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37/2009 - Der ewige Schulversuch (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:31
I Der ewige Schulversuch

Einen „heißen Herbst“ haben die Lehrervertreter angekündigt – und heiß wird bereits in der ersten Schulwoche über die Schule diskutiert – meist mit altbekannten Versatzstücken. Ein Versuch zur Herunterkühlung.

Von Rudolf Mitlöhner

Täuscht der Eindruck, oder ist die Stimmung rund um die Schule in diesem Herbst tatsächlich gereizter als sonst? Bildet sich darin nur die allgemeine Krise ab, oder steht das „System Schule“ nun wirklich – nach Jahrzehnten quälender Debatten, wechselseitiger Blockaden, ewigen Krankredens, zahlloser „Schulversuche“ – an der Kippe?
Gleich zu Beginn des Schuljahres hagelt es Kritik von allen Seiten: Eine OECD-Studie, am Dienstag dieser Woche veröffentlicht, stellt Österreichs Bildungssituation einmal mehr ein schlechtes Zeugnis aus, die Gratiszeitung Heute destillierte daraus den instinktsicheren Aufmacher „Österreichs Lehrer als Gagenkönige“, und das profil wusste schon am Montag „Warum die Schule alles falsch macht“.

Notorisch strapazierte Klischees

Es hat in der Tat den Anschein, sie könne gar nichts mehr richtig machen, zu verfahren ist der Karren. In kaum einer anderen Debatte wird derart sorglos mit Klischees hantiert. Die faulen und überbezahlten Lehrer sind eines davon, zu den anderen, notorisch strapazierten Versatzstücken zählen: soziale Asymmetrie des Systems; repressiver Frontalunterricht; Pädagogen, die ihre Komplexe durch autoritäres Verhalten kompensieren; gebrochene, in ihrer Kreativität und ihrem Wissensdrang gebremste Kinder … Am besten wird das illustriert mit Einzelbeispielen, etwa dem Lateinlehrer, der seitenweise Ovid auswendig lernen lässt, bevor die Schüler den Text überhaupt verstehen können. Einzelfälle haben ja – generell, nicht nur bei diesem Thema – den Vorteil, dass sie Argumente ersetzen und man daher auch nicht gegen sie argumentieren kann (gegen Geschichten von Extrem- oder Härtefällen hat eine sachlich-abwägende Analyse kaum Chancen).
Gern wird dann auch noch süffisant auf die jahrhundertelange Prägung des Schulwesens durch die Kirche verwiesen. Als ob einerseits sich Ordensschulen nicht gewandelt und den modernen Zeitläuften angepasst hätten; und andererseits, als ob nicht in den klösterlichen Traditionen auch ein vertieftes allgemeingültiges Wissen um den Menschen aufbewahrt wäre.
Also ohnedies alles in Ordnung? Nein, mitnichten. Natürlich wird Unterricht mittelfristig eine ganztägige Veranstaltung werden müssen – mit Kern- und frei verfügbaren Zeiten, beispielsweise für sportliche, musikalische oder soziale Betätigung. Natürlich braucht es Arbeits-Plätze für Lehrer, die diesen Namen verdienen, also nicht je einen halben Quadratmeter an einem großen gemeinsamen Konferenztisch. Und natürlich muss es für Lehrer, die tatsächlich den genannten Klischees entsprechen, Konsequenzen geben – wie das in anderen Berufsgruppen ja auch ganz selbstverständlich der Fall ist.
Aber es ist doch verblüffend, wie gerade bei der Schule alles Heil von einer System*umstellung erwartet wird. Seit jeher eine Lieblingsspielwiese von Sozialtechnokraten, lässt sich an ihr exemplarisch der bei der politischen Linken vorherrschende Glaube an die Verbesserung des Menschengeschlechts durch Strukturmaßnahmen studieren.

Bußschweigen für Experten & Politiker

In einem der luzidesten Beiträge zur aktuellen Debatte (Presse-Spectrum, 29. August) brachte Christian Schacherreiter, Direktor an einem Linzer Gymnasium, die leitende Vorstellung auf den Punkt: „Wenn man mit den richtigen Methoden (natürlich lustvoll und per E-Learning) im richtigen System (Gesamtschule) Menschen zu Lernprozessen animiert, dann kommt am Schluss das erwünschte PISA-Ergebnis heraus.“ Politiker und Bildungsexperten würden daher „für schlechte Leistungen auch nie die Schülerinnen und Schüler mitverantwortlich“ machen, „sondern immer nur die Lehrkräfte und ‚das System‘“.
Gerade reformorientierte Kreise fordern gelegentlich, Papst und Bischöfe sollten sich in Sachen Sexualmoral für eine Zeit lang Schweigen auferlegen – nicht weil das Thema unwichtig wäre, sondern um ein wenig Luft herauszulassen. Vielleicht wäre solche Abstinenz auch für die Schul- und Bildungsverantwortlichen das Gebot der Stunde.
  #2  
Ungelesen , 13:25
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Schlechtes Zeugnis für die Gesamtschule

