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Klüger werden

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Delfinschule - © Foto: iStock/Nuture

Bildung in der Natur: Die Schule der Wildnis

1945 1960 1980 2000 2020

Bildung findet nicht nur in Bildungseinrichtungen statt, sondern auch und vor allem in der freien Natur. Über die Schärfung der Sinne und Gefühle durch Naturverbundenheit.

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Bildung findet nicht nur in Bildungseinrichtungen statt, sondern auch und vor allem in der freien Natur. Über die Schärfung der Sinne und Gefühle durch Naturverbundenheit.

Wir Menschen sind Teil der Natur, wir kommen aus ihr und gehen wieder zu ihr zurück. Die Idee, dass sich der Mensch durch Kultur von der Natur trennen könnte, ist hingegen relativ neu. Sie kam im Altertum auf, vor rund 2500 Jahren. Weite Verbreitung erlangte sie erst im 17. Jahrhundert, seit René Descartesʼ „Ich denke, also bin ich“. Mit dem Aufbau der allgemeinen Schulbildung im 18. und 19. Jahrhundert wurde diese Idee schließlich allen Menschen der westlichen Welt nahegebracht.

200 Jahre nach der Einführung der Schulbildung wird nun allgemein davon ausgegangen, dass Bildung vor allem in Bildungseinrichtungen stattfindet. Doch man fragt sich: Wie wurde vor der Einführung von Schulen Wissen vermittelt? Wie reichten und reichen Naturvölker ihr umfangreiches Wissen über mehrere zehntausend Jahre weiter, ohne eine Bildungseinrichtung? Und wie machen es andere Tiere? Abseits des modernen Menschen ist jedenfalls niemand auf die Idee gekommen, sich von der Natur trennen zu können. Wale und Delphine schwimmen in Schulen durch die Ozeane. Sie sind intelligente Tiere und können viele Dinge, die wir Menschen nicht können – etwa Echolot-Ortung oder tiefes, langes Tauchen.

Ameisen und Termiten wiederum bauen große Häuser, ihre Staaten sind praktisch unsterblich. Sie betreiben Landwirtschaft, bauen Pilze in ihren Häusern an und halten Blattläuse auf nahegelegenen Pflanzen. Die einzelnen Mitglieder ihrer Staaten durchlaufen eine komplexe Ausbildung. Sie arbeiten als Ammen, als Reinigungskräfte und als Nahrungssammlerinnen. Wenn man darin bereits so etwas wie „Kultur“ entdeckt, wäre sie jedenfalls unabdingbar Teil der Natur.

Der Bildungsweg der Wölfe

Wölfe schließlich leben in Familien. Jede davon hat ein Revier, das gegen andere Wölfe verteidigt wird. Innerhalb des Reviers kennen sie sich hervorragend aus; sie durchlaufen es täglich zehn bis 15 Kilometer weit, jagen getrennt oder gemeinsam. Um erfolgreich jagen zu können oder nicht von Autos überfahren zu werden, müssen Wölfe jeden Tag viele Entscheidungen treffen. Junge Wölfinnen und Wölfe bleiben in der Regel zwei Jahre bei ihren Eltern, bevor sie dafür genug gelernt haben. Erst dann wagen sie, ihre eigenen Wege zu gehen. Jeder Wolf durchläuft also seinen individuellen Bildungsweg. Kämen sie je auf die Idee, dass sie ihr Revier beherrschen und alle anderen Tiere ihre Untertanen sind?

Wie lernen alle diese Wesen? Sie lernen, indem sie in Verbindung mit ihrer Umgebung treten. Sie leben und achten darauf, was sie wahrnehmen. Sie tun etwas und achten darauf, was dann passiert. Je nachdem, ob ihnen das gefallen hat oder nicht, wiederholen sie es oder verzichten darauf in Zukunft. So sind wir alle von der Natur geprägt, dazu haben wir unsere Sinnesorgane. Wir lernen in der Verbindung mit der Natur. Auch kleine Kinder lernen so, zum Beispiel Laufen und Sprechen. Umso größer und älter sie jedoch werden, umso mehr rückt das bewusste Denken in den Vordergrund. Das Denken mit Herz und Gefühl hingegen verkümmert.

Viel wird darüber gesprochen, was die Menschen alles könnten und worin sie anderen Wesen überlegen seien. „Nur Menschen können denken“, ist so ein weitverbreitetes Vorurteil. Weniger oft wird darüber gesprochen, was Menschen alles nicht können – wobei es auch hier Vorurteile gibt. „Tiere handeln instinktiv, Menschen können das nicht“, heißt es etwa gern. Beides ist falsch, wenn man die Evolutionstheorie ernst nimmt. Nach dem heutigen Stand des Wissens hat sich der Homo sapiens sapiens vor rund 200.000 Jahren zu dem entwickelt, was wir heute sind. Davor fand die Evolution 3800 Millionen Jahre lang ohne diesen „klugen, klugen Menschen“ statt. Wie ist dann vorstellbar, dass nur der Mensch denken können und zugleich keine Instinkte haben soll? Wer hat uns vor 0,2 Millionen Jahren das eine genommen und das andere gegeben?

Offensichtlich ist diese Idee also falsch. Selbstverständlich können Tiere denken. Selbstverständlich haben wir Menschen Instinkte. Entsprechend vorsichtig geht die Wissenschaft heute mit beiden Aussagen um.

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