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Aufstand der Kleinen

Ab Herbst soll der Kindergarten zumindest für Vorschüler gratis sein. Doch kleinere Gruppen schaffen das trotz Förderung nicht. Ein Aufschrei am Beispiel von Wien und Niederösterreich.

Die Sache schien klar: Ab kommendem Schul- bzw. Kindergartenjahr soll die Betreuung von Fünf- und Sechsjährigen in Kindergärten gratis sein, zumindest für 20 Wochenstunden. So will es jene 15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern, die im Juni besiegelt wurde. Das „verpflichtende letzte Kindergartenjahr“ wurde aus der Taufe gehoben. Aber noch nicht ganz: Nur drei Bundesländer – Kärnten, Nieder- und Oberösterreich – rufen schon ab Herbst zur Kindergartenpflicht auf, die anderen erst ein Jahr später.

Doch so klar ist die Sache dann doch wieder nicht. Das wurde einigen kleinen Betreibern von Kinderbetreuungseinrichtungen und deren Konsumenten, den Eltern, bald bewusst: Die Förderungen des Landes reichen für diese nicht aus, um den Platz gratis anzubieten. Erste Alarmzeichen kommen aus Niederösterreich und Wien.

„Müssen Fünfjährige ablehnen“

Ulrike Brocza leitet mit einer Kollegin das Montessori Kinderhaus in Hainfeld. Die private Tagesbetreuungseinrichtung, wie sie in Niederösterreich genannt wird, hat nach eigenen Angaben einen „extrem guten Zulauf“. Doch Brocza hat trotzdem Anlass zur Sorge: „Wir können Fünfjährige nicht für einen Kostenersatz des Landes von 85 Euro im Monat für 20 Wochenstunden gratis betreuen. 24 Wochenstunden kosten 220 Euro in unserem Kinderhaus. So können wir nicht einmal annähernd kostendeckend arbeiten. Wir können daher zurzeit keine neuen Kinder dieses Alters aufnehmen. Das ist sehr schade, weil die Montessori-Pädagogik gerade in der Vorschulzeit viel bewegen kann.“ Die Förderungen vom Land seien zwar bis jetzt gut gewesen, doch dränge dieses neue Gesetz für das verpflichtende Kindergartenjahr viele private Einrichtungen an den Rand ihrer Existenz, befürchtet Brocza.

Auch elternverwaltete Kindergruppen schließen sich diesem Aufschrei an. Von diesen Gruppen werden nach eigenen Angaben 600 Kinder betreut. Margarete Purkarth, Sprecherin des Landesverbandes Elternverwalteter Kindergruppen in Niederösterreich, moniert nicht nur die Ungleichbehandlung bei Förderungen zwischen Landeskindergärten und privaten Anbietern: Wer ab jetzt Fünfjährige betreuen will, muss laut Vorgaben des Landes auch noch um eine zusätzliche Bewilligung ansuchen.

Christine Holubek, die eine Montessori-Kindergruppe in Perchtoldsdorf leitet und eine Plattform für Tagesbetreuungseinrichtungen ins Leben gerufen hat, wirft dem Land vor, dass private Einrichtungen schlicht an den Rand gedrängt werden sollen. Auch Eltern, deren Kinder von diesen kleinen Anbietern betreut werden, haben eine Petition verfasst, um gegen diese „Ungleichbehandlung“ zwischen privaten und öffentlichen Einrichtungen aufzutreten.

Vorwürfe, die der zuständige Landesfamilienreferent, Peter Pitzinger, vehement zurückweist. Die 85 Euro im Monat, zehn Mal im Jahr, für Fünfjährige seien vom Bund vorgegeben, sagt er, und orientierten sich an den durchschnittlichen Betreuungskosten hierzulande. Die zusätzliche Bewilligung ist an der Umsetzung eines Bildungsplanes geknüpft. Diesen gebe es zwar noch nicht, daher würden Fördermittel im ersten Jahr trotzdem ausbezahlt, sagt Pitzinger. Zudem: Es gebe Elternzuschüsse für finanziell Schwache (bis zu 291 Euro pro Kind und Monat) und zudem Personalzuschüsse für die Einrichtung (bis zu 73 Euro jeweils von Land und Gemeinde), insgesamt also bis zu 437 Euro pro Monat. Ein Landeskindergartenplatz kostet laut Pitzinger 462 Euro pro Kind und Monat. Die elternverwalteten Gruppen monieren, dass sie de facto zwischen 306 und 438 Euro pro Kind an Förderungen bekämen, und 850 Euro für die Fünfjährigen: aber im Jahr. Zudem: Volle Elternzuschüsse würden nur sehr Bedürftige bekommen.

In Wien finden die kleinen Einrichtungen Leidgenossen: Auch hier wurde für manche kleinere Einrichtungen bald deutlich: Der Werbeslogan der Stadt Wien „Kindergarten gratis für alle“ stimmt nicht. In Wien sollen Kindergarten und die Krippen überhaupt von Null bis 6 Jahren gratis sein, bis auf das Essen und „Sonderangebote“, also spezielle pädagogische Programme oder längere Öffnungszeiten. Gratis werden in Wien außer den Gemeindekindergärten die großen privaten Anbieter wie die parteinahen „Kinderfreunde“ (SPÖ), „Kinder in Wien“ (ÖVP) und kirchliche Kindergärten. Die kirchlichen haben sich erst jüngst zu einem Träger zusammengeschlossen, um gratis anbieten zu können. Denn die Gemeinde Wien hat den Zuschuss zur Administration von der Anzahl der Gruppen abhängig gemacht, je mehr, umso mehr Geld gibt es (s. Kasten).

Gerade das stieß etwa dem „Dachverband der Wiener Privatkindergärten und -horte“ sehr sauer auf. Daher gründeten auch die kleinen privaten Kindergärten eine Genossenschaft (Vindobini). Doch trotz all der Mühen des Zusammenschlusses, gratis werde der Kindergarten immer noch nicht werden können, so Renate Gschlad vom Dachverband: Man wolle genau dieselbe Summe, wie die Stadt Wien an Förderung für einen Gemeindekindergartenplatz ausgebe. Eine Summe pro Kopf könne nicht „runtergebrochen“ werden, heißt es vonseiten der Stadt Wien. Auch Saskia Haspel, Obfrau der Österreichischen Montessori Gesellschaft, schlägt Alarm: „Wir können keinen gratis Kindergartenplatz anbieten, wir können nicht einmal billiger werden. Das Verrückte ist, dass es heißt, wir bekommen die Förderung nur dann, wenn wir uns verpflichten, für Fünfjährige gratis anzubieten. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“ An die Förderungen seien zudem Forderungen geknüpft, wie längere Öffnungszeiten, außerdem würden Förderungen gestrichen, etwa für Fortbildung.

Wiens Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Mehr als 80 Prozent der Kindergartenplätze würden gratis sein. Dass es einige aufgrund einer anderen Kostenstruktur oder eines speziellen Angebots nicht schaffen, sei klar gewesen. „Aber eine Förderung kann sich nicht am obersten Level orientieren.“

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