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31/2018 - Der alte Fürst vom Hutt River
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Alt , 05:52
Der alte Fürst vom Hutt River

Australiens zweitgrößtes Land hat einen Generator, vier Traktoren, 30 Einwohner und 50 Botschafter in aller Welt – nur dass die meist nichts davon weiß. Besuch in einem Fürstentum.

| Von Günther Spreitzhofer


Plötzlich stand er da, gleich neben dem Fahnenmast im Vorgarten des geduckten Häuschens mit dem Wappen, wo dringend wieder einmal gejätet werden sollte. Schütteres Haar, schwarze Filzpantoffel, graue Strickwes*te. Leonard George Casley, Farmer und Philosoph, Mathematiker und Manager. Ein gebeugter alter Mann mit wachen Augen, der sich nicht beugen lässt und den Rechtsstaat Australien älter aussehen lässt, als er selbst ist. Casley ist 93 und seit 48 Jahren Staatsoberhaupt von eigenen Gnaden, der sich mit His Royal Highness Prince Leonard I. of Hutt zufrieden gibt, wie er augenzwinkernd anmerkt. Sein Fürstentum Hutt River liegt im Bundesstaat Western Australia, rund 600 km nördlich von Perth und 100 km südöstlich von Geraldton.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Am 21. April 1970 feierte Queen Elizabeth II., das offizielle Staatsoberhaupt von Australien, ihren 44. Geburtstag. Am selben Tag erklärte der Weizenfarmer Casley mit einem Brief an Sir David Brand, den amtierenden Premierminister, die Sezession vom Commonwealth of Australia. Begründung: Irreparable Konflikte über staatliche Produktionsquoten für Weizen, die sich aufrechte Bürger nicht bieten lassen können.

Unabhängig nach geltendem Recht

Unter Berufung auf Britisches Recht (Landesverratsakt 1495) sei es möglich gewesen, sich straffrei als unabhängig zu deklarieren – der Queen gegenüber sei er ohnedies immer loyal gewesen. Ein Monarch könne nicht nur nicht angeklagt werden, mehr noch, wer ihn – von seinen Untertanen gewähltes Staatsoberhaupt – an der Ausübung seiner Pflichten hindere, sei selbst ein Verräter.
Untertanen hat er nicht gar so viele. Etwa 30 Menschen schätzt er, die meisten sind Verwandte, aber sicher ist er nicht. Mit 75 Quadratkilometern ist Hutt River so groß wie Hongkong, doch äußerst spärlich besiedelt. Farmland, mitten in Westaustralien, wo auch rund 200 Aborigines irgendwo da draußen, zwischen Lake Beginning und Mount Secession, leben sollen. Aber genau weiß er es nicht. Steuern zahlt sowieso keiner. Er übrigens auch nicht – seit einem australischen Gerichtsurteil, wonach die damalige Hutt River Province offiziell zum Ausland erklärt wurde. Ein weiteres Urteil verpflichtet die australische Post, Briefe mit den Briefmarken von Hutt River in alle Welt zu schicken und nicht den Umweg über Kanada nehmen zu lassen, wie das früher der Fall war. Juristische Fakultäten aus aller Welt erstellen Expertisen über den skurrilen, hageren Monarchen, der sich zu offiziellen Anlässen stets mit Zepter und roter Schärpe zeigt und die Principality News, die offizielle Zeitung von Hutt River, verteilt. Der Mann vom Hutt River hat seinen Kampf gegen bürokratische Windmühlen längst souverän gewonnen. Und eine lukrative Einnahmequelle gefunden, die, losgelöst von Dürreperioden und agrarischen Weltmarktpreisen, saftige Einnahmen bringt. Der alte Mann versteht, sich zu vermarkten. „An Australian Monarch“, eine Monografie von William Pitt, um 17,50, T-Shirts um 20, Flaggen um 25 oder Lineale um 3 australische Dollar – oder PHR-Dollar, die paritätisch gehandelt werden.

