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32/2018 - Qual und Kunst des Alleinseins
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Alt , 05:46
Qual und Kunst des Alleinseins

Einsamkeit ist ein Problem. Doch ist sie eine „tödliche Krankheit“, verstärkt durch digitale Medien, wie Manfred Spitzer behauptet? Eine Einordnung.

| Von Doris Helmberger


Einsame Strände gelten als Inbegriff eines Traumurlaubs. Wer sie entdeckt, wer sich ungestört von Touristenmassen in die Fluten wirft oder abends den Blick über den Horizont schweifen lässt, kann sich glücklich schätzen. Zumindest dann, wenn die Verlassenheit nur den Strand und nicht das eigene Empfinden betrifft.
Nicht nur für Paare, auch für Singles wird der Urlaub mitunter zur Belastungsprobe: Während die einen mit ungewöhnlich viel Nähe umzugehen haben, ist es bei den anderen die drohende Einsamkeit. Ähnlich wie Weihnachten markiere der Sommerurlaub eine jährliche Zäsur, erklärte die Psychotherapeutin Silvana Kederst unlängst gegenüber orf.at: Im Alltag lassen sich soziale Kontakte zu Arbeitskollegen oder Freundinnen relativ einfach pflegen; im Urlaub ist man hingegen ohne Begleitung auf sich zurückgeworfen. Manche genießen es, ganz bei sich und für sich zu sein. Anderen wird das Fehlen eines Partners oder einer Partnerin womöglich noch schmerzlicher bewusst.

Sozial isoliert – oder einsam?

Ob im Urlaub oder im Alltag: Die Zahl der Menschen, die alleine leben, nimmt zu. Gab es etwa in Österreich 1985 noch rund 770.000 Einpersonenhaushalte, so waren es im Vorjahr mit 1,4 Millionen bereits fast doppelt so viele. Wie gut vernetzt oder sozial isoliert die 800.000 allein wohnenden Frauen und 640.000 Männer sind, lässt sich aus diesen Zahlen freilich nicht herauslesen. Und schon gar nicht, wie glücklich oder verlassen sie sich in ihren vier Wänden fühlen.
Der Zusammenhang zwischen tatsächlicher sozialer Isolation und dem subjektiven Gefühl der Einsamkeit ist nämlich geringer als vermutet: In einer Studie an knapp 12.000 Personen fanden Caitlin Coyle und Elizabeth Dugan von der University of Massachusetts in Boston gerade einmal eine Korrelation von 0,2. Menschen – insbesondere depressiv Erkrankte – können sich auch einsam fühlen, obwohl sie viele Freunde und Bekannte haben oder in eine intakte Familie eingebettet sind; umgekehrt kann man völlig zurückgezogen leben und sich durchaus wohlfühlen dabei. Die Zahl bester Freunde – als jener Menschen, denen man sich im Ernstfall anvertraut und die man um Hilfe bittet – bestimmt freilich das Gefühl von Einsamkeit wesentlich mit.
Angesichts zunehmender Individualisierung, Urbanisierung, Digitalisierung und steigender Lebenserwartung gilt Einsamkeit jedenfalls als wachsendes Problem. Besonders hohe Wellen hat eine Online-Studie des Roten Kreuzes in Großbritannien geschlagen, wonach sich gut 13 Prozent der 66 Millionen Briten häufig einsam fühlen; etwa 200.000 Senioren haben höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder mit Verwandten. Obwohl auf der Insel sonst gern die „splendid isolation“ gepriesen wird – diese Zahlen riefen die Politik auf den Plan: Eine eigene Kommission zum Thema Einsamkeit wurde ins Leben gerufen. Im Jänner dieses Jahres machte Premierminis*terin Theresa May schließlich die 42-jährige Staatssekretärin für Sport und Zivilgesellschaft, Tracey Crouch, zum „Minister for Loneliness“: Die zertifizierte Fußballtrainierin und Beraterin soll diese „Epidemie im Verborgenen“ bekämpfen.

Ministerium für Einsamkeit

Ob es sich tatsächlich um eine Epidemie handelt und heute mehr Britinnen und Briten einsam sind als früher, lässt sich freilich mangels Vergleichsdaten nicht sagen. Auch in deutschen Untersuchungen zeigen sich seit den 1990er-Jahren keine Veränderungen, weiß der Soziologe Janosch Schobin, der an der Universität Kassel soziale Isolation beforscht. Zudem gebe es große kulturelle Unterschiede, wie mit Einsamkeit umgegangen werde, erklärte Schobin unlängst der Kleinen Zeitung: In Lateinamerika etwa seien Klagen über derlei Gefühle absolut üblich, woraufhin Betroffene oft unterstützt würden. In Nordeuropa werde dieses Gefühl hingegen meist stigmatisiert. „Menschen schämen sich für ihre Einsamkeit“, meinte Schobin.
Wie immer man in diese Situation geraten ist: Dass Einsamkeit ungesund ist, scheint unbestritten. Sie sei genauso schädlich wie der Konsum von 15 Zigaretten am Tag, haben Forscher der Brigham Young University im US-Bundesstaat Utah herausgefunden. Der Ulmer Neurowissenschafter Manfred Spitzer geht indes noch weiter: In seinem jüngsten Buch bezeichnet er Einsamkeit als „unerkannte Krankheit“, die schmerzhaft, ansteckend und tödlich, ja die „Todesursache Nummer eins“ in den westlichen Gesellschaften sei. Einsamkeit löse nicht nur chronischen Stress aus, der seinerseits das Risiko für Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionskrankheiten oder Krebs erhöht; sie sei auch das Problem psychisch kranker Menschen und bewirke etwa ein rascheres Fortschreiten von Demenz.
Von Einsamkeit betroffen sind nach Spitzer nicht nur ältere Menschen (auf Grund höherer Lebenserwartung vor allem Frauen), sondern auch junge. Neben der Urbanisierung, die zu einem Einbruch der Geburtenraten, mehr Anonymität und Vereinzelung führe, sieht er die digitalen Medien als Haupt*ursache. „Die Digitalisierung bringt Menschen nämlich nicht, wie oft behauptet wird, zusammen, sondern bewirkt eine Zunahme von Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit“, schreibt der streitbare Psychiater, der schon in seinen Bestsellern „Cyberkrank“ und „Digitale Demenz“ gegen die neuen Medien vom Leder zog. Gerade bei Kindern und Jugendlichen würden sie die realen Sozialkontakte in einem nie da gewesenen Ausmaß ersetzen, ist er überzeugt. Zudem würde die narzisstische Selfie-Kultur den „Trend zur Selbstbezogenheit“ und zum Abbau von Empathie verstärken. Der „nachlässige“ Erziehungsstil vieler Eltern tue sein Übriges, so Spitzer. Nicht zuletzt könnten soziale Netzwerke durch Anreize zur Untreue auch bestehende Beziehungen gefährden und dadurch Einsamkeit produzieren.
Um seine Thesen zu unterfüttern, zitiert Spitzer zahllose Studien (allein der Anhang seines Buches umfasst 60 Seiten!). Kritiker werfen Spitzer (neben Kulturpessimismus, verkaufsfördernden Zuspitzungen und missionarischem Eifer beim Kampf gegen alles Digitale) freilich vor, gern tendenziöse Schlussfolgerungen zu ziehen und Ursache-Wirkung-Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind. Kann etwa Einsamkeit tatsächlich Krankheiten wie Krebs auslösen? Oder ist Kranksein nicht umgekehrt ein Risikofaktor dafür, sich einsam zu fühlen? „Statis-tische Zusammenhänge sagen nichts über Ursache und Wirkung“, schreibt er selbst in seinem Buch. „So könnte es sein, dass einsame Menschen eher dazu neigen, soziale Onlinemedien aufzusuchen.“

Spenden und singen gegen Vereinzelung

Auch der Soziologe Janosch Schobin begegnet der These, wonach soziale Medien junge Menschen einsam machen würden, mit Vorsicht. Schließlich könnten WhatsApp und Co es ihnen auch leichter machen, sich mit Freunden zu koordinieren. Für Manfred Spitzer ist das abwegig. Er sieht in prosozialen Aktionen wie Spenden, Ehrenamt, Pfadfinder-Mitgliedschaften oder gemeinsamem Musizieren, Singen und Tanzen die besten Wege, die Vereinsamung des „Gemeinschaftswesens“ Mensch zu verhindern. „Alle Handlungen, die uns einander näherbringen, wirken gegen Einsamkeit“, schreibt Spitzer. Klingt trivial, ist aber nicht weniger plausibel als hunderte Studien.
Und was, wenn Menschen sogar bewusst allein sein wollen – etwa nach einem stressigen Tag oder im Urlaub? Dann rät ihnen der Psychiater nicht zum depressiv machenden Tagträumen in den eigenen vier Wänden, sondern zu Aktivitäten in der freien Natur. Er selbst hat sich – als fünffacher Vater mittlerweile allein lebend – im Sommer 2017 auf eine kleine Ostseeinsel begeben, um sein Buch zu schreiben. Weil ihn seine Kinder und Freunde besuchten, habe er sich niemals einsam gefühlt, schreibt Spitzer. Vielleicht hat er sogar einen einsamen Strand gefunden, um seinen Bestseller zuzuspitzen. Man möchte es ihm gönnen.



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