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Bisher noch keine Renaissance

1945 1960 1980 2000 2020

1994 Jahr der Familie Weltweit wollte die UNO die Familie gefördert sehen. Am Jahresende fallt die Bilanz für Österreich leider negativ aus.

1945 1960 1980 2000 2020

1994 Jahr der Familie Weltweit wollte die UNO die Familie gefördert sehen. Am Jahresende fallt die Bilanz für Österreich leider negativ aus.

Das kürzlich beschlossene Sparpaket der Koalition stellt einen beachtlichen Rückschritt in der Familienförde- rung dar. Aber es geht nicht nur um materielle Einbuße. Das Übel liegt tiefer. Wie sehr sich in den letzten Jahren der allgemeine Stellenwert der Familie gewandelt hat, macht das Koalitionsabkommen von ÖVP und SPÖ deutlich. Man vergleiche, was 1990 und heuer zum T hema Familie darin zu lesen ist.

Vor vier Jahren bekannte sich die Regierung zur Familie als „eine der wichtigsten Grundlagen des Staates.“ Im Übereinkommen 1994 hingegen kommt im Abschnitt „Frauen und Familie“ das Wort „Familie“ überhaupt nur ein einziges Mal vor - an einer Stelle, wo von Gewalt in der Familie die Rede ist!

1990 wollte man Alleinverdiener- Familien gezielt fördern. Am Ende des Jahres der Familie ist davon keine Rede mehr - im Gegenteil. Die Unterstützungen werden gekürzt (Seite 10 und 11). Nicht nur wegen der jüngsten Kürzungen drängt sich somit die Frage auf: Hat die Familie in der westlichen Welt nicht ausgespielt? Paßt sie überhaupt zum liberal-emanzipatorischen Menschenbild, das heute die Politik prägt?

Eher nicht, denkt jeder, der die Broschüre liest, die das Familienministerium zum Jahr der Familie versandt hat. Welche Hilflosigkeit, wenn von der Familie die Rede ist!

„Die Familienformen werden immer vielfältiger: neben der klassischen Mehrkindfamilie finden sich alleinerziehende Frauen und Männer, aber auch Familien mit berufstätigen Eltern, Stieffamilien... und lose Partnerschaften. Jedes Kind hat den Anspruch, in einer Familie aufzuwachsen, wobei grundsätzlich alle Familienformen gleiche Qualität und Moralität haben. Deshalb ist es wichtig, daß neue Familienformen gesellschaftlich nicht diskriminiert werden...“

Man glaubt es kaum. Welch ein Unsinn! Nur keine Diskriminierung - ein Totschlagwort. Um nur ja nicht zu diskriminieren, darf nicht mehr über das' anzustrebende Leitbild gesprochen werden. Und dabei weisen alle Befragungen darauf hin, daß die große Mehrheit der Bevölkerung die traditionelle Vorstellung von Familie hochhält.

Zwei von drei Österreichern sagen, man brauche Familie, um glücklich zu sein, 93 Prozent stimmen der Feststellung zu, „sexuelle Treue ist eine wichtige Basis für die Ehe“ und 78 Prozent meinen, es sei besser, der Mann sei „berufstätig und die Frau zuhause, um sich um Haushalt und Kinder zu kümmern.“ (Aus „Werthaltungen und Lebensformen in Österreich“, 1987).

Fragt man Kinder, wie sie sich ihre Familie wünschen (wie es die Zeitschrift „Eltern“ bei rund 2.200 von ihnen tat), so bekommt man zu hören: daß viel gelacht wird, man viel miteinander unternimmt und spricht, sich nach einem Streit schnell versöhnt und zusammenhält, auch wenn jemand etwas angestellt hat... Eigentlich klar. Wie aber soll das alles nach dem Tagesstreß der Doppelverdiener und nach der Heimkehr aus der Ganztagsbetreuung aus dem Hut gezaubert werden?

