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51/2017 - Im dunklen Schatten der Heilsgeschichte
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Alt , 03:00
Im dunklen Schatten der Heilsgeschichte

Im Neuen Testament führt Josef eine Randexistenz. Auf vielen mittelalterlichen Darstellungen der Geburt Jesu hat er, im Gegensatz zu Maria, nicht einmal einen Heiligenschein. Ein Mann von Charakter zwar –
aber weitgehend einer ohne Profil.


| Von Josef Imbach

Was wir über Josef sagen können, findet auf einer Ansichtskarte Platz. Zum letzten Mal erwähnen ihn die Evangelisten, als er mit seiner Familie nach Jerusalem zieht, um in der Heiligen Stadt die Bar-Mizwa, den Eintritt ins Mannesalter und damit die religiöse Mündigkeit des etwas über l2-jährigen Jesus, zu feiern. Dann verliert sich seine Spur im Dunkel der Geschichte.
Ganz nebenher, aus dem Mund seiner Landsleute erfahren wir, dass Josef der gesellschaftlichen Mittelschicht angehörte (Mk 6,3) und somit vermutlich ein hinreichendes Auskommen hatte als Baumeister oder als Zimmermann oder als Tischler. Auch als Steinmetz oder als Schmied könnte er sich betätigt haben. Oder als Kunsthandwerker. Die von Markus verwendete griechische Berufsbezeichnung tekton ist vieldeutig.
Dem Matthäusevangelium zufolge wollte er seiner Braut den Scheidebrief ausstellen und sie „im Stillen“ verlassen, als er ihre Schwangerschaft bemerkte. Erst auf den Zuspruch des Traum-Engels hin tritt Josef die Vaterschaft an – und gleichzeitig wieder in den Hintergrund. Weiter schreibt Matthäus, dass Josef, kaum dass das Kind geboren ist, in Ägypten Asyl sucht, weil Herodes alle vermeintlichen Königsanwärter umbringen will. Nach dessen Tod kehrt er mit seiner Familie „ins Land Israel“ zurück und lässt sich in Nazaret nieder. Mehr berichtet der Evangelist über Jesu Ziehvater nicht.

Vorbild alttestamentlicher Josef

Dieses Wenige ist noch theologisch eingefärbt. Wenn Matthäus erzählt, dass ein Engel Josef mehrmals im Traum heimsucht, hat er gleichzeitig die Geschichte des altägyptischen Josef, des zweitjüngsten Sohns des Patriarchen Jakob, vor Augen, den seine Brüder als „Träumer“ verspotten. Herodes, der den Neugeborenen nach dem Leben trachtet, wird nach dem Vorbild des Pharao gestaltet, der verfügte, dass alle männlichen Israeliten gleich nach der Geburt umzubringen seien. Und wie weiland der kleine Mose entkommt auch das Jesuskind der Hand der Häscher.
Lukas überliefert weitere Details, die sich allerdings nicht so ganz ins von Matthäus gezeichnete Bild fügen. Von Josefs Zweifeln an der Treue seiner Verlobten ist ihm nichts bekannt. Während Josef dem Matthäusevangelium zufolge in der Davidsstadt Betlehem ansässig ist, berichtet Lukas von einer Reise, die das Paar von Nazaret aus dorthin unternimmt, um sich in die Steuerlisten eintragen zu lassen. 40 Tage nach der Geburt Jesu macht sich Josef mit seiner Familie auf den Weg von Betlehem nach Jerusalem, um im Tempel das für Wöchnerinnen vorgeschriebene Reinigungsopfer darzubringen. Unmittelbar danach kehrt die Familie nach Nazaret zurück. Von Josef ist dann nur noch einmal kurz die Rede, im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Wallfahrt in die Heilige Stadt, bei welcher Gelegenheit der Gottessohn die Gottesgelehrten das Staunen lehrt.
Auch wer in Sachen Bibelauslegung nicht besonders versiert ist, wird auf den Gedanken kommen, dass es Matthäus und Lukas bei der Niederschrift der Kindheitsgeschichte Jesu in erster Linie nicht darum ging, über historische Sachverhalte zu referieren. Ihnen lag vor allem daran, die davidische Herkunft Jesu und seine Messianität hervorzuheben. Denn aus dem Geschlecht Davids, und aus Betlehem, der Stadt Davids, musste einer damals fast allgemein verbreiteten Meinung zufolge der Messias hervorgehen. Damit wird verständlich, warum in den Kindheitsgeschichten Jesu von Josef nur am Rand die Rede ist.
Das wollte schon in den ersten Jahrhunderten vielen nicht einleuchten, unter anderem deshalb, weil in den Evangelien ausdrücklich von Jesu Brüdern und Schwestern die Rede ist (Mk 3,32 und 6,3). Dieser Sachverhalt gab Anlass zu allerlei Spekulationen. So verwundert es nicht, dass mehrere außerbiblische apokryphe, erst im 3. und 4. Jahrhundert entstandene Schriften Josefs Leben und Los recht ausführlich schildern. Sie berichten davon, dass Josef – alt, verwitwet und Vater von vier Söhnen und zwei Töchtern – seinen Wohnsitz in Betlehem hat. Als Maria, die ihr Leben als Tempeljungfrau dem Herrn geweiht hat, ins heiratsfähige Alter kommt, rufen die Priester alle Witwer Israels zusammen; ein jeder soll mit seinem Wanderstecken in Jerusalem erscheinen. In der Nacht nach ihrer Ankunft sprießt aus Josefs Stab eine Blüte, was darauf hindeutet, dass er dazu bestimmt ist, die Jungfrau heimzuführen. Nach anfänglichem Widerstreben nimmt er Maria zu sich. Die Vermählung findet ohne große Feierlichkeiten statt. Es handelt sich ja bloß um eine Scheinhochzeit, da die Priester das Mädchen Mirjam dem betagten Josef nicht zur Frau, sondern lediglich in seine Obhut gegeben haben. Auf vielen alten Darstellungen der Geburt Jesu erweckt der greise Mann mit den Sorgenfalten im Gesicht den Eindruck, als wüsste er, dass er nichts zu sagen und wenig zu fragen hat. Auch das geht auf die apokryphen Erzählungen zurück.

