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"Befragen wir doch die Bevölkerung"

Die Bildungssprecher der ÖVP und der Grünen, Werner Amon und Harald Walser, im Streitgespräch über den Sinn eines neuen AHS-Aufnahmeverfahrens und das Dauer-Reizthema Gesamtschule. Das Gespräch führte Regine Bogensberger

Nach hitziger Diskussion mit wenig Konsens machte Werner Amon einen Vorschlag, der auch den Grünen zusagt: Warum nicht endlich eine Volksbefragung zum leidigen Thema "gemeinsame Schule" abhalten?

Die Furche: Nehmen wir an, Ihrem Kind wäre die AHS-Reife nicht bescheinigt worden: Wären Sie enttäuscht oder würden Sie sich sagen: Egal, jedem Kind die richtige Schule.

Harald Walser: Ich wäre enttäuscht. Denn ich weiß, dass die Chancen eines Kindes, zur Matura zu kommen, wesentlich geringer sind, wenn es nicht in die AHS kommt. Ich würde daher im Interesse meines Kindes alles unternehmen, dass es diesen Bildungsabschluss, die Matura, doch noch schafft. Das ist ja das große Problem unseres Bildungssystems: Setzen sich die Eltern ein oder nicht. Daher haben wir das sozial selektivste Bildungssystem in Europa.

Werner Amon: Es ist deswegen selektiv, weil sich die Eltern einsetzen und nicht die Begabungen des Kindes im Mittelpunkt stehen. Es würde in diesem Fall überhaupt nicht die Welt zusammenbrechen. Wir haben exzellente Hauptschulen. Viele, die die HS besuchen, gehen später in eine maturaführende Schule und machen Karriere. Und sie fühlen sich vielleicht wohler, als wenn sie mit viel Nachhilfe durchs Gymnasium gezwungen werden.

Walser: Sie machen mit Ihrem Vorschlag - quasi ein Aufnahmegespräch mit den Eltern - das System noch selektiver. Eltern, die sich da einsetzen, werden ihr Kind in die AHS bringen, Kinder aus der unteren sozialen Schicht werden weiter die Leidtragenden sein.

Amon: Genau das ist der Fehler! Wie gesagt, das Kind mit seinen Begabungen soll im Mittelpunkt stehen. Ich rede auch nicht von einem Aufnahmegespräch, sondern von einem umfassenden Verfahren (siehe Kasten). Damit müssen natürlich folgende Grundprinzipien verbunden sein: volle Durchlässigkeit im Bildungssystem, kein Abschluss ohne Anschluss.

Walser: Was mich wirklich an Ihrer verzopften Position erschüttert, ist, dass Sie Bildungspolitik für das 19. und nicht für das 21. Jahrhundert machen. Wir müssen endlich den Anschluss an internationale Entwicklungen finden. Alle Testungen - ob Pisa, Pirls, Timss, die OECD - bestätigen dasselbe: Ein Grundproblem ist die zu frühe Trennung der Kinder. Sie können nicht Neunjährige verlässlich einschätzen. Die ÖVP hat sich sogar vom Leistungsgedanken im Bildungsbereich verabschiedet.

Amon: Das Gegenteil ist der Fall! Die Gleichmacherei-Schule, die die Grünen und SPÖ propagieren, die ist leistungsfeindlich. Wenn es nach Ihnen ginge, müssten alle Matura machen, egal ob sie kognitive oder handwerkliche Begabungen haben. Schauen Sie sich andere Staaten an, die bei Pisa vorne liegen: Die diskutieren jetzt ein Mehr an Differenzierung.

Wasler: Uns geht es darum, dass individuell auf Schüler und Schülerinnen eingegangen wird. Wir brauchen ein Umdenken, was das gesamte Unterrichten anbelangt. Wir müsse Kindern ermöglichen, auch individuelle Bildungswege zu gehen. Die jetzige Krise kann als Chance genutzt werden. Wir brauchen eine Koalition der Vernünftigen gegen die Blockierer, die vor allem im ÖAAB sitzen ...

Amon: Das sind doch Phrasen! Sie blockieren unsere Vorschläge, etwa, dass wir Maßnahmen setzen müssen, damit wir nicht so viele Kinder haben, die Nachhilfe brauchen, weil sie in der falschen Schule sitzen.

Walser: Das Nachhilfeproblem beginnt nicht erst nach der Entscheidung AHS oder HS, sondern schon in der Volksschule. Wir erzeugen derzeit unglaublichen Druck auf acht- und neunjährige Kinder, auf deren Eltern und Lehrer! Zudem: Wenn nach Pisa 16 Prozent der Zehnjährigen, aber schon 22 Prozent der 15-Jährigen nicht sinnerfassend lesen können, stimmt etwas in der Mittelstufe nicht: Diese Kinder verlernen während der Schulpflicht das Lesen!