Zu dem wohltuenden Leitartikel von Rudolf Mitlöhner ist der Jubelartikel für die
Gesamtschule von Rupert Vierlinger eine herrliche Illustration. Das Einzige, in dem ich Vierlinger recht geben möchte, ist, dass der größte Teil der Schulversuche zur „Neuen Mitttelschule“ keine „Gesamtschulen“ im Vierlingerschen Sinn sind. Ansonsten ist es „verblüffend, wie gerade bei der Schule alles Heil von einer Systemumstellung erwartet wird“, wie Mitlöhner schreibt. Und das geschieht in der Regel so, wie es Vierlinger macht:
In Schwarzweißmalerei wird das gewünschte System idealisiert („Löffel Honig“) und das bekämpfte System schlecht gemacht („Fass voll Essig“). Dieses Rezept wird für jeden „Vorteil“ der Gesamtschule Absatz für Absatz durchgespielt. Besonders auffällig sind die gehässigen Formulierungen, mit denen den im gegliederten System Handelnden negative Motive unterstellt werden: „ zu gehässigem Rivalisieren anstachelt“, „Unerwünscht-Sein“, „Exerziermodell“, „ideologisch verblendete Gegner der Gesamtschule“, „das atavistische Moment des ständischen Denkens“. Und als Schlussgag der unsachliche und untergriffige Vergleich mit der Rassentrennung in Schulen der USA!
Wenn jemand das, was er angreift, so karikiert und entstellt, muss man vermuten, dass seine positiven Argumente auf recht schwachen Beinen stehen. Und es gibt ja auch Berichte und Untersuchungen, die den Gesamtschulsystemen in Deutschland im Vergleich mit den gegliederten Systemen ein schlechtes Zeugnis ausstellen, sogar erklären: „Die Gesamtschule ist gescheitert.“, sowohl im Anspruch, gleiche Schülerleistungen zu erbringen wie das gegliederte System, als auch im Anspruch, die soziale Integration besser zu lösen.
Auch aus den PISA-Ergebnissen lassen sich, entgegen Vierlingers Meinung, keine Beweise für die Überlegenheit des Gesamtschulsystems ableiten (was andere PISA-Verehrer inzwischen zugeben), vor allem, wenn man die Ergebnisse aus Deutschland vergleicht, wo Bundesländer mit Gesamtschulsystemen neben Bundesländern mit gegliederten Systemen bestehen.
Die Chance, in Österreich Vergleiche zwischen zumindest gesamtschulähnlichen Versuchen der „Neuen Mittelschule“ und den Regelschulen des gegliederten Systems anzustellen, wurde vertan, da es keine Vergleichsschulen des Regelsystems gibt, die mit ähnlichen Ressourcenvorteilen ausgestattet werden.
Mag. Wolfgang Rank
Markt 210
2880 Kirchberg/Wechsel
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Ungelesen , 13:29
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Schon wieder ein Bildungsexperte

Wiederum bejubelt ein Experte, Herr Rupert Vierlinger, in der FURCHE die echte Gesammtschule. Sie sie die Lösung aller österreichischen Schulprobleme. Dazu habe ich doch einige Fragen:
Warum sind laut PIRLS-Studie die Schülerleistungen am Ende der "Gesamtschule" Volksschule milieuabhängiger als am Ende der Sekundarstufe I? Warum schneiden bei der PISA-Studie in Deutschland, das Länder mit Gesamtschulen und Länder mit differenzierten Schulen hat, die Länder mit Gesamtschulen durchwegs schlechter ab? Warum sind in den Gesamtschulländern Frankreich, Großbrittanien und USA außer den sündteuren Privatschulen, die Schulen so miserabel? Warum besuchte unsere Bildungsministerin Claudia Schmied in New York eine Elite- und keine Gesamtschule? Warum sprechen Gesamtschulbefürworter immer von Selektion, wenn doch dieser Begriff durch die Evolutionslehre und die deutsche Geschichte vordefiniert ist und auf unser Schulsystem wirklich nicht zutrifft? (Die Mehrheit der Maturanten kommen über Oberstufenformen zu ihren Abschluss.) Warum spricht kein Experte über Lerninhalte und Schülerleistungen? Warum machen Politiker und Bildungsexperten daher "für schlechte Leistungen auch nie die Schülerinnen und Schüler mitverantwortlich, sondern immer nur die Lehrkräfte und das System", wie es im Leitartikel heißt? Warum ist in Österreich jeder gleich Bildungsexperte, nur weil er selber Schüler war oder ein politisches Schulamt bekleidet hat? Warum kommen in der FURCHE nur Gesamtschulbefürworter zu Wort?
Alois Baumgartner
6020 Innsbruck

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