autismus - © Foto: Doris Helmberger

Autismus im Schulalltag

1945 1960 1980 2000 2020

Die Zahl der schüler im Autismus-Spektrum steigt. Was braucht es, damit die Inklusion solcher Kinder gelingt? Ein Schulbesuch vor dem Welt-Autismustag am 2. April.

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Die Zahl der schüler im Autismus-Spektrum steigt. Was braucht es, damit die Inklusion solcher Kinder gelingt? Ein Schulbesuch vor dem Welt-Autismustag am 2. April.

Kurz auf einem Sessel sitzen bleiben und sich auf ein Arbeitsblatt konzentrieren: Was für andere Sechsjährige kein großes Kunststück ist, war für Jason ein hartes Stück Arbeit. Noch vor einem halben Jahr ist der Bub mit afrikanischen Wurzeln, der in Wirklichkeit anders heißt, oft unhaltbar durch die Klasse getobt, hat lautstark gequietscht und ist gern auf den Gang hinaus ins Stiegenhaus verschwunden. Dass er schon damals die Schreibschrift beherrschte, konnte wegen seiner Unruhe niemand ahnen. Heute erinnert nur noch ein großes Stoppschild mit Jasons Namen draußen an der Brandschutztür an diese turbulente Zeit. In knapp sieben Monaten ist es gelungen, den Buben trotz seiner schweren Autismus-Spektrum-Störung (ASS) Schritt für Schritt mit dem Schulalltag vertraut zu machen -und seine Klassenkollegen mit ihm.

Bilder, Mappen, Strukturen

Dass das möglich wurde, ist wesentlich Yvonne Ehgartner zu verdanken. Seit Schulbeginn kommt die klinische Psychologin in Ausbildung ein Mal pro Woche in die erste Klasse der Volksschule Neilreichgasse in Wien-Favoriten, um Jason als persönliche Assistentin zur Seite zu stehen. Während die Klassenlehrerin Sylvia Wulz mit den 17 Regelschülern gerade "verliebte Zahlen" mit Quersumme zehn behandelt und Integrationslehrer Thomas Kiessling im Nebenraum mit den drei anderen Integrationskindern arbeitet - darunter ein weiterer Bub mit weniger ausgeprägtem Autismus und zwei Kinder mit Lernschwäche -, ist sie ganz für Jason da: Sie fixiert selbst gemachte Fotos auf seinem Tisch, um ihm den Tagesablauf vor Augen zu führen; sie richtet ihm die "1,2,3"-Mappe her, in der seine Arbeitsaufträge zu finden sind; sie geht mit ihm in den Nebenraum, wenn er sich in die Polster werfen möchte; oder sie schenkt ihm zur Belohnung zehn Minuten für ein Rechenspiel am Computer.

Jeden Donnerstag hilft sie auf diese Weise mit, die nötige Struktur in Jasons Kopf zu bringen und die beiden Lehrkräfte der Klasse zu entlasten; und jeden Dienstag und Mittwoch übernimmt eine andere persönliche Assistentin vom Dachverband Österreichische Autistenhilfe diesen Part. "An diesen Tagen ist es viel leichter", wird Klassenlehrerin Wulz später in einer Pause sagen. "Wenn wir hingegen nur zu zweit sind, müssen wir Arbeiten vorbereiten, die für die anderen Integrations-Kinder auch alleine schaffbar sind, um Jason die nötige Aufmerksamkeit zu widmen." Noch deutlicher wird Eveline Nitschko, die Direktorin der Schule: "Ohne Zusatzressourcen wie persönliche Assistenz und einen zweiten Raum würde es in diesem Fall nicht gehen."

Wieviele autistische Kinder es in Österreich gibt, ist unklar, Schätzungen gehen von einem Prozent der Bevölkerung aus. Allein in Wien rechnet man mit 1400 Betroffenen im schulpflichtigen Alter, wobei nur knapp 400 von ihnen laut Stadtschulrat über eine Diagnose verfügen. Insgesamt steige freilich die Zahl der Diagnostizierten -schon allein auf Grund der wachsenden Sensibilität.

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