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29/2018 - Die braunen Wurzeln der Esoterik
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Alt , 07:35
Die braunen Wurzeln der Esoterik

Esoterik-Experte Johannes Fischler über „Wurzelrassen“, schwarze Sonnen, „karmische Notwendigkeit“, Nazi-Okkultismus, den Aberglauben Adolf Hitlers und Esoterik als Fundamentalismus im Schafspelz.

| Das Gespräch führte Sarah Kleiner

Selbst praktizierende Energetiker und Eso-affine Bürger wissen oft nicht über die rechtsideologischen und antisemitischen Wurzeln der Esoterik Bescheid. Johannes Fischler, Psychologe und Autor des Buches „New Cage – Esoterik 2.0“, beschäftigt sich seit Jahren mit der heimischen Szene. Im Interview spricht er über ihre braunen Ursprünge – und die Parallelen im Gedankengut heutiger Esoteriker.

DIE FURCHE: Eine Schlüsselfigur der esoterischen Ideologien war die gebürtige Ukrainerin Helena Blavatsky. Mit ihren millionenfach verkauften, zitierten und kopierten Büchern entwickelte sie in ihrer „Geheimlehre“ (1888) unter anderem das Konzept der Wurzelrassen, das später die Rassenideologie der Nationalsozialisten beeinflusste. Inwieweit sind Esoterik und Nazi-Ideologie verknüpft?
Johannes Fischler: Helena Petrovna Blavatsky rief eine weltweit verbreitete Bewegung ins Leben, die sogenannte Theosophische Gesellschaft, die durchaus politischen Einfluss hatte. Blavatsky gilt als Urmutter der „neueren“ Esoterik. Sie behauptete, von „aufgestiegenen Meistern“ aus Tibet geistige Eingebungen zu erfahren, die sie in ihren Büchern zusammenfasste. Zentrales Konzept ihrer Weltsicht ist die Wurzelrassenlehre, laut derer die am höchsten entwickelte menschliche Rasse die Arier seien. Die Germanen seien Abkömmlinge dieser Arier und dazu berufen, die Erde ins Licht zu führen. Die Semiten seien eine „Verunreinigung“ der arischen Wurzelrasse, ihr Verlöschen daher eine „karmische Notwendigkeit“. Ihre Ideologie vermischte sich mit der Vorstellung gereinigter germanischer Lichtmenschen bei den Wienern Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels, woraus sich die rassisch-okkultistische Ariosophie entwickelte. Liebenfels war Herausgeber der esoterisch-kultischen Schriftenreihe „Ostara“, die auch der junge Adolf Hitler las. Der darin publizierte Mystizismus hat Hitlers Weltbild stark beeinflusst. Und hier spannen wir den Bogen zur heutigen Esoterik: die „aufgestiegenen Meister“ der „Großen Weißen Bruderschaft“, die laut Blavatsky den großen „Weltenplan“ erfüllen sollen, findet man heute als exotische Namen auf den Etiketten von Engelssprays, die man auch in der Apotheke kaufen kann. Bei jedem „Aspirin“ gibt es einen Beipackzettel, der mich vor den vielen möglichen Nebenwirkungen warnt. Wo ist der Beipackzettel bei diversen „feinstofflichen“ Essenzen, der mir sagt, dass ich mir hiermit faschistisches Gedankengut in die Aura sprühe?
DIE FURCHE: Welche Parallelen sehen Sie zur heutigen Esoterik?
Fischler: Das Gedankengut ist teils exakt das gleiche wie Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals bildeten sich esoterische Ansichten in breiten Teilen der Gesellschaft heraus und boten einen zusätzlichen Nährboden für den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Antisemitismus ist heute wieder sehr präsent, auch dadurch, dass eine grassierende Verschwörungsmystik als Brandbeschleuniger wirkt. Modernitätsfeindlichkeit und Retroromantik verstanden sich gut mit einer Rückbesinnung auf das Schöne, Reine und Edle. Volksmythen schufen Identität, Heilsbotschaften, Prophezeiungen und Führung wurden groß geschrieben. Vernunft, Intellekt und Demokratie avancierten zu Feindbildern – Entwicklungen, die auf die heutige Zeit übertragbar sind. Diese und andere Ideen bildeten den präfaschistischen Ideologiekomplex, auf dem der Nazi-Okkultismus sein völkisches Reinheitsdenken aufbaute. Der innerste Kern der Nationalsozialisten war von Spiritismus geprägt und innerhalb der SS wurde dieser mit kultischen Ritualen vertieft. Heinrich Himmler sah sich selbst als Reinkarnation von König Heinrich und traf kaum eine Entscheidung ohne seinen Orakelleger. Die mystische „Schwarze Sonne“ zierte als kreisförmige Anordnung von Siegrunen den Ring verdienter SSler und findet als Schutzmedaillon auch heute noch zahlreiche Abnehmer – nicht nur in rechten, sondern auch in esoterischen Kreisen.
DIE FURCHE: Welche Gefahren für die Gesellschaft birgt die Esoterik?
Fischler: Esoterik ist Fundamentalismus im Schafspelz. Propagiert wird darin, dass es Menschen mit höherer Energiefrequenz gibt und Leute, die noch nicht so weit „entwickelt“ sind mit niedrigerer Energie. Menschen, die an das glauben, fangen dann durch Selbstmanipulation an, die „schlechten Energien“ bei anderen tatsächlich zu spüren. Sie distanzieren sich immer mehr von den „bösen Energieräubern“ – der Glaube an Übermenschen forciert so die Entmenschlichung des Mitmenschen. Zudem fördert Esoterik den Irrationalismus, der Führerglaube ist ohnehin „State of the Art“. Das Ziel ist es meist, blindlings seiner „Intuition“ zu folgen, ohne groß über Entscheidungen nachzudenken. Damit gibt man seine Verantwortung an eine mystifizierte Instanz ab. Ob nun an höhere Meister oder das „Höhere Selbst“ macht keinen Unterschied, denn „das Selbst“ ist nicht gleich „du selbst“. Dass die Esoterik in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, bedeutet schlicht, dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr gewohnt ist, einen kritischen Diskurs zu führen und es auch gar nicht will.

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  09:29:53 07.17.2005