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Das ganze Credo verkünden

Der heilige Paulus mahnt seinen Schüler Timotheus, das Evangelium „sei es gelegen oder ungelegen“ zu verkünden. Die Sendung, Christi Botschaft zu verkünden, ist also grundsätzlich unabhängig von allen Umständen, ob sie die Verkündigung leicht machen oder erschweren. Weltliche Rücksichten dürfen auf das Apostolat der Kirche keinen Einfluß haben. Dennoch spricht man auch von einem Kaliros, von einem spezifischen Ruf der historischen Stunde in der Verkündigung der Wahrheit und in der Verwirklichung der göttlichen Sendung der Kirche. Es ist durchaus einleuchtend, daß in einem gegebenen historischen Augenblick ein Anliegen vordringlicher und eine Aufgabe drängender sein können als eie es vorher waren.

Die Diözese St. Pölten mit ihren 10.000 Quadratkilometern Ausdehnung (etwas mehr als die Hälfte des Bundeslandes Niederösterreich) und rund 650.000 Einwohnern nimmt unter den acht österreichischen Diözesen der Größenordnung nach den vierten Rang ein. Wohl findet sich im gesamten Diözesangebiet keine Großstadt. Die nicht-selbständigen Berufstätigen überwiegen aber weitaus mit 60 Prozent der Bevölkerung, die in Betrieben arbeiten. Der Großteil des Gebietes nördlich der Donau im Waldviertel und einige Bezirke im Alpenvorland zählen zu den wirtschaftlich schwächeren Gebieten und leiden unter relativ starker Abwanderung. Mit ihren 420 Pfarreien weist die Diözese wohl das dichteste Pfarrnetz ganz Österreichs auf. Kleine Pfarreien zwischen 300 und 800 Seelen gehen meist auf josephinischen Ursprung zurück.

Zur Skizzierung, der religiösen Situation in der Diözese St. Pölten mögen einige statistische Hiniweise dienen: Von den rund 620.000 Katholiken haben im Jahre 1966 rund 78.200 ihre Osterpflicht erfüllt, 6,287.000 Kommunionen wurden empfangen. Das ergibt gegenüber dem Jahre 1963 eine Steigerung um 1,300.000; die Zahl der Sonntagsgottesdienstbesucher schwankte zwischen 220.000 und 240.000; 600 haben die Kirche verlassen, 220 sind in die katholische;i Kirche : neu eingetreten oder in sie zurückgekehrt.

Das Alte und das Neue

Das seelsorgliche Mühen ist zur Stunde notwendigerweise gekennzeichnet durch das, was man in der nachkonziliaren Epoche das Aggiornamento nennt. Dabei wird darauf Wert gelegt, daß womöglich die Erneuerung schrittweise und organisch vollzogen wind, ohne unmotivierte Sprünge und schockierende Neuerungen, die sowohl vom psychologischen wie auch vom soziologischen Standpunkt abzulehnen sand. Wir hüten uns, das gute und bewährte Alte allein aus dem Grund abzuschaffen, weil es alt ist, und ehe noch besseres Neues an seine Stelle treten kann; wir akzeptieren das Neue nicht schon deswegen, weil es neu ist und vielleicht, von unduldsamen Neuerern, die sich vielfach in liebloser Kritik am Alten gefallen, empfohlen wird. Dieser Grundsatz gilt auch bei der liturgischen Erneuerung, die — wie ich wohl ohne Übertreibung behaupten kann — vom weitaus größten Teil des gläubigen Volkes unserer Diözese mit freudiger Zustimmung, großem Verständnis und bereitwilliger Mitarbeit im Rahmen der erlassenen Normen ausgenommen wurde. Gewiß erfordert gerade die Erziehung zur aktiven Teilnahme an der Feier der erneuerten Liturgie viel Geduld, Klugheit und besondere Einfühlungsgabe in die Mentalität unserer Pfarrgemeinden, um sie so zu einem vertieften Verständnis der Feier des Gemeinschaftsgottesdienstes zu bringen. Diesem Anliegen soll in besonderer Weise das neue Diözesangebet- und -gesangbuch „Volk vor Gott“ dienen, das in diesen Tagen erscheinen wird. Obwohl es sich begreiflicherweise nur um ein Provisorium handeln kann, da die liturgische Erneuerung noch nicht abgeschlossen ist, sehen wir uns zu dieser neuen Herausgabe gezwungen, wenn wir nicht hinnehmen wollen, daß kostbare Zeit aus Ermangelung brauchbarer Unterlagen ungenützt bleiben soll.

