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06/2018 - Psychisch gestört in Amt und Würden
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Alt , 02:39
Psychisch gestört in Amt und Würden

Ist ein Präsident, der ein Dromedar und ein Nashorn erkennen kann, automatisch tauglich für das mächtigste Amt der Welt? Und was zeichnet eigentlich den verrückten Herrscher aus? Eine Zeitreise vom alten Rom über den Hindukusch bis nach Washington.

| Von Ralf Leonhard

Der Präsident ist geistig voll fit. Das bestätigte der Arzt des Weißen Hauses, Ronny Jackson, Anfang Jänner. Donald Trump hatte gerade beim Montreal Cognitive Assessment (Moca), einem zwölfteiligen Alzheimer-Test, ein Dromedar und ein Nashorn erkannt und elf Wörter, die mit F beginnen, aufzählen können. Medien, die den Test unter dem Titel „Hätten Sie das Zeug zum Präsidenten?“ veröffentlichten, empfahlen, die Aufgaben an Volksschulkindern zu erproben. Für den Staatslenker war das Attest jedenfalls Grund genug zur Feststellung: „I am a very stable genius.“
Dessenungeachtet wollen medizinische Experten und Laien in seinem Verhalten Anzeichen für eine frühe Demenz entdecken. Spekulationen, der Mann, der über den Auslöser für einen Atomkrieg gebietet, könnte vor Ende seiner Amtszeit entmündigt oder abgesetzt werden, machen die Runde.

Narzissmus und Caesarenwahn

Tatsächlich gibt es unter den mächtigsten Männern der Weltgeschichte immer wieder Fälle von Größenwahn oder geistiger Umnachtung auf dem Thron. Das war etwa bei Ibrahim I., der das Osmanische Reich von 1640 bis 1648 regierte, der Fall. Ibrahim zeigte eine eklatante Schwäche für Luxus. So ließ er seiner Lieblingsmätresse die Gemächer mit Zobelpelz auskleiden. Ein Schelm, wer an die präsidentielle Innenarchitektur im Trump-Tower denkt. Chronische Potenzstörungen konnten den sexuellen Appetit des Sultans nicht zügeln. Er verlangte nach immer neuen Jungfrauen. Und in einem Wutanfall ließ er alle 280 Frauen seines Harems im Bosporus ersäufen. Legendär ist sein Verlangen nach besonders korpulenten Frauen.

Caligulas Pferd

Vom römischen Kaiser Caligula (37-41) ist bekannt, dass er sein Pferd Incitatus, das aus güldenen Schüsseln fressen durfte, zum Konsul ernannte. Das ist zwar nur vom Geschichtsschreiber Sueton überliefert, der rund hundert Jahre später lebte, doch beschreiben auch Zeitgenossen, wie der über jeden Verdacht erhabene Philosoph Seneca, den exzentrischen Kaiser als „irrsinnige Bestie“. Er liebte blutige Gladiatorenkämpfe und soll Folterungen mit Genuss beobachtet haben.
Caligula und Ibrahim haben gemeinsam, dass ihre engsten Verwandten ermordet wurden. Ibrahim galt schon bei seiner Thronbesteigung mit 23 Jahren als verrückt. Acht Jahre später wurde er von Militärs in einen Käfig gesperrt und mit einer Bogensehne erdrosselt.
Nicht alle Herrscher, die von ihren Zeitgenossen als wahnsinnig geschildert wurden, müssen nach medizinischen Kategorien geisteskrank gewesen sein. „Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmen nämlich fast ausschließlich die gesellschaftlichen Konventionen, wer als verrückt zu gelten hat und wer nicht“, schreibt der Sachbuchautor Hans-Dieter Otto in seinem Buch „Unser König ist wahnsinnig! Verrückte Herrscher von Caligula bis Ludwig II.“
Der Begriff des Caesarenwahns geht zurück auf die erste Phase der römischen Kaiserzeit. Tacitus spricht vom furor principium. Überliefert sind die kaiserlichen Exzesse und Orgien von Männern der römischen Oberschicht, die den republikanischen Zeiten nachweinten. Sie waren es nicht gewöhnt, die politische Bühne nun mit selbstverliebten Tyrannen zu teilen, die keinen Widerspruch duldeten.

