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09/2011 - Männer in die Komfortzone! (Doris Helmberger)
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Ungelesen , 12:31
Männer in die Komfortzone!

Vor 100 Jahren haben Frauen für ihr Wahlrecht gekämpft. Das, worum es heute geht, ist nicht per Gesetz zu verordnen, aber trotzdem unverzichtbar: die Beteiligung der Männer am „anderen“ Leben jenseits von Karriere und Beruf.

Von Doris Helmberger

Damals, 1911, war noch klar, wofür es sich zu kämpfen lohnte: für die Einführung des Frauenwahlrechts, für das Ende des Ausschlusses der Hälfte der Bevölkerung von politischer Partizipation. Sieben Jahre später, am 12. November 1918, wurde die Vision schließlich Wirklichkeit – und das „Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts“ per Gesetz in Österreich verordnet.
Doch heute? Wofür soll die Frau des dritten Jahrtausends noch auf die Straße gehen? Zumindest auf dem Papier scheint ihr hierzulande alles offen zu stehen: Sie kann Soldatin werden oder Philharmonikerin; sie kann als Mutter zweier Kleinkinder an der Spitze einer Parlamentspartei agieren oder als kinderlose Karrierefrau in der Chefetage von Siemens sitzen. Anders als in Italien wird sie auch nicht von einem Premier provoziert, der täglich Lehrstunden in angewandtem Machismo gibt und „Bunga Bunga“ für einen netten Zeitvertreib bei Staatsbesuchen hält.

Stillstand bei Otto Normalverbraucher

Und doch ist im „wirklichen Leben“ der allermeisten Frauen von der rechtlich verbrieften Gleichberechtigung der Geschlechter oft so wenig zu spüren. Die Eckdaten dieses emanzipatorischen Stillstandsdramas sind allseits bekannt: Nach wie vor verdienen (vollzeitbeschäftigte) Frauen um ein Drittel weniger als Männer; und nach wie vor verirren sich nur einzelne Exotinnen an die Spitze von Universitäten und Konzernen. So erfreulich die aktuellen Verhandlungen zwischen Frauen- und Wirtschaftsministerium über eine (vorerst als Selbstverpflichtung angelegte) Frauenquote in den Aufsichtsräten staatsnaher Betriebe auch sind – im Haushalt von Otto und Ottilie Normalverbraucher wird es mutmaßlich weiterhin so sein, dass eher Ottilie die Windeln wechselt, bügelt und irgendwann dazuverdient, während Otto pflichtschuldigst Überstunden sammelt und sich nach Dienstschluss bei einem Bier erfolgreich vernetzt.
Und warum? Weil Ottilie selbst es so will – aus Angst und Bequemlichkeit. So lautet zumindest die provokante These der langjährigen Chefredakteurin der linksalternativen Berliner taz, Bascha Mika. In ihrem Buch „Die Feigheit der Frauen“ geißelt sie („ohne Rücksicht auf political correctness“, wie der Bertelsmann-Verlag versichert) jenes Phänomen, dass kluge, gut ausgebildete Frauen sich plötzlich von ihren früheren Ambitionen verabschieden und lieber ein klassisch weibliches Lebensprogramm wählen. Die „Liebeslist“, das „Kümmersyndrom“ und das „Hormonkomplott“ würden dafür sorgen, dass sie irgendwann als „Latte-Macchiato-Mütter“ in der „Komfortzone“ landen.
Man kann, wie Bascha Mika, diese Aussteigerinnen mit Hohn und Spott bedenken und den unseligen Kampf zwischen Haus- und Karrierefrauen perpetuieren. Man kann aber auch versuchen, die Dinge einfach nüchtern zu betrachten: Offensichtlich sehen viele Frauen wenig Sinn darin, für Ruhm, Ehre, ein astronomisches Gehalt und ein riesiges Büro das Nächstliegende zu opfern: Lebensqualität.

(Qualifizierte) Teilzeit als Schlüssel

Neben einem 80-Stunden-Job bleibt tatsächlich keine Zeit, den Kindern beim Wachsen zuzusehen, Freundschaften zu pflegen, Hobbys nachzugehen. Aber neben einer (qualifizierten) Teilzeitstelle vielleicht.
Sollte das Ziel nicht darin bestehen, ver*stärkt auch Männern ein solches „Leben in Fülle“ zu ermöglichen, in dem die Sinnquellen Familie und Beruf kein Widerspruch mehr sind? Was hindert sie daran, in dieses „andere“ Leben jenseits beruflicher Selbstvergewisserung einzutauchen, den Sprung in die familiäre „Komfortzone“ zu wagen, die weiß Gott nicht komfortabel, aber oft unendlich bereichernd ist? Ist es ihre „Natur“? Oder ist es nicht eher ein krankes System, verkörpert durch jenen Chef einer Werbeagentur, der unlängst in einem Vorstellungsgespräch einen Mann ernsthaft fragte, ob sich im Krankheitsfall seiner Kinder „eh die Frau darum kümmert“?
Gegen solche Chuzpe müssen Frauen wie Männer aufbegehren. Nicht nur am 8. März. Sondern 365 Tage im Jahr.

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