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04/2018 - „Die Männerdominanz ist obsolet geworden“
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Alt , 04:24
„Die Männerdominanz ist obsolet geworden“

Die Psychotherapeutin Rotraud Perner über den Archetyp des Häuptlings, Erwin Pröll und Michael Häupl –
und was den demokratischen Führer vom Diktator trennt.


| Das Gespräch führte Oliver Tanzer

Wie ist die Strategie des Häuptlings in der Politik – und sind patriarchale Strukturen Auslaufmodelle?
Rotraud Perner über Männer und ihre Strategien in der Politik.

DIE FURCHE: Frau Perner, sie arbeiten seit vielen Jahren über das Verhältnis der Geschlechter in der Gesellschaft. Die männliche Dominanz in der Politik hat eine lange Tradition. Nun gingen oder gehen zwei der mächtigsten Männer des politischen Österreich: Michael Häupl in Wien und Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, dessen Nachfolgerin Mikl-Leitner nun erstmals als Landeshauptfrau kandidiert. Sehen Sie eine politische Zäsur?
Rotraud Perner: Na ja, für Niederösterreich kann man das natürlich sagen, weil Mikl-Leitner sofort inhaltlich einige andere und neue Schwerpunkte gesetzt hat. Das ergibt sich aus der Aktualität der politischen Herausforderungen und natürlich gibt es auch stilistische Änderungen, weil jeder Spitzenpolitiker und jede -politikerin ihre eigenen Vertrauensleute einsetzt und das das Gesamtbild verändert. Was natürlich auch mit einem Generationswechsel zu tun hat. Ich sage nur Digitalisierung. Da braucht man Leute, die „in Digitalisierung“ denken können. In Wien kommt noch dazu, dass sich erst herauskristallisieren muss, ob es eine Möglichkeit geben wird, dem Koalitionspartner etwas Konzeptives gegenüberzustellen. Mit ihren nicht unumstrittenen Vorhaben in der Verkehrs- und Stadtgestaltung war Maria Vassilakou von den Grünen ja wesentlich präsenter als Häupl und die Farbe Rot.
DIE FURCHE: Aber wird die Politik dadurch, dass es nun Mikl-Leitner gibt und die Wiener Stadtregierung ja auch mit sehr vielen Frauen besetzt war, plakativ gesagt „weiblicher“?
Perner: Das sehe ich nicht so, weil man in der Politik unterscheiden muss zwischen Inhalt und Personen. Es ist ein alter Fehler in der Berichterstattung, dass viel stärker auf Personen abgestellt wird als auf Inhalte. Das ist viel leichter zu schreiben, als wenn man sich mit komplizierten Inhalten auseinandersetzen müsste. Hierarchische – das heißt nicht unbedingt auch patriarchale – Strukturen ergeben sich aus dem politischen Gestaltungswillen samt Verhinderungsstrategien. Die alte Männerdominanz ist weitgehend obsolet geworden – aber es gibt immer wieder Restaurationsversuche. Stattdessen gibt es die „Image-Dominanz“: Wer am besten medial „rüberkommt“, wird am meisten mit Aufmerksamkeits-Energie „genährt“ und damit stärker.
DIE FURCHE: Oder der die stärksten Illusionen bedient.
Perner: Heute zeigt sich wieder das Bedürfnis nach einer starken Führung und diese wird automatisch mit „männlich“ gleichgesetzt. Darin spiegelt sich der Wunsch nach einer Vaterfigur oder nach einer technokratischen Bruderfigur, die alles „richtet“. Frauen werden gar nicht erst mitgedacht. Frauen brauchen eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit, um ein verändertes Vorbilddenken in die Köpfe der Leute hineinzubringen. Angela Merkel ist das zweifellos gelungen.
DIE FURCHE: Heißt das, dass Mikl-Leitner diese patriarchalen Strukturen auch verkörpert, obwohl sie eine Frau ist?