Auch auf dem Wege zu einer notwendigen Umstrukturierung oder Neukonstituierung verschiedener Gremien auf diözesaner Dekanats- und Pfarrebene, im Sinne des vom Konzil so sehr urgierten kollegialen Prinzips, hat die Diözese erste Entscheidungen getroffen. So wurden bereits im Vorjahr der diözesane Priesterrat (in den vorläufig die bisherige Dechantenkonferenz mitintegriert wurde) und der Diözesanseelsorgerat mit einem provisorischen Statut und einer provisorischen Geschäftsordnung als beratende Organe des Bischofs errichtet. Zur Vorbereitung der Sitzungen des Seelsorgerates und zur Überwachung der Durchführung der gefaßten Beschlüsse dient ein Pastoralreferat im Rahmen des diözesanen Seelsorgeamtes unter der Leitung des hochwürdigsten Herrn Weihbischofs. Priester- und Seelsorgerat haben nach eingehender Beratung auch ein Statut für die Errichtung von Pfarrseelsorgeräten verabschiedet, das im Mai 1968 provisorisch in Kraft gesetzt wurde. Die Katholische Mänfierbewe- gung wurde mit der Errichtung von Pfarrseelsorgeräten als den zuständigen Gremien für alle liturgischen, pastoralen und sozialen Anliegen der Pfarren in besonderer Weise beauftragt. Für die vermögensrechtlichen Fragen bleiben der Diözesankirchenrat beziehungsweise der Pfarrkirchenrat nach wie vor zuständig. Mit den von den pfarrlichen Seelsorgeräten durch Wahl ermittelten Vertretern sollen dann entsprechende Seelsorgeräte auf Dekanatsebene .beschickt werden.

Weltkirchliche Gesinnung

Auf der gleichen Ebene liegt der Beschluß des Priesterrates, die Dechanten in Hinkunft vom Dekanatsklerus wählen zu lassen. Die Amtsdauer der Dechanten wurde mit acht Jahren festgesetzt. Die ersten Dechanten sind bereits in diesem Sommer gewählt worden.

Auf ein erfreuliches Verständnis sind in den letzten Jahren die Anliegen der Weltmission und der Entwicklungshilfe im gläubigen Volk unserer Diözese gestoßen. Die Sternsingeraktion der Katholischen Jungschar und die in der Diözese obligate Fastenaktion bringen jährlich rund viereinhalb Millionen Schilling, wovon rund drei Millionen reinen Entwicklungsprojekten zugewendet werden. Diese Leistungen in der Diözese, neben den offiziell vorgeschriebenen Kollekten, legen davon Zeugnis ab, daß eine weltkirchliche Gesinnung und Verantwortung — mit Genugtuung darf ich das feststellen — immer mehr den doch längst überholten Standpunkt überwindet, mit einem billigen Almosen seiner Verpflichtung nachkommen zu können.

Selbstverständlich macht sich auch in unserer Diözese das starke Zurückgehen des Priesternachwuchses empfindlich bemerkbar, so daß es unverzüglich ernster Überlegungen und Maßnahmen bedarf, um durch Umstrukturierung der pfarrlichen Struktur im Sinne einer umfassenden Raumplanung, ähnlich den Vorschlägen!, wie sie für die Diözesansynode der Erzdiözese Wien gemacht wurden, auf dem Personalsektor Einsparungen zu erzielen. Wenn heute in der Diözese St. Pölten bereits 25 Pfarreien unbesetzt sind, dann werden es in zehn Jahren, der gegenwärtigen Situation entsprechend, unvermeidbar 50 sein. Eine erste Überlegung hat bereits vor drei Jahren dazu geführt, für das nördliche Gebiet der Diözese in der Stadt Zwettl zu den beiden bestehenden bischöflichen Seminarien in Melk und Seitenstetten noch ein drittes zu errichten. Die bisherige Entwicklung rechtfertigt voll und ganz diese Entscheidung. Wenn immer noch zwei Drittel aller Priesterkandidaten in unserer Diözese aus den bischöflichen Seminarien kommen, beweist das wohl zur Genüge, daß die in letzter Zeit oft so unüberlegt ausgesprochene Ablehnung kleiner Seminarien unrealistisch ist. Die Diskussion in dieser Frage läßt leider nicht selten sachliche Gründe vermissen; dabei wird aber niemand leugnen wollen,, daß auch hier ein Aggiornamento sowohl hinsichtlich Planung und Gestaltung als auch in bezug auf pädagogische und religiöse Führung notwendig erscheint. Dem wird ja bereits in mancher Hinsicht Rechnung getragen. Wenn auch die Diözese in personaler Hinsicht unter einem schmerzlichen Engpaß leidet, so bleibt die Aufmerksamkeit dennoch weiterhin auf überdiözesane und gesamtkirchliche Anliegen gerichtet. So haben wir hauptamtlich drei Priester für die Militärseelsorge freigestellt, zwei für die Hochschulseelsorge in Wien und je einen Priester für die Betriebsseelsorge in St. Pölten und für den kirchlichen diplomatischen Dienst.

