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03/2018 - „Ich muss kein guter Mensch sein“
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Alt , 03:16
„Ich muss kein guter Mensch sein“

Die Dominikanerin Teresa Hieslmayr arbeitet mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen.
Was sie antreibt, warum zu Narzissmus neigende Idealisten oft keinen langen Atem haben –
und warum sie „Gutmenschen“-Polemik dennoch für einen „Frevel“ hält.


| Von Doris Helmberger

Heute ist Hassans (Name von der Redaktion geändert) letzter Tag. Nur noch die letzten Sachen zusammenpacken, nur noch schnell den Müll entsorgen, dann wird seine Zeit hier, in der Caritas-Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien-Simmering, endgültig vorüber sein. Der Kurde ist aufgeregt, aber guter Dinge, alle halbe Stunde kommt er ins Büro, um mit Schwester Teresa die letzten Dinge zu klären. „Hast du ein Sackerl für den Restmüll?“, fragt er die zierliche Frau, die er fast um einen Kopf überragt. „Weißt eh, ein ganz kleines, ungefähr 40 Zentimeter?“ „Ja sicher“, antwortet sie amüsiert, „wir können es gern abmessen!“
Es ist ein schöner, aber auch ein wehmütiger Tag für die 42-Jährige: „Hassan war so eine integrative Person und bei jedem Blödsinn dabei“, wird sie später erzählen. Es sei nicht immer leicht, wenn zwölf Syrer, Afghanen und Somalis zwischen 15 und 18 Jahren in einer Wohnung zusammenleben würden. „Aber wenn Hassan einen Schmäh gemacht hat, haben sich wieder alle gut verstanden.“ Fast zwei Jahre lang hat sie den Burschen, der sich durch seine Flucht vor der Einberufung in die Armee retten konnte, begleitet. Sie hat ihn bei Behördengängen unterstützt, ist zum Elternsprechtag seiner Schule marschiert und hat sich mit ihm gefreut, als nicht nur sein Antrag auf Asyl, sondern auch jener auf Familiennachzug positiv beschieden wurde. Nun muss er die WG verlassen – wie jeder Flüchtling, der volljährig wird. Während andere Burschen oft noch keine neue Bleibe haben, kann Hassan zu seinen Eltern ziehen. Ein letztes Mal kommt er ins Büro, um den Schlüssel abzugeben und die dicke Dokumentenmappe abzuholen. „Pass gut darauf auf, diese Mappe ist urwichtig“, erklärt ihm Schwester Teresa halb lachend, halb belehrend. „Aber du machst es sicher gut!“

„Da ist kein Urvertrauen“

Allein vier der zwölf Burschen, die sie zuletzt begleitet hat, werden heuer 18 Jahre alt und müssen deshalb die Wohngemeinschaft verlassen. So lautet die Vorschrift der zuständigen Magistratsabteilung elf. Nicht jeder hatte so viel Glück wie Hassan, für manche findet sich bis zuletzt keine Bleibe. Doch alle vier haben sich in den Jahren hier persönlich gut entwickelt. „Es ist schön zu sehen, dass da vier gestandene Männer
hinausspazieren“, erzählt die Ordensfrau. Um die beiden 17-jährigen Youngsters der WG macht sie sich hingegen große Sorgen. Einer hat einen negativen Asylbescheid und wartet auf sein zweites Interview, der andere ist nur subsidiär schutzberechtigt. Beide können oft nächtelang nicht schlafen, sind häufig krank und blicken voll Pessimismus in die Zukunft. Es sei eben ein Unterscheid, erklärt Schwester Teresa, ob Menschen in einer intakten Familie in einem relativ stabilen Umfeld groß geworden seien – oder als Halbwaisen in einem von Krieg und Korruption zerrütteten Land. „So etwas wie Urvertrauen hat man da nicht – dass man etwa glaubt, dass das Leben auch einmal gut werden kann.“

