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Bildung oder Ausbildung

In kritischen Stellungnahmen zum Thema Latein wird gerne betont, daß der Stellenwert dieser Sprache an Österreichs Schulen und Universitäten im internationalen Vergleich besonders hoch ist. Offenbar sind immer weitere Kreise der Ansicht, daß einem kleinen Land wie Österreich eine solche führende Stellung nicht zuträglich ist: Jedenfalls legen die jüngsten Aktivitäten der beiden zuständigen Ministerien eine derartige Vermutung nahe. Von höchster Stelle des Unterrichtsministeriums verlautet der Plan, daß Latein in Zukunft generell erst ab der fünften Klasse unterrichtet werden soll, und das Wissenschaftsministerium will mit dem Entwurf eines Neuen Universitätsstudiengesetzes (UniStG) Latein als Studienvoraussetzung nicht nur dort eliminieren, wo es zusätzlichen Bildungswert hat, sondern auch in Fächern, die ohne Latein nicht -zum mindesten nicht wissenschaftlich - betrieben werden können.

Da nicht jede Variante der Matura die vollen Voraussetzungen für jede Art von Studium vermitteln kann, waren seit jeher bestimmte Zusatzqualifikationen vorgeschrieben. Die derzeit gültige Universitäts-berechtigungsverordnung unterscheidet zwischen Zusatzprüfungen, die vor Beginn eines Studiums abgelegt werden müssen (beispielsweise Biologie für Medizin oder Latein für Alte Geschichte) und Zusatz- beziehungsweise Ergänzungsprüfungen, die bis zum dritten Semester zu absolvieren sind (etwa Latein für Rechtswissenschaften). Der UniStG-Entwurf behält die wenigen Zusatzprüfungen unter der Bezeichnung von Ergänzungsprüfungen bei, läßt aber die viel häufigeren (Zusatz- beziehungsweise) Ergänzungsprüfungen - und damit die entsprechenden Wissensgrundlagen - ersatzlos wegfallen. Am schwersten betroffen ist Latein: Ohne daß dem Entwurf eine nennenswerte öffentliche Diskussion vorangegangen wäre, soll Latein schlagartig in einem viel größeren Ausmaß als Studienvoraussetzung wegfallen, als dies selbst in der langen und vehementen Latein-Diskussion der späten siebziger Jahre je gefordert worden war.

Es ist eine Tatsache, daß die europäische Kultur zutiefst in der Antike verwurzelt ist, die fast eineinhalb Jahrtausende lang einen zentralen Bezugspunkt für alle wissenschaftlichen, künstlerischen und gesellschaftspolitischen Tendenzen darstellte. Dementsprechend war Latein nicht nur die internationale Sprache des Mittelalters und der frühen Neuzeit sowie das bevorzugte Medium der schönen Literatur, sondern auch die Naturwissenschaften drückten sich bis ins 18. Jahrhundert vorwiegend in lateinischer Sprache aus, und nicht zuletzt war in Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie Latein bis 1847 Amtssprache.

Wie sollte also ein Geschichtswissenschaftler, der den Namen verdient, ohne Latein auskommen, wenn er sich mit den Quellen beschäftigt? Diese nur in Übersetzung zu lesen, erlaubt kein selbständiges Urteil mehr, denn jede Übersetzung ist in stärkerem oder geringerem Maß bereits eine Deutung und kann daher auch eine Fehldeutung sein. Wie sollte ein Romanist das Wesen und Werden von Italienisch, Französisch, Spanisch und so weiter verstehen, wenn er vom gemeinsamen Ursprung aller romanischen Sprachen, dem Lateinischen, keine Vorstellung hat?

In gleicher Weise werden ihm und jedem Literaturwissenschaftler -selbst dem, der sich mit Gegenwartsliteratur beschäftigt - wesentliche Züge der Texte, mit denen er sich beschäftigt, verborgen bleiben, wenn er die bis ins 19. Jahrhundert als normativ betrachteten Vorbilder der Antike ebensowenig im Original lesen kann wie die (über hundertmal) umfangreichere lateinische Literatur des Mittelalters und der Neuzeit. Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen, sie betrifft praktisch die gesamte Geisteswissenschaft, aber nicht nur sie: Sollte sich etwa ein Theologe derart auf das Pastorale beschränken, daß ihn die lateinische Tradition der Bibel und der Kirche überhaupt nicht mehr berühren?

Zur wissenschaftlichen Funktion des Lateinischen kommt eine propädeutische, denn durch ihren streng analytischen Charakter ist die lateinische Sprache in besonders hohem Maß dazu geeignet Sprachbewußtsein und Fähigkeiten im Umgang mit jeder Sprache, auch der eigenen, zu entwickeln.

Beide Aspekte treffen auch auf das Studium der Rechtswissenschaften zu, sowohl der wissenschaftliche (Römisches Recht) als auch der erzieherische, der gleichzeitig ein berufspraktischer ist: Daß derjenige Anwalt erfolgreicher sein wird, der die Sprache besser beherrscht, braucht wohl nicht lange argumentiert zu werden. Der bei der Diskussion des UniStG-Entwurfes gelegentlich erhobene Einwand, wer Latein für sein Studium wirklich brauche, könne es auch ohne gesetzliche Vorschriften nebenher nachlernen, geht in geradezu zynischer Weise an der Realität vorbei: Hier soll nur an die gleichzeitige Forderung nach kürzeren Studienzeiten erinnert werden.

In einer zunehmend ahistorisch orientierten Gesellschaft kommt es nicht überraschend, daß die Beschäftigung mit lateinischer Sprache und Literatur - die keineswegs auf die Antike beschränkt werden müßte -kontinuierlich abnimmt, und doch könnte gerade hier viel für das kulturelle Niveau und die allgemeine Persönlichkeitsbildung gewonnen werden. Unter diesem Gesichtspunkt, neben und vor dem der Fachterminologie, behält Latein auch für das Medizinstudium eine gewisse Relevanz.

Das Stichwort „Allgemeinbildung" führt in den Bereich der Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS), an denen die Nachfrage nach Latein, sollte der UniStG-Entwurf tatsächlich Gesetz werden, zweifellos stark zurückgehen wird. Es ist hier nicht der Ort, die Diskussion über Latein an AHS im vollen Umfang aufzurollen, nur eines soll betont werden, nämlich daß es um eine Grundsatzentscheidung geht, die früher oder später auch andere Fächer betreffen wird: Bildung oder Ausbildung? Soll es im Kulturstaat Österreich künftig auch dort, wo das Programm Allgemeinbildung heißt, letztlich doch nur um die praxisorientierte Produktion von Absolventen gehen, oder sollen wenigstens die AHS für ihre Schüler ein breites Bildungsangebot auf sprachlich-kultureller Basis beibehalten?

Im Grunde stellt sich das Problem an den AHS und an den Universitäten in ganz ähnlicher Weise. Um es zeitgemäß zu formulieren: Sollen unsere Schüler und Studenten „Programmierer" werden, die die Hintergründe und Zusammenhänge ihrer Tätigkeit verstehen, oder wollen wir nur - schneller auszubildende -„Anwender", die ihr Programm von anderswo beziehen? Will sich Österreich gerade dort selbst schwächen, wo es bisher besonders stark war?

Der Autor ist

Professor für Klassische Philologie und Prädekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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