Bürger in der Fremde


Irgendwann einmal war nicht mehr alles Jux und Tollerei. 18.000 Menschen weltweit haben mittlerweile eine Staatsbürgerschaft (overseas citizenship) erkauft, dürfen sich aber ohne Genehmigung nicht in Hutt River ansiedeln. Für umgerechnet 500 Euro war man dabei, was nicht jeder mehr lustig fand, vor allem weil es immer öfter gelungen sein soll, mit diesen Pässen die Grenzen von UNO-Staaten zu passieren. So gibt es seit 2008 einen Beschluss des EU-Parlaments, die Pässe von PHR als Fantasiepässe zu deklarieren.
„Dum spiro, spero“ – solange ich atme, hoffe ich. So lautet der Wahlspruch des Landesfürsten. Aufrecht ist er immer noch. Aber ein alter Mann muss sich auch setzen dürfen, wenn die Luft knapp wird nach den Lungenentzündungen der letzten Jahre. Er hat viel erlebt in einem prallen Leben, in dem er erst in den 1960ern zum Farmer wurde. Er war Mathematiker, Astronom und Physiker, der in den 1950ern Flugbahnen für die NASA berechnete. Er ist Verfasser zahlreicher Schriften in der Tradition der mythologisch-religiösen Bewegung von Hermes Trismegistus. Er experimentiert mit Fibonacci-Zahlen und erhielt vom Smithsonian Institute auf eine fachliche Anfrage hin die lapidare Antwort, dass ihm niemand mehr helfen könnte, weil sein Wissensstand längst zu hoch sei. Er ist vielfacher Ehrendoktor renommierter Universitäten. In seinen Ausstellungsräumen türmen sich Staatsgeschenke, Huldigungen und Urkunden. Der Papst hat ihm geschrieben, Johannes Rau aus Deutschland und auch die Vertreter der Volksrepublik China.
Mit den Jahren haben Hutt River und Australien miteinander leben gelernt, denn Goliath Australien will gar nicht kämpfen. 1977 hat er seiner Ex-Heimat sogar den Krieg erklärt, aber dann doch resigniert, weil Australien nicht danach war. Gut so, denn die Hutt River Royal Navy hatte gerade ein Ruderboot, um Flussfisch für den Mittagstisch zu fangen.
Dabei könnte er sogar standesgemäß auf Staatsbesuch fahren. Im Schuppen neben der knatternden blaugelben Flagge steht ein weißer Cadillac, Nummernschild PHR 1.
Kaputte Fahrzeuge stehen genug herum, in der Hauptstadt des Fürstentums, die früher eine schlichte Weizenfarm mit Nebengebäuden war und heute Nain heißt. Es gibt eine Kapelle, wo damals die Inaugurationsmesse gehalten wurde und heute ein paar struppige Hunde dösen. Daneben die Regierungsgebäude, ein eingeschossiger Ziegelbau mit Veranda: „Wen ich hier ohne gültiges Visum antreffe, der muss hierbleiben und ein wenig arbeiten“, sagt Leonard I. augenzwinkernd, und drückt einen Einreisestempel von PHR in den Reisepass. Das kostet zwei Dollar, die er in seiner grauen Westentasche verschwinden lässt.
Dahinter befinden sich die staatlichen Toilettenanlagen, Duschen und eine ältliche Waschmaschine, in der ein Gecko wohnt. Dort stehen auch zwei ausgemus*terte Wohnwägen, aufgebockt auf Planken und Ziegelresten, mit etwas Plas*tikblumenschmuck versehen, wenn Staatsgäste erwartet werden.

Tausende Gäste


Die kommen seltener als Touristen, obwohl die regionalen Tourismusbüros rundum weder Broschüren noch aktuelle Anfahrtsskizzen aufliegen haben. Über 30.000 Menschen schaffen es angeblich trotzdem jährlich in die kleine Farm, wo Prinz Leonard immer noch fast täglich ab neun Uhr neben dem Fahnenmast auftaucht, nachdem Lakaien das blaugelbe Banner aufgezogen haben. Gegenüber steht eine Sandsteinbüste auf einem Sockel, mindestens ein Kubikmeter zwinkerndes Gesicht des Regenten, dahinter zwei Soldatenpuppen in Blechrüstung. Er, Leonard Casley, hat einen eigenen Stern, einen Roten Riesen, der nach ihm benannt ist: „Wenn ihr mich wieder sehen wollt, sucht mich einfach da oben am Himmel“, sagt er und zwinkert.

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  15:21:43 07.20.2005