Reges Laienapostolat

Um den Seelsorgeklerus in der Schule zu entlasten, bemühen wir uns, in größerem Ausmaße Laienreligionslehrer heranzubilden und vor allem in den Pflichtschulen einzusetzen. Zu diesem Zweck wird im Rahmen der kirchlichen Pädagogischen Akademie in Krems ein eigenes Institut für Heranbildung von Laienreligionslehrern errichtet werden. Der Einsatz von Religionslehrern auch an höheren allgemein- und berufsbildenden Schulen wird geplant. Noch mehr als bisher muß das Bestreben realisiert werden, kirchliche Posten, für die die Priesterweihe nicht unbedingt erforderlich ist, mit Laien zu besetzen. So wird in unserer Diözese das diözesane Caritasinsti- tut bereits seit einigen Jahren von einem verheirateten Laien mit Umsicht und Erfolg geleitet.

Auf dem Gebiet des Laienapostolates bemüht sich unsere Diözese, eine rege Schulungsund Bildungstätigkeit zu entfalten. Das Bil- dungs- und Exerzitienhaus St. Hippolyt in St. Pölten und das Exerzitienhaus in Stift Zwettl bieten hiefür bestmögliche Vorbedingungen. Das große Anliegen der priesterlichen Weiterbildung und der Erwachsenenbildung gehört in' den besonderen Kompetenzbereich des Bischöflichen Vikars in der Person des hochwürdigsten Herrn Weihbischofs Doktor Stöger.

Damit habe ich nur einige Schwerpunkte in dem seelsorglichen Bemühen unserer Diözese aufzuzeigen versucht. Ein umfassendes, zeitgemäßes Seelsorgekonzept zu erstellen, wird Aufgabe der für das Jahr 1972 geplanten Diözesansynode sein. Unsere letzte Diözesansynode fand im Jahre 1961 statt. Nicht nur die kirchliche Vorschrift, die alle zehn Jahre eine Synode vorsieht, war der Grund, nicht sofort nach Abschluß des Konzils eine Synode abzuhalten, sondern vor allem die Überlegung, daß das Erneuerungswerk der Kirche längere Zeit in Anspruch nehmen wird und die hiefür nötigen Weisungen und Anordnungen noch Jahre auf sich werden warten lassen. Es hätte wohl wenig Sinn, eine Synode mit nur provisorischem Charakter abzuhalten, deren Bestimmungen und Beschlüsse laufend abgeändert werden müßten. Das war wohl auch ein Hauptgrund dafür, daß es in Österreich nicht sofort nach Konzilsende zu einer Nationalsynode gekommen ist. Wenn die Tatsache auch heftige Kritik erfahren hat, so glaube ich dem entgegenhalten zu dürfen, daß die bisherigen Erfahrungen der Entscheidung der österreichischen Bischofskonferenz nur recht geben. Um das so gepriesene holländische Na- tionalkonzil scheint es in letzter Zeit merklich ruhiger geworden zu sein. Übrigens hat Kardinal Alfrinck in einem Vortrag in Graz ausdrücklich betont, das holländische Nationalkonzil sei eine holländische Angelegenheit und kein Ausfuhrartikel, ein Wort, das nicht gern zitiert wird. Gewiß bejahen auch wir in unserer Diözese den vom Konzil gewünschten Dialog. Er ist notwendig und absolut zu bejahen, solange er nicht zum bloßen Gerede wird. Wir meinen aber, daß es grundsätzlich besser sei, konsequent zu arbeiten als zu reden.

