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36/2018 - Am Rande der Wohlfahrt
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Alt , 05:29
Am Rande der Wohlfahrt

Finnland ist berühmt für eine egalitäre Gesellschaft und seinen Sozialstaat. Doch nicht überall greift er wie gewünscht. Besuch in Helsinkis „Problemviertel“ Jakomäki.

| Von Martin Tschiderer / Helsinki


Wo dieser Herr Wohlfahrt wohnt, weiß hier niemand. Flache Wohnblocks, höchstens vier Etagen, Betonfassaden, braune Fensterrahmen. Die zentrale Geschäftszeile, funktionalistische 70er-Jahre-Architektur, ist schlecht besucht am frühen Abend. Unter der verwitterten Markise steht ein Lokal leer. Der angrenzende Friseursalon heißt „Glossy“ und ist gleichzeitig ein Nagelstudio. Daneben Sportwetten und eine Trafik, aus der „Pohjanpoika“-Bar dringen dichte Rauchschwaden und das Klackern der Billardkugeln. „Welfare? Is that a person?“, fragt Viljo, grauer Kapuzensweater, Panther-Tattoo am Unterarm, Schirmkappe ins Gesicht gezogen, und zeigt beim Grinsen eine kleine Zahnlücke. „Wohlfahrt? Ist das ein Mensch?“ Gesehen habe man den in der Gegend noch nicht, sagt einer seiner Freunde, mit denen Viljo vor der alten Grundschule Zigaretten raucht. Und Adresse kenne man von so jemandem auch keine. Jedenfalls nicht hier in Jakomäki.

„Verbrecher-Vorstadt“

Jakomäki ist der „Problembezirk“ Helsinkis. Eigentlich einer von mehreren. Auch Malmi, wo früher der wichtigste Flughafen der finnischen Hauptstadt stand, oder von Plattenbauten geprägte Viertel wie Kontula im Nordosten der Stadt haben in Helsinki nicht den besten Ruf. Um Jakomäki aber rankten sich stets die wildesten Geschichten – vor allem in den 1970ern und 1980ern, als immer wieder Schlagzeilen über Gewaltverbrechen durch die Gazetten geisterten. Auch wenn die Kriminalitätsraten längst an den Rand der Unauffälligkeit gesunken sind: Die Bilder von der Verbrecher-Vorstadt haben sich tief ins Bewusstsein gebrannt.
Auch heute ist Jakomäki der Bezirk mit der höchsten Arbeitslosenrate und dem niedrigsten Durchschnittseinkommen Helsinkis. Die formalen Bildungsabschlüsse hinken hinterher. 80 Prozent der Fläche sind öffentlicher Wohnbau, der Migrantenanteil ist hoch, die Lebenserwartung niedriger als anderswo in der Hauptstadt. Das Lebensgefühl ist hier ein anderes als in den innerstädtischen Vierteln, wo Büroarbeiter auf der Esplanade ihre Mittagspause über Sushi-Boxen verbringen und sich im Design-Distrikt Modeboutiquen neben Teppichgeschäfte mit persischen Kelims reihen.