Abnormitäten-Toleranzen

„Ob eine Abweichung von dieser Norm noch als bloß seltsames, verschrobenes Verhalten hingenommen oder bereits als wahnsinnig eingestuft wird“, so Otto weiter, „hängt von diesen Bräuchen ab. Und die sind wiederum abhängig von der jeweiligen Zeit, dem Ort sowie den sozialen Gegebenheiten“. So wurde der extrem prüde Heinrich VI. von England, der keinen Gefallen an der Jagd, an Exzessen mit Mätressen und anderen männlichen Zeitvertreiben finden wollte, für wahnsinnig erklärt und vorübergehend abgesetzt. Dass die Vaterschaft seines Sohnes Edward dem Herzog von Somerset, einem Favoriten der Königin, zugeschrieben wurde, erklärte er für Fake News. Der Heilige Geist habe den Knaben gezeugt. Edward starb auf dem Schlachtfeld oder wurde nach der Schlacht ermordet. Seinen Vater warf man in den Tower, wo er 1471 vermutlich auch ermordet wurde. Mit ihm starb das Haus Lancaster aus.
Dass die Geisteskrankheit des Herrschers sich nicht nachteilig auf das Land auswirken muss, beweist die Geschichte von Kristian VII. von Dänemark. Sein Reisearzt Johann Friedrich Struensee gewann Kristians Vertrauen und drängte ihn zu Reformen im Geiste der Aufklärung. Als der König immer mehr in geistiger Umnachtung versank, bekam der Arzt eine Generalvollmacht, die es ihm erlaubte, für den König zu unterschreiben.
Daneben ersetzte er den Monarchen auch im Ehebett der Königin. Binnen kürzester Zeit dekretierte Struensee Presse- und Meinungsfreiheit, schaffte die Folter und die Kirchenbuße ab und machte Dänemark zum fortschrittlichsten Staat Europas. Allerdings gelang es der königlichen Stiefmutter Juliane Marie, den Emporkömmling zu stürzen und 1772 hinrichten zu lassen.
Als schizophren wurde Ludwig II. von Bayern beschrieben. Der Erbauer des Märchenschlosses Neuschwanstein wurde am Ende seines Lebens entmündigt und in Schloss Berg am Starnberger See unter Hausarrest gehalten. Trotz Überschuldung der königlichen Privatkasse wollte er seine Bauwut nicht einbremsen.
Er phantasierte von Banküberfällen, um die Schatulle aufzufüllen und wollte das Königreich in die Südsee verlegen. Schon Zeitgenossen zweifelten aber an der Schlüssigkeit der ärztlichen Diagnose. Neue Forschungen attestieren Ludwig nicht Schizophrenie, sondern eine präsenile Demenz, die noch weit verheerendere Folgen gezeitigt hätte, wäre der Monarch nicht im Juni 1886 unter ungeklärten Umständen im Starnberger See ertrunken.
Herrscher, die zuviel Geld ausgeben, sich sexuell verausgaben oder bizarren Steckenpferden anhängen, mögen die Klatschpresse beschäftigen. Sie sind aber harmlos im Vergleich mit Psychopathen, die Massenmorde, Hungersnöte oder Angriffskriege zu verantworten haben. Experten schätzen zwar den Anteil von Psychopathen unter der Weltbevölkerung auf nicht mehr als drei bis vier Prozent, doch unter Staatslenkern und anderen Führungspersönlichkeiten seien sie überproportional vertreten.

Hitler und Stalin als Beispiele

Hitler und Stalin, die Millionen Tote zu verantworten haben, dienen als Paradebeispiele. Auch der mongolische Eroberer Timur Lenk (1336-1405), der halb Asien unterwarf, galt als besonders brutal und skrupellos. Legendär sind die Schädeltürme, die er nach der Eroberung von Isfahan aufrichten ließ. Aber auch Männern, die in der Geschichtsschreibung als Lichtgestalten dargestellt werden, wie Alexander der Große, bescheinigen Psychiater psychopathische Züge.
Psychopathen seien gefühlskalt und hochmanipulativ, diagnostizierte der Psychologe Jens Hoffmann: „Besonders intelligente Psychopathen machen oft Karriere. [...] Jörg Haider hatte vermutlich eine psychopathische Persönlichkeitsstruktur. Ebenso laut einer US-amerikanischen Studie bei George Bush Junior, wenn auch in abgeschwächter Form.“

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