Amon: Ich nehme diese Details aus Pisa sehr ernst. Aber ich bin dagegen, dass man aus solchen punktuellen Tests eine Systemdebatte ableitet, das ist nicht seriös.

Die Furche: Es gibt nun die Neue Mittelschule (NMS). Die läuft vier Jahre, dann soll der Schulversuch evaluiert werden. Nehmen wir an, es kommen - bei allen Einwänden wegen der Vergleichbarkeit - sehr gute Ergebnisse zustande. Würde die ÖVP dann sagen: Ok, stellen wir das System um!

Amon: Ja, selbstverständlich. Nur es gibt nicht die NMS, es gibt unterschiedliche Modelle in den Ländern …

Walser: Die Torpedos sind also schon unterwegs …

Amon: … und dann ist zu beurteilen, welches dieser Modelle relativ gesehen das beste Ergebnis bringt. Dann wird man sich dafür einsetzen, dass das ins Regelschulsystem kommt. Im Übrigen gibt es in Niederösterreich Versuche, die Volksschulzeit zu verlängern. Ich halte das für einen sehr interessanten Ansatz. Weil Entwicklungspsychologen sagen, dass Prognosen umso schwieriger sind, je jünger ein Kind ist.

Walser: Herr Kollege, das ist ja das Kernproblem. Sie geben es also zu …

Amon: Das ist eine zynische Freude, die Sie da haben. Ich will ernsthaft bleiben. Selbst die Aussagen von Entwicklungspsychologen, wann der ideale Zeitpunkt für eine Differenzierung ist, schwanken zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr der Kinder. Deshalb ist ja die Durchlässigkeit und die Anschlussmöglichkeit im System so wichtig.

Die Furche: Sie könnten sich also vorstellen, dass man erst mit zwölf oder 14 Jahren in verschiedene Schultypen trennt? Wozu dann der Streit?

Amon: Wir erproben in Niederösterreich eine verlängerte Volksschule (sechs Jahre lang, Anm.).

Die Furche: ... und was, wenn die sich bewährt?

Amon: Dann wird man entsprechende Entscheidungen treffen. Ich bin da kein Ideologe. Nur was ich nicht möchte, ist eine undifferenzierte Gesamtschule.

Walser: Nennen Sie mir jemanden, der das will!

Amon: Wenn ich alle inkludiere, dann ist das eine undifferenzierte Gesamtschule.

Walser: Das Gegenteil ist der Fall. Natürlich brauchen wir Inklusion, das ist der wesentliche Punkt: Schule soll die Bevölkerung repräsentieren: Alle Schüler, ob mit Handicap oder ohne, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, werden "inkludiert", gehen in eine Klasse. Wir haben hervorragende Sonderschulpädagoginnen, aber wir brauchen keine Sonderschulen. Wir brauchen diese Lehrkräfte in den Regelschulen, damit sie die Kinder auch partiell aus dem Klassenverband herausnehmen und individuell fördern.

Die Furche: Auch an Sie, Herr Walser, die Frage: Denken Sie um, wenn beim Schulversuch NMS unzufriedenstellende Ergebnisse herauskommen?

Walser: Die werden herauskommen. Weil die Neue Mittelschule, so wie sie jetzt geführt wird, mit einer gemeinsamen Schule nichts zu tun hat. Es gibt keine Modellregion, wo wirklich alle Kinder eines Jahrgangs in einer Schule sind. Der Schulversuch wird scheitern, das ist absehbar.

Die Furche: Wie soll es nun weitergehen? Wie diese Dauer-Blockade durchbrechen?

Walser: Ich hoffe, dass sich in der Volkspartei das "Volk" durchsetzt. Es gibt viele im Dunstkreis der ÖVP, die auf die wunden Stellen im Schulsystem hinweisen, etwa die "Katholische Aktion", die Industriellenvereinigung, der Wirtschaftsbund. Aber solange der ÖAAB hier das Sagen hat, bin ich skeptisch.

Amon: Schön, dass Sie dem ÖAAB eine solche Bedeutung beimessen. Zu Ihrem Hinweis mit dem Volk: Bei Internetabstimmungen zu meinem Vorschlag gab es überwiegende Zustimmung. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man diese Grundsatzfrage - differenziertes Bildungssystem im Inneren oder im Äußeren - einer Volksbefragung unterzieht. Das soll auch ein Beweis dafür sein, dass ich keinen ideologischen Zugang habe. Ich bin davon überzeugt, dass unser Bildungssystem gut ist, dass es aber Schwächen hat und weiter entwickelt werden muss. Freilich kann man auch mit einem System mit starker innerer Differenzierung erfolgreich sind, das anerkenne ich; aber der Umbau wäre umständlich und unnötig, und bringt keine Garantie, dass es dann besser wird.

Walser: Eine Volksbefragung könnte Bewegung bringen. Wenn es uns gelingt, eine breite Diskussion zu entfachen, dann kann ich mir das sehr gut vorstellen.

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