Kein gottloses Christentum!

Seelsorge dient vor allem dem Ziel, allen Menschen das von Christus geschenkte Heil zu vermitteln. Nur so können wir dem letzten Sinn unseres Daseins, der Gloria Dei, der Verherrlichung Gottes in etwa gerecht werden. Es ist Aufgabe der Kirche, dahin zu wirken „daß alle Menschen, die heute durch vielfältige soziale, technische und kulturelle Bande einander immer enger verbunden werden, auch ihre volle Einheit in Christus erlangen“. Daran mitzuwirken, daraufhin ihren Dienst auszurichten und immer neu anzubieten, ist auch Aufgabe einer Diözese oder Teilkirche, wie sie vom Konzil genannt wird. Um diese Aufgabe auch erfüllen zu können, gilt es für alle Glieder des Gottesvolkes, Geduld zu haben, sich bereit zu machen, um den Blick freizubekommen für das Richtige und Notwendige, miteinander in brüderlicher Liebe zu sprechen, gemeinsam zu handeln und in allem den Glauben an den in der Kirche gegenwärtigen Herrn einzuüben und zu vertiefen.

Gewiß verlangt unsere Zeit gebieterisch eine der Gegenwart angemessene missionarische Seelsorge. Unsere Heilssorge muß in weit stärkerem Maße erfinderisch werden, um die Fernstehenden zu erreichen und auf die schwierigen Fragen der modernen Benufswelt eine Antwort zu suchen. Das darf aber nicht geschehen unter Preisgabe unveräußerlichen Glaubensgutes. Mag eine kritische Anmerkung dahingehend berechtigt sein, daß die Kirche in der Vergangenheit vielleicht ein zu „weltloses“ Christentum verkündet hat, so ist heute nicht die Gefahr zu übersehen, daß da und dort versucht wird, ein „gottloses“ Christentum zu predigen, ein „Christentum“, das letztlich in reiner Humanität und menschlicher Solidarität endet und unter Außerachtlassung geoffenbarter Normen dem Subjektivismus verfällt. Das ist die entscheidende Frage, „ob durch das Licht Christi unser tägliches Leben tief verändert und Christus angepaßt oder ob die christliche Religion unserer Alltagsbeschäftigung angepaßt wird“. Es wäre zu wenig, wollten sich katholische Christen mit einem humanitären Philantropismus begnügen. Christ kann nur sein, wer ernstlich nach Umgestaltung in Christus strebt und bereit ist, Zeugnis abzulegen für die christliche Offenbarung. Gemeint ist aber die Offenbarung im katholischen Sinn, also die ganze Offenbarung, wie sie uns in Christus in vollendeter Form geschenkt wurde.

Darin sieht der Bischof seine vornehmste Aufgabe: seinen Dienst anzubieten und Sorge zu tragen, daß in seiner Diözese das ganze Credo ohne „zeitgemäße“ Abstriche verkündet werde. In diesem Bestreben weiß er sich in treuer Verbundenheit eins mit seinen Mitbrüdern im Priesteramt und mit allen überzeugten gläubigen Christen seiner Diözese.

Die Diözese St. Pölten sieht weder mit falschem Optimismus noch mit Pessimismus, sondern mit christlicher Hoffnung, deren Grund der Glaube ist, in die Zukunft. Die Welt zu sehen wie sie ist, ohne Illusionen, aber zugleich über diese Welt hinauszusehen, darin

allein offenbart sich wahrer Realismus. Christliche Hoffnung macht uns nicht blind für die Gefahren, alber der Hoffende weiß, daß Gott über der Welt ist. Wir wissen, daß Christus die Welt erlöst hat, daß er uns gerufen hat, mit ihm zu kämpfen. Wir sind überzeugt, daß nichts den Menschen, der Christus sucht, von seiner Liebe zu trennen vermag. Wir wollen dem Rat des heiligen Paulus folgen: „Prüfet alles, was gut ist, behaltet.“ In der Kraft des Heiligen Geistes wollen wir uns weiter mühen, auf den Ruf des „Kairos“, auf den Ruf der historischen Stunde, in der wir leben, die richtige Antwort zu finden.

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