Undercover-Aktion als Russin

Dass einmal alles gut wird – dieses Gefühl hatte auch sie selber lange nicht. Heute allerdings schon, wenn auch immer wieder anders, wie sie sagt. Doch die Ordensfrau ist nicht naiv, sie kennt ihre Pappenheimer, sie weiß, dass Menschen nicht besser sind, nur weil sie dringend Hilfe brauchen. Schon während ihres Theologie- und Germanistikstudiums in Wien hat sich die gebürtige Ober-
österreicherin in der Flüchtlingsarbeit engagiert und Deutschkurse angeboten. Einmal hat sie einen Monat lang undercover als vermeintliche Russin in einem Flüchtlingshaus mitgelebt. „Da habe ich schon ganz viel mitbekommen von der Szene“, erzählt sie, „und ich habe vor allem eines gelernt: Dass Flüchtlinge sich von uns nur darin unterscheiden, dass sie fliehen mussten. Ansonsten sind sie genauso gut und schlecht und dumm und gescheit wie wir – und um keinen Deut anders.“
Gerade am Höhepunkt der Fluchtbewegungen, im Sommer und Herbst 2015, seien freilich die Ankommenden häufig idealisiert worden. Entsprechend groß war schon damals ihre Sorge, dass das Engagement der vielen Freiwilligen auf den Bahnhöfen nicht nachhaltig sein würde. Nach den Ereignissen zu Silvester in Köln und auf Grund eigener Erfahrungen waren tatsächlich ein halbes Jahr später viele Engagierte enttäuscht und frustriert. Besonders gefährdet seien hier „zu Narzissmus neigende Idealisten, weil ihr Ego dadurch angegriffen wird, wenn etwas nicht funktioniert“, erklärt Hieslmayr, die auch eine Ausbildung zur Psychotherapeutin durchläuft. „Und es funktioniert oft etwas nicht. Du investierst viel und dann denkst du dir: Was kommt jetzt heraus?“
Dennoch brauche die Welt in Zeiten wie diesen auch solche Idealisten dringend. Entsprechend groß ist ihr Ärger darüber, wenn engagierte Menschen als „Gutmenschen“ denunziert werden. „Das ist ein Unwort, ja ein wirklicher Frevel, weil man damit etwas ins Lächerliche zieht, was höchst notwendig ist.“
Sie selbst könnte zwar als Ordensfrau und Flüchtlingshelferin als Inbegriff des „guten Menschen“ gelten, ein deklariertes Ziel ist und war das für sie freilich nie. „Ich muss kein guter Mensch sein“, sagt Schwester Teresa. „Ich will nur mithelfen, dass die Welt ein wenig besser wird.“ Auch ihre Entscheidung, nach ihrer Tätigkeit bei der Katholischen Jugend und als Pastoralassistentin ins Dominikanerinnenkloster in Kirchberg am Wechsel einzutreten, habe nichts damit zu tun gehabt, „ein guter Mensch“ werden zu wollen. „Der einzige Grund, warum ich ins Kloster gegangen bin, war, dass ich den Herrgott gesucht habe“, sagt sie. Bei den Tagen der Stille oben am Wechsel und in den gemeinsamen Meditations- und Gebetszeiten habe sie das Gefühl gehabt, dass es hier gelingen könne.
Heute ist sie mit ihren 42 Jahren die mit Abstand jüngste der vier Ordensfrauen. Die Hälfte der Woche ist sie im Kloster und bietet hier unter anderem konzentrative Bewegungstherapie und geistliche Begleitung an. Um die Welt ein wenig besser zu machen, setzt sie sich auch für eine Photovoltaik-Anlage im Kloster ein oder überzeugt ihre Mitschwestern davon, nötige Rücklagen ethisch vertretbar zu veranlagen. Die andere Hälfte ihrer Zeit arbeitet sie als Mitarbeiterin der Wiener Caritas in der Simmeringer Flüchtlings-WG. Bereits an vielen Sonntagabenden kommt sie hierher, um zu sehen, wie es den Jugendlichen geht. Montag bis Mittwoch ist sie dann von frühmorgens bis abends beschäftigt. Meist ist es Organisatorisches – von der Begleitung zur Rückkehrhilfe oder einer Bescheidbesprechung auf einer Behörde bis zur Lehrstellensuche am AMS. Zwischendurch kocht oder putzt sie mit den Burschen – oder fährt mit ihnen zum Bowling oder zu einem Kochkurs. Die Nächte verbringt Schwester Teresa in Unterkünften befreundeter Wiener Frauenorden. Mittwochabend fährt sie wieder nach Kirchberg ins Kloster zurück.
Um jeden „Maternalismus“ in ihrer Arbeit mit minderjährigen Flüchtlingen möglichst hintanzuhalten, bemühe sie sich stets, nicht für die jungen Burschen, sondern mit ihnen zu sein, betont die junge Ordensfrau: „Diese Erfahrung des Miteinander-Seins ist ja auch für mich lustvoller.“ Zum Beispiel dann, wenn sie mit den Burschen Sommerrodeln fährt; oder mit ihnen den Biohof Adamah in Glinzendorf besucht. Die vielen Fotos an der Pinnwand im Büro erinnern an diese gemeinsamen Momente.

Nicht ernten, sondern nur säen

Als Hassan heute zum letzten Mal hereinkommt, bringt er noch ein weiteres Foto mit. „Ah, da bist du als Letzter drauf, alle anderen sind ja schon ausgezogen“, sagt Schwester Teresa und fixiert das Bild an der Pinnwand. Nicht nur für den nunmehr 18-Jährigen wird sich 2018 viel verändern, sondern auch für die Flüchtlingsbetreuung insgesamt. Von Massenquartieren am Stadtrand war etwa die Rede – oder auch davon, Flüchtlinge zu „konzentrieren“. „Natürlich sind wir alle sehr in Sorge, wie es jetzt weitergeht“, erklärt Schwester Teresa. Es sei „entsetzlich beeindruckend, wie man Menschen in den Mittelpunkt rückt, indem man sie an den Rand zwingt. Denn Massenquartiere fallen auch am Rand mehr auf als unauffällig verstreut lebende Menschen in privaten Wohnungen.“ Dass in der Politik und im öffentlichen Diskurs niemand mehr ernsthaft interessiert sei, zwischen Migranten und Flüchtlingen zu differenzieren, und dass auf dem Rücken dieser Menschen Stimmung gemacht werde, mache sie sprachlos. Wobei es bei den Flüchtlingen im Vergleich zu anderen Problemen finanziell „um Peanuts“ gehe.
„Es ist wahrhaftig keine Zeit zum Schlafen angesichts der Not dieser Welt“, hat die Patronin der Kirchberger Dominikanerinnen, Katharina von Siena, im 14. Jahrhundert geschrieben. Die junge Schwester Teresa hat heute mit der Nachtruhe meist keine Probleme. „Nur wenn mir einer der Burschen erzählt, dass sein Cousin gerade von den Taliban erschossen worden ist, geht es mir nicht so gut“, sagt sie. Trost findet sie dann in den Erntegleichnissen der Bibel. „Ich muss nicht ernten, ich muss nur aussäen“, meint sie dazu. „Und wenn ganz viel davon bei den Vögeln oder in den Dornen landet, ist mir das egal. Ernten ist nicht meine Aufgabe, das darf der liebe Gott“.

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  20:38:08 07.15.2005