Reine Frage: Viele Familien leiden unter der Doppelbelastung der Frauen: Viele fühlen sich überfordert, klagen häufiger über Beschwerden als Hausfrauen, tun sich schwerer, Konflikte zu lösen... Unter noch größerem Druck stehen Alleinerzieher-Familien. Untersuchungen in den USA zeigen, daß deren Kinder dreimal so oft psychische oder Verhaltensprobleme haben als Kinder aus Familien mit beiden Eltern und häufiger Lernprobleme (80 Prozent). Sie fehlen öfter in der Schule, sind ängstlicher, feindseliger...

Klarerweise kann es nicht darum gehen, Alleinerziehern von Staats wegen das Leben schwer zu machen. Keineswegs. Aber es ist unverständlich, daß man sich nicht klar zur lebenslangen Ehe, zur möglichst langen Betreuung der Kinder durch die Mutter, also zu jener Lebensform bekennt, die den Menschen guttut und die sie im Grunde genommen auch anstreben - auch nicht am Ende des Jahres der Familie! Da können noch so viele Untersuchungen die Nachteile des Zerstörung des „traditionellen“ Familienmodells belegen - die Politik hält am „emanzipatorischen“ Modell fest. Typisches Beispiel das Namensrecht: Aller Voraussicht nach werden die Mitglieder einer Familie in Zukunft nicht mehr denselben Namen tragen.

RELIKT DER VERGANGENHEIT?

Es geht eben um weltanschauliche Fragen. Unsere auf Befreiung von Bindungen und materiellen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft setzt konsequent ihren Weg fort. Und auf diesem ist Familie ein Relikt der Vergangenheit, denn sie bedeutet Bindung an andere, Zurück nahme der eigenen Person, der eigenen Interessen zugunsten der Familienmitglieder. Sie bedeutet auch Vorrang der Zuwendung vor den ökonomischen Interessen.

Familie hat in einer Welt Bedeutung, in der die Herkunft des Menschen, die Erfahrung etwas zählt. Familie bindet den Menschen an seinen Ursprung, erinnert ihn daran, daß seine Existenz geschenkt und anderen zu verdanken ist. Familie ist somit in allen Kulturen ein Bindeglied zur transzendenten Herkunft, zum Schöpfer.

Damit fängt unsere transzendenzvergessene Gesellschaft überhaupt nichts an. Sie ist vorwärtsgerichtet - und da werden die Alten zur Last. Sie ist auf das Individuum zentriert - und da werden die Kinder und der lebenslange Partner zur unerträglichen Einschränkung der „Selbstverwirklichung“. Sie strebt Leistung an - und da werden alle, die nicht „nützlich“ sind, zur Bürde.

Das Internationale Jahr der Familie hat diese Konfrontation bei der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo besonders deutlich werden lassen. Da haben die Industriestaaten dem Rest der Welt ihre Weltanschauung in entscheidenden Punkten unterschoben: die familienzerstörende Abtreibung und Reproduktionsrechte, die die Fortpflanzung als Recht des einzelnen, losgelöst von familiärer Beziehung definieren.

Was aber soll Familie überhaupt noch, wenn sie nicht einmal mehr als Ort der Menschwerdung angesehen wird? Sie wird in einer Welt, die nur mehr den einzelnen sieht, zum Anachronismus. Damit wird am Ende dieses Jahres jedenfalls offenbar: Ohne Abkehr vom Leitbild des nutzenmaximierenden Egoisten ist Familie zum Untergang verurteilt - mit ihr aber auch der Mensch. Beide Haben nur Zukunft, wenn es zu einer geistigen Erneuerung kommt.

Daher auch das Engagement der Kirche in diesem Jahr: die vielen Initiativen weltweit, das Schreiben des Papstes an die Familien, das Engagement bei der Weltbevölkerungskonferenz, das Treffen des Papstes mit den Familien der Welt im Oktober in Rom... Deutliche Signale, daß es eine Alternative gibt.

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