Einschnitte im Gesundheitssystem

Schon der Weg ins „Problemviertel“ lehrt den Besucher Zentrales über die Struktur der finnischen Hauptstadt – und jene vieler anderer nordischer Ballungsräume. Denn besteigt man im Zentrum die Buslinie 75, geht es erstmal raus aus der Stadt – und auf die Autobahn. Während sich in vielen mitteleuropäischen Metropolen die Stadtteile wie Zwiebelringe aneinanderreihen, gibt es auf skandinavischen Routen von Innenstädten in die Vororte gerne: lange nichts. Leitplanken, Föhrenwälder, ein paar Tankstellen. Sonst nur wenig, das dem in die Ferne schweifenden Blick Halt gäbe.
Im Nachbarland Schweden schufen sozialdemokratische Regierungen zwischen 1965 und 1975 mit dem „Millionenprogramm“ öffentlichen Wohnraum in großem Stil – und damit Satellitenstädte, oft etliche Kilometer von den Stadtzentren entfernt. Was wegen verbesserter Wohnstandards zunächst für hohe Nachfrage sorgte, entwickelte sich bald zu sozialen Brennpunkten. Bekanntheit jenseits der Landesgrenzen erlangten Vororte wie Rosengard in Malmö oder Husby in Stockholm, als dort 2013 soziale Unruhen ausbrachen und mehrere Nächte in Folge Autos brannten. Finnland, in dem es stets ein wenig gemächlicher zugeht als in Schweden, sind Eskalationen dieser Art bislang erspart geblieben. Auch die urbane Segregation folgt hier kleineren Dimensionen. Die Distanzen zwischen Vororten und Stadtzentrum ähneln dagegen jenen bei den schwedischen Nachbarn.
In „Jakkis Pub“ in der zentralen Geschäftszeile Jakomäkis sitzt eine Handvoll Gäste. Ihren Gesichtern sieht man an, dass das Leben hier zehrender ist als in den noblen Innenstadtbezirken. Etwas entfernt von ihnen steht Joonas. Er trägt einen Sweater der Punkrock-Band Ramones und langen Vollbart. Dazu eine Trainingshose – und zwei Säcke mit alter Kleidung. „Die bringe ich noch zur Sammelstelle“, sagt er und kneift grinsend die Augen zusammen. „Dann zeige ich dir unser gefährliches Viertel.“
Joonas engagiert sich im Bewohner-Rat von Jakomäki. Seine Frau ist Sprecherin einer Mietervereinigung öffentlicher Wohnungen. Und Funktionärin in der Gewerkschaft – so wie auch Joonas selbst. Sein Heimatbezirk ist dem Lagerarbeiter ein Anliegen, das merkt man, als er durch sein Viertel führt. Er zeigt die vielen öffentlichen Einrichtungen, die es hier gibt – Kindergarten, Altersheim, Gesundheitszentrum. Doch eines der größten Projekte der liberal-konservativen finnischen Regierung ist eine Reform des Gesundheitssystems mit zahlreichen Einschnitten. Das Ärztezentrum in Jakomäki würde ihnen zum Opfer fallen, fürchtet nicht nur Joonas. „Das ist unser Outdoor-Parlament“, sagt der 36-Jährige, als er an einer Gruppe älterer Frauen vorbeigeht, die vor einem der Wohnblocks auf Bänken sitzen und angeregt diskutieren. Sie alle engagierten sich im Bewohner-Rat des Viertels und würden sich fast täglich hier treffen. Regelmäßig organisieren sie in Jakomäki einen „sozialen Brunch“: offen für alle, Bezahlung nach dem „pay as you wish“-Prinzip. Wo der Wohlfahrtsstaat nicht mehr greift, helfen einander die Bewohner selbst.
Den urbanen Gegenentwurf zu Jakomäki lernt kennen, wer sich in den zentral gelegenen Uni-Bezirk Helsinkis bewegt. Ringsum imposante Fassaden mit stattlichen Erkern, schicke Kaffees und junge Menschen in den letzten Jeansjacken-Kollektionen. Ende August, das neue Semester hat gerade begonnen. Die Mensa der Sozialwissenschaften, lichtdurchflutet, helle Einrichtung, verglaster Gemeinschafts-Arbeitsraum gleich nebenan, wuselt vor Studienanfängern. Einen Stock höher sitzt Johannes Kananen in seinem Büro und sagt: „Neoliberale Hegemonie und Finanzwirtschaft unterminieren die Idee des nordischen Sozialstaates. Aus dem kollektiven Bewusstsein der Skandinavier konnten sie ihn aber nicht verdrängen.“

Steigende Ungleichheit

Kananen ist Politikwissenschaftler und hat vor einigen Jahren ein Buch über die Entwicklung der nordischen Wohlfahrtsstaaten geschreiben. Sind die skandinavischen Länder noch so egalitär, wie es in Zentraleuropa scheint? „In den Rankings liegen sie nach wie vor an der Spitze“, sagt der Politologe. „Aber die Transformation der 1990er Jahre hat natürlich Spuren hinterlassen.“ Damals hatten marktzentrierte Konzepte die politische Kultur Skandinaviens nachhaltig verändert. Nach fast drei Jahrzehnten neoliberaler Hegemonie sei der öffentliche Sektor stark geschrumpft, die öffentliche Versorgung zurückgegangen, die Ungleichheit gestiegen, sagt Kananen. Doch wen auch immer man in Finnland fragt – ob Pensionisten, die am Hafen auf die Fähre warten, ob junge Menschen am Weg zur Uni, ob Journalisten oder Sozialwissenschaftler – eines bestätigen sie alle: In Finnland gibt es einen hohen Konsens, den Wohlfahrtsstaat zu erhalten – auch um den Preis hoher Steuern.
Der Wohlfahrtsstaat, zum zentralen Aspekt skandinavischer Identität geworden, führte aber nicht nur zu geringen Einkommensunterschieden und hoher sozialer Sicherheit. Er bewirkte auch eine hohe Gleichstellung der Geschlechter. „Man sah den Wohlfahrtsstaat auch als besten Freund der Frauen“, sagt Hanna Ylöstalo, Assistenzprofessorin für Gender Studies an der Universität Helsinki. Sozialtransfers und gut ausgebaute öffentliche Kinderbetreuung erleichterten weibliche Unabhängigkeit. Ein nicht auf Anhieb sichtbarer Aspekt von Austeritätspolitik und ausgehöhlten Wohlfahrtsstaaten sei also: „Je höher die Einschnitte, desto stärker nimmt die Gleichstellung der Geschlechter wieder ab.“

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  17:21:42 07.20.2005