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Chinas Bildungskrise: Drill bis zum Limit

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Das chinesische Ausbildungssystem muss dringend verändert werden. Psychische Belastung und Lerndruck sind überbordend und werden immer stärker. Doch der Druck ist nur schwer wegzudenken, wurzelt er doch im kulturellen Selbstverständnis.

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Das chinesische Ausbildungssystem muss dringend verändert werden. Psychische Belastung und Lerndruck sind überbordend und werden immer stärker. Doch der Druck ist nur schwer wegzudenken, wurzelt er doch im kulturellen Selbstverständnis.

Shanghai ist die Stadt der Mathematik. Laut der aktuellen PISA-Studie sind Schüler aus Shanghai dem OECD-Durchschnitt in diesem Fach um drei Schuljahre voraus. Die Stadt liegt bezüglich des Leistungsniveaus an erster Stelle, aber das hat auch seine Gründe.

In China gehen die Kinder sechs Jahre in die Grundschule, danach drei Jahre in die Untere Mittelschule und drei Jahre in die Obere Mittelschule. Viele Schüler verbringen 14 Stunden täglich in Schul-und Nachhilfeeinrichtungen. "Ich kann auch mit negativem Druck etwas erreichen, aber was ist mit denen, die Misserfolge verbuchen, obwohl sie sich anstrengen?", fragt Christiane Spiel, Professorin für Bildungspsychologie an der Universität Wien.

Das gilt nicht zuletzt für viele Teilnehmer des Gaokao, dem härtesten Hochschulaufnahmetest der Welt. Die zweitägige Prüfung, an der heuer 9,4 Millionen Schüler teilgenommen haben, entscheidet darüber, ob und an welcher Universität man aufgenommen wird und darüber, ob einem eine rosige Zukunft bevorsteht. Die Qualitätsunterschiede der Universitäten sind enorm. Laut Ye Liu, Dozentin an der University of St. Andrews, werden vorrangig Eliteuniversitäten finanziert, niedriger gereihte Hochschulen sind massiv unterfinanziert. Auf etablierte Universitäten schaffen es nur die Besten. Zur Prüfungszeit schwirren Drohnen zur Überwachung über die Schulgebäude, Eltern bangen um ihren Nachwuchs. Welcher Druck auf den Kindern lastet, beweist ein Skandal 2012, als sich Schüler zur Lerneffizienzsteigerung in der Klasse an Aminosäuren-Tröpfe hängten. Um das Gaokao zu umgehen, studieren immer mehr Chinesen im Ausland.

Trend zum eigenständigen Denken?

China hat 2014 bei der staatlichen Patentbehörde 920.000 Patentanmeldungen verzeichnet. Die Innovation ist also in die Höhe geschnellt. Aber deutet das auch auf einen verstärkten Fokus auf Kreativität und eigenständiges Denken hin?

Eine Studie der Beijing Normal University hat Studenten zum Gaokao befragt. Den Studenten zufolge führt die Prüfung zu mehr Gleichheit, da alle daran teilnehmen. Aber sie frage nur Wissen ab, verhindere kreatives und kritisches Denken und verursache sozialen und psychischen Druck. Ein Teilnehmer sagte, er habe sich fast ein Jahr lang in seinem Zimmer für die Prüfungsvorbereitung eingesperrt, um die von ihm erwartete Punktezahl zu erreichen. Viele leiden unter psychischen Problemen oder begehen gar Selbstmord. Die Autoren der Studie, Abdulghani und Guoyuan, sehen jedoch keine Alternative zum Aufnahmetest, da er tief in der Kultur verwurzelt ist. Sie plädieren für eine Dezentralisierung des Bildungssystems und eine umfassende Reform, die Kreativität, kritisches Denken und Talente fördert.

