7127704-1997_11_20.jpg
Digital In Arbeit

Aus der Rolle ins Abseitsfallen

Angeblich lauten die drei dümmsten Standardfragen, die man an einen Schauspieler richten kann „Was machen Sie eigentlich tagsüber?” „Ist es nicht furchtbar schwer, so viel Text zu behalten?” und „Ja, kann man denn davon leben?”

Doch gerade jetzt, wo die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit der Ersten Republik die 300.000-Grenze überschritten hat und von Kurswechsel, beziehungsweise neuen Konzepten die Rede ist, wird es legitim, wenn nicht sogar notwendig, die letztere dieser Fragen, entstanden aus der recht verbreiteten Vorstellung über den Schauspieler als „Bohemien”, von dem man nicht so recht weiß, was er eigentlich arbeitet, einmal unbefangen zu stellen.

Auf empirische Untersuchungen, die ein realistisches Bild der sozialen Situation der Schauspieler zeigen, kann man sich dabei kaum stützen. Zu klein ist diese Berufsgruppe, als daß man ihr eine umfassende Studie gewidmet hätte, und zu groß sind die Einkommensunterschiede zwischen den Spitzenverdienern, einigen wenigen Film- und Fernsehstars, und jenen, die manchmal weit unterm Existenzminimum ihr Dasein bewältigen müssen.

Das Problem ist, wie es der Direktor des Beinhardt-Seminars, Nikolaus Windisch-Spoerk, formuliert: „Man trifft halt nur die Leute, die im Geschäft sind, und die haben das Pro blem einer sozialen Drucksituation nicht”. So machen hauptsächlich sogenannte „Geisterzahlen” die Runde, wie jene von 10.000 arbeitslosen Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Man spricht nicht gerne über die Notwendigkeit diverser Brotjobs, und wenn doch, dann am ehestens rückblickend wie der Schauspieler und Obmann, der erst im Herbst des letzten Jahres gegründeten Fachgruppe der freien Fernseh- und Filmschauspieler in der Gewerkschaft Kunst, Medien, Freie Berufe. Erwin Leder. Für ihn kam seine größte Durststrecke nach einem Engagement in Wolfgang Petersens Filmerfolg „Das Boot”. Die Rolle eines „Wahnsinnigen” blieb gewissermaßen an ihm kleben und mit dem Ruf behaftet nur solche Typen spielen zu können, bekam er für die nächsten drei Jahre fast keine Anstellung mehr. „Ich habe unter anderem einen Taxikurs gemacht und bin Programmierer geworden, um überhaupt überleben zu können. Deshalb hält er die Frage nach Geldjobs für müßig. „Wenn man wie ich in meiner damaligen Situation drei Kinder zu ernähren hat, bleibt einem gar keine andere Möglichkeit”.

Gleichzeitig ist es aber speziell in diesem Beruf äußerst schwierig, etwas nebenbei zu verdienen. Um Vorsprechmöglichkeiten, Castingtermine wahrzunehmen, Kontakte mit Be-gisseuren und Produzenten zu suchen, kurz um „zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein”, ist Flexibilität die Voraussetzung schlechthin, „Engagements kommen immer ad hoc” erzählt Maria Merkl vom Arbeitsmarktservice (AMS) Wien, wo in der Künstlervermittlung ständig zwischen 350 und 400 Schauspieler und 50 Tänzer, die kein ständiges Enga-

Seit 1994 vermittelt das Arbeitsmarktservice unkonventionell Künstler-Jobs gement haben, gemeldet sind. „Manchmal bekomme ich um zwei Uhr nachmittags Castingtermine von Filmproduktionsbüros, die bereits am nächsten Tag wahrzunehmen sind.”

Einen Dienstgeber zu finden, der bereit ist jemanden anzustellen, der möglicherweise in zwei Wochen oder gar nach einem Tag wieder weg ist, stellt manche vor ein unlösbares Problem. Eine realistische Vorstellung von der sozialen Situation eines großen Teils der darstellenden Künstler bekommt man, wenn man einen Blick auf die Arbeitsbedingungen außerhalb der Bundestheater und großen Privattheater wirft, in denen durch den Kollektivvertrag ein monatliches Mindesteinkommen von etwa 16.815 Schilling brutto und eine gewisse soziale Absicherung gegeben ist.

Im wesentlichen kann man hier auch noch die Mittelbühnen hinzufügen, doch geht man den Weg weiter, gewissermaßen nach unten zu den Freien Theatergruppen und den Kleinbühnen, trifft man auf ein soziales Desaster. Hier finden sich Abendgagen von 300 bis 500 Schilling pro Abend (Probenwochen werden nicht bezahlt), Projekte können oft nur unter massiver Selbstausbeutung realisiert werden, und die Frage einer Sozialversicherung für freie Theaterschaffende ist noch keineswegs zufriedenstellend geregelt. Wenn man, wie es bei einem Diskussionsabend im Theater im Künstlerhaus („Theatersalon” vom 9. November 1996) errechnet wurde, das durchschnittliche

Einkommen der nicht fix engagierten darstellenden Künstler mit 2.000 bis 7.000 Schilling annimmt, ergeben die Rückschlüsse ein düsteres Bild.

Verschärft wurde die Situation vor allem auch durch die mit 1. Mai 1996 eingeführte Obergrenze des Arbeitslosengeldbezuges. Waren Künstler vorher bei einem Eigenverdienst bis zu 16.712 Schilling beim Arbeitsmarktservice versichert und konnten ihre Leistung zum Teil beziehen, wird nun der Arbeitslosengeldbezug zur Gänze gestrichen, wenn man mehr als

3.740 Schilling im Monat verdient. Für jene, die darauf angewiesen sind, zwischen ihren Engagements vom AMS Leistung zu beziehen und sozialversichert zu sein, bedeutet dies, wenn sie im darstellerischen Bereich gängige Arbeiten, wie zum Beispiel vereinzelte Drehtage, tageweises Engagement bei Freien Gruppen oder Kleinbühnen et cetera wahrnehmen, von 5.000 bis 7.000 Schilling leben zu müssen oder sich bei Jobs, welche die Geringfügigkeitsgrenze überschrei -ten würden, billiger, also unter ihrem Marktwert, zu verkaufen.

Franz Becke von der Gewerkschaft Kunst, Medien und freie Berufe nennt diese Regelung schlicht einen „Wahnsinn, der zu Schwarzarbeit oder zum Verweigern von Arbeit zwingt”. Er veranschaulicht dies am Beispiel, eines Schauspielers, der nach einem gut bezahlten Engagement nun berechtigt ist, für das nächste halbe Jahr eine Arbeitslose von monatlich 10.000 Schilling zu beziehen. Nun werden ihm, weil man ihn zufällig kennt, zwei Drehtage ä 2.000 Schilling angeboten. Mit einem Schlag verliert er nun die 10.000 Schilling. Er wird das Angebot nur annehmen können, wenn er es sich leisten kann, auf 6.000 Schilling zu verzichten.

Die Folgen sind aber darüber hinaus auch noch auf andere Weise fatal, weil damit auch die Möglichkeit eines Folgejobs wegfällt. Gerade in dieser Branche, wo Kontakte alles sind, wird ihn nach der zweiten und dritten Ablehnung keiner mehr fragen, und gelingt es ihm nicht, wieder ein langfristiges Engagement zu bekommen, kann man zur erfolgreichen Produktion eines Langzeitarbeitslosen gratulieren.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau