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Beschleuniger im Kopf

Ihr Gehirn arbeitet so schnell, dass bald Langeweile keimt: Hochbegabte Kinder und Jugendliche haben es im Schulsystem nicht immer leicht. Eine aktuelle Studie fordert nun Maßnahmen, damit Begabungen, wie einst bei Carl Friedrich Gauß, rechtzeitig erkannt und gefördert werden.

Er soll gerechnet haben, bevor er sprechen konnte: Irrte sich sein Vater bei der Lohnabrechnung, begann der Dreijährige zu weinen und schlug gegen den Tisch. Fünf Jahre später brachte er auch seinen Lehrer zur Verzweiflung: Als der Braunschweiger Schulmeister Büttner seine Zöglinge mit der Aufgabe schikanierte, alle Zahlen von 1 bis 100 zu addieren, erschien der Junge gleich darauf vor dem Lehrerpult. Auf seiner Schiefertafel prangte die richtige Lösung: 5050. Er habe einfach die höchsten Zahlen mit den niedrigsten addiert: 100 und 1, 99 und 2, 98 und 3 und so fort. Die Summe sei stets 101 gewesen - und dies 50 Mal.

Ein Genie wie Carl Friedrich Gauß (1777-1855) war nicht zu übersehen - auch vom prügelnden Lehrer Büttner nicht: Gerührt von so viel Begabung, machte er den Herzog von Braunschweig auf Gauß aufmerksam. Ein weiser Schritt, wie sich zeigen sollte. Schließlich schrieb der Knabe später mit der Gauß'schen Normalverteilung, der Berechnung der Bahn des Asteroiden Ceres oder der Erfindung des Magnetometers Geschichte.

2,5 Prozent Hochbegabte

Die Chance eines Lehrers, auf ein Genie wie Gauß zu stoßen, ist denkbar gering. Hochbegabte Schülerinnen und Schüler finden sich freilich in fast allen Klassen: "Pro Jahrgang sind geschätzte 2,5 Prozent der Kinder hochbegabt. Durchschnittlich sitzt also fast in jeder Klasse ein hochbegabtes Kind. Weitere 25 Prozent sind besonders begabt", erklärte Thomas Köhler, Leiter des Referats für Begabungs- und Kreativitätsförderung im Bildungsministerium, im Rahmen des Kongresses "Vision konkret" in der Theresianischen Akademie in Wien.

Doch wer gilt als hochbegabt? Gemeinhin Kinder mit einem Intelligenzquotienten über 130. "Der iq ist aber nur ein Globalmaß. Mit ihm kann man durchaus einzelne Spezialbegabungen übersehen", erklärt Aljoscha Neubauer, Leiter des Arbeitsbereiches Differenzielle Psychologie am Institut für Psychologie der Universität Graz. Bester Beweis für die eingeschränkte Aussagekraft solcher Tests ist die Studie von Lewis Terman Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Terman wollte in einer Langzeitstudie an 1500 Hochbegabten deren Lebensweg studieren. Zwei Schüler hatten es mangels iq-Leistung gar nicht in die untersuchte Gruppe geschafft: der eine hieß William Shockly und erhielt 1956 den Nobelpreis in Physik; der andere war Luis Alvarez und wurde 1968 mit dem selben Preis geehrt.

"Das Problem ist, dass es versteckte Begabungen gibt. Nicht jede besondere Begabung schlägt sich auch in guten schulischen Leistungen nieder", so Neubauer. Damit sich eine Begabung entfalten könne, brauche es unterstützende Faktoren: bestimmte Persönlichkeitsmerkmale (z. B. Selbstbewusstsein, Optimismus), Umweltkatalysatoren (ein förderndes Klassen- und Familienklima) - und vor allem Motivation. Zur Motivation kommt es aber erst dann, wenn Erfolgsrückmeldungen vorangegangen sind: "Wenn eine Begabung nicht erkannt und gefördert wird, kann für diese Domäne auch keine Motivation entstehen. Insofern ist frühes Erkennen wichtig."

Dies umso mehr, als hochbegabte Kinder nicht selten als verhaltensauffällig "missidentifiziert" werden - bis hin zur Vermutung, dass sich hinter manchem Kind mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (adhs) eigentlich eine Hochbegabung verbirgt. "Wenn ein Kind dauerhaft unterfordert ist, weil es sich langweilt und nach mehr Input verlangt, dann wird es aufmüpfig werden oder sich zurückziehen", erklärt der Psychologe Neubauer.

Gerade bei der Identifikation von Hochbegabten ortet freilich eine aktuelle Studie über die "Begabtenförderung in 21 Europäischen Ländern", die im Auftrag des Deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellt wurde, Nachholbedarf. "Die Identifikation von Unterforderung' ist ein Problemfeld in Österreich. Geeignete Identifikations-Prozeduren oder auch Leitlinien fehlen", heißt es in der Studie, die von Franz J. Mönks und Robin Pflüger von der Universität Nijmegen in Holland erstellt wurde. Ein Manko stellen die Autoren auch in der Lehrerausbildung fest, da Begabtenförderung nur optional, aber nicht verpflichtend sei. Immerhin wurden in den vergangenen sechs Jahren in Österreich über 600 Lehrerinnen und Lehrer nach den Prinzipien der echa (European Council for High Ability) - freiwillig - zu Begabtenförderern ausgebildet.

Abgesehen von diesen Schwachstellen sei in Österreich in den letzten zehn Jahren "eine Vielfalt an spezifischen Maßnahmen wie auch Unterrichtssystemen zur Förderung von begabten Kindern eingerichtet worden", so die Studie. Das "Ideal der Integration" in reguläre Schulklassen werde ebenso praktiziert wie die "Segregation" in spezielle Schulen. Auch die Einrichtung des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung in Salzburg (özbf) wird positiv vermerkt.

Schüler an die Uni

Die Förder-Palette ist tatsächlich bunt: Weitgehend bekannt sind die Olympiaden in Physik, Chemie, Mathematik und Sprachen. "Hier haben hochbegabte Schüler oft die einzige Chance, an ihre Grenzen zu gelangen", erklärt Helene Rucker, Landeskoordinatorin für Begabten- und Begabungsförderung in der Steiermark. Daneben gebe es "Pull-Out-Kurse", in denen Schüler ein bis zwei Wochen von der Schule freigestellt werden, um eigenen Projekten nachzugehen; den Atelier-Unterricht, in dem Schüler sich von der Klasse entfernen dürfen, um selbständig zu forschen; das Drehtürmodell, das es Schülern ermöglicht, am Unterricht einer höheren Schulklasse teilzunehmen; und schließlich die Chance, ab 15 Jahren Universitäts-Vorlesungen zu besuchen.

In der Steiermark wünscht man sich indes noch mehr: Vergangene Woche wurde im Rahmen der diesjährigen echa-Tagung in Graz das geplante Netzwerk "Begabungs- und Begabtenförderung Steiermark" vorgestellt. Ziel sei nach Aussage der steirischen Bildungslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder (vp) eine in sechs Regionen gegliederte Struktur, die allen Betroffenen - Begabten, Familien, Lehrern - zugute kommen soll. 360.000 Euro werden dafür zur Verfügung gestellt.

Auch ein "Steirisches Begabtenzentrum" soll entstehen, ergänzt Helene Rucker, die selbst am Pädagogischen Institut in Graz einen viersemestrigen Lehrgang für Begabtenförderung konzipiert hat. Zusätzlich würde sie sich noch eine flexible Schuleingangsphase für Kinder zwischen fünf und sieben Jahren sowie Express-Klassen mit einem zeitlich gestrafften Lehrplan wünschen.

Klassen-Hüpfen

Eine Beschleunigung für kluge Köpfe hat schon die Novelle des Schulunterrichtsgesetzes von 1998 gebracht: Begabte Schüler können statt einer nunmehr drei Klassen überspringen - eine in der Volksschule, eine in der Sekundarstufe I und eine in der Sekundarstufe II. "Das kommt aber natürlich nicht oft vor", weiß Friedrich Oswald, Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien und Präsident von echa-Österreich. Laut Oswald waren im Jahr 2000 erst 190 Fälle von Klassenüberspringen zu finden - zwei Drittel davon im Volksschulbereich.

Nicht nur zeitliche, auch psychologische Vorteile könnte diese Praxis mit sich bringen: Schließlich würden hochbegabte Schüler dem Zwang entkommen, sich zurückzunehmen, um nicht als "Streber" zu gelten. Diese "Einbrems"-Praxis werde durch das derzeitige Parallelführen von Hauptschule und ahs-Unterstufe noch verstärkt, so Oswald. "In beiden Schularten bewegen wir uns in Ballungsräumen auf undifferenzierte gesamtschulartige Entwicklungen zu." Um den Begabungen des Einzelnen gerecht zu werden, sei hingegen eine "wirkliche Differenzierung nach Begabungen" notwendig - also wie in Finnland "eine gleiche Schule für unterschiedliche Lerner" (siehe unten). Statt das Schulsystem "von heute auf morgen umzubauen", wünscht sich Oswald aber einen regionalen Schul-Versuch.

Schutz durch Prügel

Hier könnten sich nicht nur die Hochbegabten als Motoren für schwächere Schüler erweisen. Hier könnten die Pädagogen auch lernen, ihre latenten Ängste vor klugen Kindern zu bewältigen. Die Selbstschutzmethode von Schulmeister Büttner ist ja nicht mehr legal: Dieser griff nach dem Coup des kleinen Gauß ein letztes Mal zum Rohrstock...

Nähere Infos: www.begabtenzentrum.at

Veranstaltungstipp: Anlässlich des heurigen Gauß-Jahres (150. Todestag am 23. Februar) findet im math.space im Wiener Museumsquarter am 15. Juni um 19 Uhr ein Vortrag über "Der Astronom Carl Friedrich Gauß" statt.

Infos unter http://math.space.or.at

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