Wie Josef seine Hosen opfert

In der Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts taucht auf den Darstellungen der Geburt Jesu dann plötzlich ein neues Motiv auf. Während Maria sich in frommer Anbetung dem Kind zuwendet, denkt Josef ans Essen; genauer noch, er kocht. Offensichtlich wird hier jene theologische Lehre ins Bild umgesetzt, nach welcher Josef nicht der leibliche, sondern lediglich der Nährvater Jesu ist. Diesen Sachverhalt unterstreichen manche Künstler noch zusätzlich, indem sie den kochenden Josef in einen Mantel hüllen. Im Mittelalter wurde eine Adoption vielerorts dadurch vollzogen, dass der Adoptivvater das Kind mit einer symbolischen Geste unter seinen Mantel nahm.
An die dienende Rolle Josefs innerhalb der Heilsgeschichte erinnert auch eine um 1500 entstandene Darstellung der Geburt Christi auf dem Multscher-Altar im Museum des Deutschherrenhauses im südtirolerischen Sterzing. Sie zeigt einen unbeholfen wirkenden Josef der sich gerade seiner Beinkleider entledigt. Die Absicht, die er damit verfolgt, verrät ein altes Weihnachtslied in Form einer Marienklage. Die Mutter Jesu jammert darin, dass sie nicht einmal einen Fetzen Tuch hat, um das Neugeborene zu wickeln. Das Leid der Braut und das Mitleid mit ihrem Sohn veranlassen Josef, seine Hosen zu opfern: Wie baldt dass Joseph die Redt vernahm / Sein hosen von seinen Beinen nam. / Er warff sie Maria in ihr schoss / Darin schlug [wickelte] sie gott den hern gross. Mit der merkwürdigen Geschichte von Josefs Hosen befördert die schlichte Volksfrömmigkeit Josef zum ersten Christusjünger, der sich ein Jesuswort zu Herzen nimmt, noch bevor es überhaupt ausgesprochen ist: „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt – mir habt ihr es getan.“
Ausgerechnet Josef, der graue, greisenhafte Mann, den die Künstler oft aus dem Lichtkreis der Stalllaterne verbannen, zeigt uns, noch bevor die neue Religion einen Namen hat, worauf es dem ankam, von dem sich das Christentum herleitet.

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