Bildung - © Illustration: iStock/iblusca

Bürgerbildung in der Schule: Moralisches Gespür erlernen

1945 1960 1980 2000 2020

Welche Bildung braucht der Mensch, um als Bürger(in) mit Krisen umgehen zu können? Gedanken zur Aneignung von Einsicht, Verständnis und Weltorientierung in der Schule.

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Welche Bildung braucht der Mensch, um als Bürger(in) mit Krisen umgehen zu können? Gedanken zur Aneignung von Einsicht, Verständnis und Weltorientierung in der Schule.

Was würde eine gebildete Bürgerin, einen gebildeten Bürger in der Coronakrise kennzeichnen? Ein kritisches und differenziertes Denken, ein fundiertes Sachwissen in bestimmten Bereichen, ein politisches Interesse und politisches Wissen. Aber auch Reflexionsfähigkeit und ein Beurteilungsvermögen.

Dieser Bürger, diese Bürgerin hätte die Fähigkeit, eine begründete und vertretbare Meinung zu formen, wäre skeptisch gegenüber Pseudowissenschaften und bloßen Phrasen der Politik. Die Person würde über moralische Bildung verfügen: Das bedeutet, Verantwortung gegenüber der Gesellschaft übernehmen, sich in die Lagen und Perspektiven anderer versetzen können, ethische Sensibilitäten entwickeln. Der Schweizer Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri verwendet in diesem Zusammenhang den traditionellen Begriff der Herzensbildung.

Wie lassen sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger dieser Art ausbilden und bilden? Der Schule fällt selbstredend eine Schlüsselrolle zu. Entscheidungsträger müssen sich folgende Fragen stellen: Ist es notwendig, um die erforderlichen Fähigkeiten bei den Lernenden auszubilden, gewisse Bereiche aus dem Lehrplan schlicht wegzulassen? Oder muss vielmehr versucht werden, so viele Inhalte wie möglich abzudecken? Und: Ab wann ist eine Schwerpunktsetzung kontraproduktiv?

Martin Wagenschein prägte diesbezüglich in den 1960er Jahren die Redewendung vom „Mut zur Lücke“. Sein Ziel war es, das „Verstehen“ im naturwissenschaftlichen Schulunterricht in den Mittelpunkt zu stellen. Er bezeichnete seinen Ansatz als sokratisch, genetisch und exemplarisch. Im Unterricht sollte beim exemplarischen Lernen mit einer ursprünglichen Naturerfahrung begonnen werden, mit den Phänomenen selbst. Das sollte dann zur allgemeinen Einsicht führen.

Die Landkarte des Wissbaren

Heute ist in der Mainstreamdidaktik vor allem von „Kompetenzorientierung“ die Rede. Der Verstehensbegriff ist weitgehend verschwunden. Die Inhalte des jeweiligen Faches werden in manchen Fällen fast schon beiläufig vermittelt, bleiben der „Kompetenz“ nachgeordnet. Lücken hinsichtlich des Faches sind damit gleichsam vorprogrammiert.

Im Gegenzug steht zur Diskussion: Wie sehr soll der Unterrichtende in die Tiefe gehen? Peter Bieri schlägt vor, dass es bei (schulischer) Bildung um die Vermittlung einer groben „Landkarte des Wissbaren und Verstehbaren“ geht und weiters darum, „zu lernen, wie man über die einzelnen Provinzen mehr lernen könnte“. Er nennt das „Bildung als Weltorientierung“. Im schulischen Kontext stellt sich das Problem, dass viele Themen in mehreren Gegenständen mehrmals angeschnitten werden – aber eben nicht mehr. Es wiederholen sich Themen wie gesunde Ernährung, Umwelt, Beziehungen, Sport, Freizeit, Arbeitswelt in Gegenständen wie in Englisch, Biologie, Deutsch, Religion oder Französisch. Das Fächerübergreifende kann aber häufig nur oberflächlich behandelt werden. Stichwort Fremdsprache. Tiefgang ist am ehesten noch bei Wahlpflichtfächern oder Abschlussarbeiten wie der „Vorwissenschaftlichen Arbeit“ zu erwarten.

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