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Alternative in der Bredouille

Die staatliche Förderung nicht-konfessioneller Privatschulen fällt in Österreich eher mager aus. Während "High Class“-Schulen damit leben können, stecken Waldorf und Co. in der Zwickmühle.

Wind streicht durch die sattgrünen Bäume, vom Boden steigt der Duft trockener Föhrennadeln auf. Das Areal rund um die Wiener Semmelweis-Frauenklinik ist eine Insel der Ruhe. Außer Vogelgezwitscher war hier lange nichts zu hören, doch seit der Ort auch Campus ist, trägt der Wind neue Klänge mit sich: die eines Konzertflügels etwa oder einer Geige.

Die Amadeus International School of Music hat Anfang September ihre Pforten geöffnet. Talentierte oder zumindest musikbegeisterte Kinder proben hier täglich zwei bis drei Stunden. 500 Kinder sollen einmal an diesem Elitegymnasium in englischer Sprache nach internationalem Lehrplan unterrichtet werden. Derzeit liegt die Schülerzahl aber noch bei neun Kindern der siebten und achten Schulstufe, wie die kaufmännische Leiterin der Amadeus School, Doris Hickelsberger, erklärt. Alles sei noch im "start-up-mode“, im Entstehen also.

Für die Ausbildung ihrer Sprösslinge aus dem In- und Ausland berappen die Eltern jährlich mindestens 15.000 Euro, eine Unterbringung im Internat kostet noch einmal 15.000 Euro extra. Zwar bekamen die aktuellen Jahrgänge einen Willkommensbonus von höchstens 36.000 Euro für die Jahre bis zur Matura (genauer bis zum International Baccalaureate-Abschluss) gutgeschrieben, an einem Stipendiensystem arbeitet die Schule aber noch, so Hickelsberger: "Wir suchen nach einer Möglichkeit, wie die Förderung zur Gänze beim Kind ankommen kann und nicht versteuert werden muss.“ Einkommensschwächeren Familien das Schulgeld gänzlich erlassen, könne sie nicht, denn im Endeffekt sei die Schule ein Privatunternehmen. Staatliche Förderung gibt es keine.

Lehrer, die "vor Freude sprühen“

Möglich wurde die Amadeus School erst durch Investoren aus den USA und Asien sowie dem neuseeländischen Multimilliardär Richard Chandler. Sie ist Teil eines internationalen Netzwerks, Partnerschulen gibt es in Portugal und Vietnam. "Das akademische Programm ist dort dasselbe. Wenn unsere Schüler für einige Zeit an eine Schule im Ausland wollen, um Menschen, Kultur und Unterricht kennenzulernen, ist das möglich und eine große Bereicherung“, erklärt Hickelsberger.

Leisten kann sich diesen Standard freilich nicht jeder. Den Elitebegriff negativ verstanden wissen will Hickelsberger aber nicht: "Ich will mich nicht abgrenzen, sondern etwas Hochwertiges bieten. Unser Standort ist high class, wir haben neue Steinway-Klaviere, unsere internationalen, top ausgebildeten Lehrer sprühen vor Freude. Die Schulküche hat einen Standard, den ich meinen eigenen Kinder bieten möchte.“ Und noch viele weitere Beispiele hat sie parat.

Die nicht-konfessionelle Alternative zum öffentlichen Schulsystem muss aber nicht unbedingt mit einer prallen Geldbörse einhergehen. Gerade Waldorfschulen wollen von Elite nichts wissen, war doch der Gedanke bei der Schulgründung vor rund hundert Jahren, den Sprösslingen der Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik eine Ausbildung zu bieten.

Um 30 Prozent niedrigere Lehrergehälter

Ganz gratis kann der Unterricht aber dennoch nicht sein: Schließlich bekommen freie Alternativschulen wie die Waldorfschulen nicht einmal tausend Euro pro Schüler und Jahr vom Staat ersetzt. Die 16 österreichischen Waldorfschulen benötigen aber im Durchschnitt über 4000 Euro pro Schüler oder Schülerin und Jahr. Damit sich auch einkommensschwächere Eltern den alternativen Unterricht leisten können, wird die finanzielle Beteiligung sozial gestaffelt: Wohlhabendere Familien zahlen höhere Beiträge als Niedrigverdiener. An der Waldorfschule Schönau in Niederösterreich liegen die Eigenmittel für ein Kind zwischen 190 und höchstens 470 Euro pro Monat. Finanzielle Nöte kennt man trotzdem gut, wie Angelika Lütkenhorst vom Waldorfbund aufzeigt: "Unsere Lehrergehälter liegen bis zu 30 Prozent unter dem, was Lehrer im öffentlichen System verdienen; sie beruhen auf dem Mindestlohntarif für private Bildungseinrichtungen.“

Momo Kreutz von EFFE Österreich, dem Dachverband der nicht-konfessionellen Schulen, schlägt in dieselbe Kerbe: "Wir fordern dieselbe finanzielle Unterstützung wie konfessionelle Schulen. Dann könnten wir 80 Prozent unserer Personalkosten decken. Auch unsere Abschlüsse sollen zu hundert Prozent akzeptiert werden. Von Anerkennung unserer reformpädagogischen Ansätze sind wir weit entfernt.“ Dass die Förderungen im letzten Jahrzehnt von 1,7 auf 4,5 Millionen Euro gestiegen sind, sei nur ein "Schulterklopfen“. Und so will EFFE weiterkämpfen, denn: "Das Recht auf freie Schulwahl besteht erst, wenn sie auch leistbar ist.“

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