Spielregeln und große Werte

Dem „Gefährdungs- und Gewaltcharakter“ von Grenzen steht somit die positive Bestimmung gegenüber: Grenzen machen gute Nachbarn. (Bezirksgerichte sind bekanntlich mit Grundstücksgrenzkonflikten gut beschäftigt.) Grenze heißt: Abstecken des Eigenen und Fremden. Festlegen von Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Für die Kollektivitäten bedeutet Grenzziehung die Definition des Gültigkeitsbereichs von kulturellen Besonderheiten: Man kennt sich aus. Man hat Spielregeln gemeinsam. Man fühlt sich zu Hause. Man kennt die Grenzen des jeweils (sachlich und moralisch) Sagbaren und Machbaren. Man hat so etwas wie „Leitkultur“ – das sind nicht nur die großen Werte, Verfassungsprinzipien, Menschenrechte, es sind auch die Alltäglichkeiten: Kaffeetrinken, Busfahren, Grüßen, Müll entsorgen. Man kann das Verhalten der anderen ohne große Anstrengung „entziffern“. Man weiß, was man erwarten kann und verlangen darf. Man ist sicher, körperlich und finanziell.
Doch diese Art von Vertrautheit ist im Schwinden, alle Grenzen werden durchlässig, in erster Linie durch globale Ströme von Gütern und Diensten, Moden und Bildern, Informationen und Finanzen, Sensationen und Risiken, die über alle Grenzen strömen – auch Hits und Stars, Ängste und Dummheiten. Und wir machen die Erfahrung, dass man trachtet, Grenzen, die diffus werden, mit besonderem Nachdruck zu ziehen.

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  17:38:27 07.13.2005