Es brauche Führungskräfte und Denker, um zukünftige Herausforderungen zu meistern. Davon ist auch Spiel überzeugt: "Eine Einschränkung von Autonomie und Selbstbestimmung verhindert das Ausleben kreativer Potenziale. Unterschiedliche Begabungen müssen gefördert werden, da nicht alle das gleiche tun können." Der Leistungsdruck fängt bereits im frühen Kindesalter an, wo Eltern um die Gunst der renommierten Schulen kämpfen. Laut Barbara Schulte, Dozentin an der Universität Lund, gibt es teilweise bereits an Grundschulen Aufnahmeprüfungen. Der Druck führt dazu, dass der Fokus auf der Vermittlung von Prüfungswissen liegt und eine ganzheitliche Bildung vernachlässigt wird.

Zweischneidiges Schwert

Die Lehrerinnen und Lehrer können diesem System nur schwer entkommen, da ihr Gehalt oft an die Leistung der Schüler gekoppelt ist. "Wenn ich am Tag 10 Stunden lernen muss, entgehen Quellen, wo ich meinen Interessen nachgehen und meinen Selbstwert stärken kann", meint Spiel.

Die Bildungspolitik Chinas ist laut Schulte zweischneidig. Einerseits propagiert die Regierung eine Bildung für die Massen, finanziert aber andererseits vorrangig Elitenförderung und Spitzenforschung. Die kommunistische Partei brüste sich laut Liu mit einem Bildungssystem, das auf meritokratischen Prinzipien beruht, also einem Zugang zu Bildung, der nicht an Einkommen, Status und Macht gebunden ist. Eine Studie in Ostchina hat aber ergeben, dass die Gaokao Schüler aus dem urbanen Bereich, die aus gut situierten Familien kommen und bessere Mittelschulen besucht haben, bevorteilt. "Die Politik trifft Entscheidungen über den Stellenwert der Bildung und darüber, wer Zugang dazu hat. Der Staat kann als zentraler Akteur Benachteiligungen verringern", sagt Spiel.

Die Kluft zwischen Stadt und Land klafft weit auseinander. Schüler mit ländlichem Hauptwohnsitz werden laut Schulte oft nicht an öffentlichen städtischen Schulen, die über eine bessere Qualität verfügen, aufgenommen und sind auf minderwertige Migrantenschulen angewiesen. Da lokale Studenten an Eliteuniversitäten bevorzugt werden, kommen die Studenten hauptsächlich aus Städten. Die chronische Unterfinanzierung Chinas trifft besonders ländliche Provinzen. Das urbane Bildungssystem steht im Kontrast zu ländlichen Regionen Chinas, wo Schulabbruch-und Analphabetenraten höher sind und junge Menschen oft als Arbeitskräfte gebraucht werden. "Langfristige Auswirkungen dieser Kluft sind schwer vorherzusagen, da wir in den nächsten Jahren durch die digitale Revolution dramatische Veränderungen erleben werden und bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze verloren gehen", sagt Spiel. Es gibt bereits mehrere Millionen arbeitslose Akademiker in China, genannt "Ameisenvölker"."Länder, die eine stabile, hohe Ausbildung bieten, liegen im Vorteil", ist Spiel überzeugt.

Die Curriculumreform hat laut Schulte ein Modell der Qualitäts-anstatt Prüfungsbildung zum Ziel. Der ländlichen Marginalisierung soll zudem entgegengewirkt werden. Reformen sind jedoch aufgrund des etablierten Prüfungssystems und des Missbrauchs durch die Regierung zu Propagandaund Manipulationszwecken schwer umzusetzen. Aufgrund massiver Kritik liegt der Fokus nun weniger auf Auswendiglernen, sondern auch soft skills wie ehrenamtliches Engagement erhöhen die Punktezahl.

Der Kontrast zwischen den Prestigeuniversitäten als internationalen Aushängeschildern und der Lebensrealität der Schüler ist trotz allem nicht zu übersehen. Spiel stellt klar: "Die Eliten müssen davon überzeugt werden, dass es nicht reicht, eine kleine Gruppe exzellent auszubilden, da die Wirtschaft nicht davon leben kann. Eine breite Bildung ist der wichtigste Erfolgsfaktor für ein Land."

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