Perner: Ich denke, diese Sinnhaftigkeit ergibt sich daraus, dass sie ein riesiges Bundesland zu regieren hat. Nicht patriarchal sein kann sie in ihrem Büro oder mit ihren engsten Mitarbeitern. Das tut sie auch. Ich würde aber gar nicht so sehr auf dem Wort patriarchal herumreiten, sondern eher so sagen: Man findet das Phänomen des primus inter pares nicht nur in der Regierung, sondern schon in der Konzeption der Regierungsvorhaben. Was meine ich damit: Pröll war ein ausgezeichneter Technokrat. Er dachte sehr ökonomisch, etwa was eine gewisse Maßnahme an Arbeitsplätzen und Wertschöpfung bringen kann. Er hatte einen Kreis von Fachleuten um sich, mit denen er wie Helden in einem Abenteuerfilm vorgehen konnte. Das waren schnell denkende Juristen, die sukzessive aus seinem Büro in die Schlüsselpositionen gesetzt wurden. Er hat sternförmig seine Leute dort gehabt, wo seine Politik umgesetzt werden sollte.
DIE FURCHE: Gerade in Niederösterreich rief die Machtfülle der regierenden ÖVP viel Kritik hervor.
Perner: In der medialen Personalisierung, seitdem Spindoktoren „mitregieren“. Das war ja auch das Problem bei Christian Kern. Es war alles nur auf seine Person zugeschnitten. Erst als Rendi-Wagner gekommen ist, hat sich Aufmerksamkeit verlagert. Diese Inszenierungen haben wir seit Klima in den 90er-Jahren. Vorher war das nicht so. Bei Kreisky waren alle Minister stark präsent oder zumindest viele. Da wusste man, das ist eine Regierung. Kreisky war die Vaterfigur darin, aber die Aufmerksamkeit war auf die Ressorts ziemlich gleichmäßig verteilt. Nach außen hin werden gerne einsame Entscheider dargestellt, aber das sind sie eben nicht. Impulsgeber ja – aber Impulse geben können viele – ich tu es ja auch.
DIE FURCHE: Wo würden Sie denn patriarchale Strukturen eher orten: in Wirtschaft oder Politik?
Perner: In der Wirtschaft, weil die Wirtschaft viel stärker militärisch organisiert ist. Sie braucht nicht auf Umfragen Rücksicht nehmen. Nur auf Börsenkurse. Den Wirtschaftsbossen ist maximal wichtig, wie es den Shareholdern geht oder wie gut die internationalen Vernetzungen sind um günstige Bedingungen im Ausland zu organisieren. Da muss einer schon goldene Löffel gestohlen haben, dass er angegriffen wird. Etwas anderes ist es im staatsnahen Bereich. Da fängt das Fragen an, ob etwas denn der Politik – der Regierung oder Politikern – schaden könnte.
DIE FURCHE: Was ist denn das Faszinierende am Häuptling?
Perner: Der Archetyp des monolithischen Herrschenden oder des Oligarchen dominiert im Denken und wird als Filter über das politische Geschehen gelegt. Aber hinter den Kulissen spielt sich das in westlichen Demokratien schon ganz anders ab. Da sind Teams mit einer Streuung der Energie, die man heute braucht, um bestimmte Vorhaben umzusetzen. Da arbeiten viele daran und dann gibt es eben jemanden, der das alles nach außen vertritt. Den Patriarchen, der sagt, das will ich und das geschieht, den gibt es im Westen nur mehr in manchen Wunschfantasien. Aber wenn eine Frau an der Spitze ist, finden sich dann oft schnell in den eigenen Reihen Männer, die die Chefin absägen wollen, weil sie wähnen oder gezielt behaupten, dass sie, weil männlich, besser sind. Beispiel Großbritannien. Bayern. Es ist wichtig zu erkennen: Wir alle haben sogleich männliche Herrscher-Archetypen vor Augen, ohne zu überprüfen, ob es nicht auch andere gibt. Aus meinem Erfahrungsschatz kann ich sagen. Es gibt sie. Positiv wie negativ.
DIE FURCHE: Sie sagen im Westen. Wie sehen Sie denn dann Erdo˘gan und Putin oder Trump?
Perner: Das sind Personen, die auf absolutistische, monarchische, diktatorische Weise versuchen, ihren Willen durchzusetzen und nur kritiklose Erfüllungsgehilfen um sich dulden. Dahinter steckt die Kastrationsangst des Patriarchen – Angst vor Entmachtung durch Söhne. (Und immer schon durch Frauen.) Aber Angst zieht diese Option auch an. Das haben wir in Mitteleuropa im vorigen Jahrhundert erlebt. Es hängt bei diesem Archetyp immer davon ab, wie weit die „Übermacht“ Exekutive (Söhne!) mitspielt. Deswegen braucht es wirklich politische Bildung für Erwachsene, in der man versucht, den Menschen nicht bloß zu erklären, was weshalb wie in der Vergangenheit war, sondern auch, mit welchen manipulativen Strategien versucht wird, Gehirnwäsche zu betreiben.

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