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Das Geschäft mit dem Versagen

In Wien soll es ab Herbst Gratis-Nachhilfe geben. Ist das genial - oder der beste Beweis für das Versagen des österreichischen Schulsystems?

Mariam hat gut lachen. Ihre Mathematik- und Deutschhausübungen sind schon erledigt, und auch das April-Gedicht kann sie längst auswendig: "Mama, hast du schon gesehen? / Ich kann auf Fingerspitzen gehen, / und der Hund von Nachbar Jockel / kräht nun wie ein bunter Gockel“, rezitiert die Zehnjährige. Zuhause ist sie mit solchen Herausforderungen meist auf sich allein gestellt: Tauchen Probleme auf, muss Mariam die Nachbarn fragen. Ihren eigenen, arabischsprechenden Eltern sind viele Aufgaben ein spanisches Dorf. Doch hier, im Lerncafé der Caritas in Wiener Neustadt, trifft sie nach der Schule nicht nur auf ihre Freundinnen, sondern auch auf Erwachsene, die auf jede noch so komplizierte Frage eine Antwort haben.

19 Kinder zwischen sechs und 15 Jahren kommen ein bis drei Mal wöchentlich nach der Schule hierher und erhalten kostenlose Lernbegleitung, eine gesunde Jause und Raum zum gemeinsamen Spielen. "Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zur Schule, sondern wollen einfach die Ressourcen der Kinder fördern“, erklärt die studierte Germanistin und Erziehungswissenschafterin Silvija Lovrinovic-Ad˘zaga, die das Lerncafé leitet. Während andere Kinder von den eigenen Eltern unterstützt werden bzw. die kostenpflichtige Nachmittagsbetreuung an den Wiener Neustädter Pflichtschulen in Anspruch nehmen, ist dies für diese Kinder nicht möglich. Was bleibt, ist das Lerncafé - zumindest solange sich genügend ehrenamtliche Lernbetreuer finden. "Das Feedback der Schulen ist jedenfalls sehr positiv“, sagt die gebürtige Kroatin Lovrinovic-Ad˘zaga in akzentfreiem Deutsch. "Oft heißt es sogar: Bitte, könnt ihr noch mehr helfen!“ Bereits 29 Lerncafés hat die Caritas in ganz Österreich eingerichtet. "Sie sind für uns nur die zweitbeste Lösung“, heißt es. "Das beste wäre, wenn sie gar nicht notwendig wären.“

Umstrittenes rotes "Leuchtturmprojekt“

Doch offensichtlich sind sie das - wie alle anderen Lernangebote abseits des staatlichen Schulsystems. Laut einer bundesweit repräsentativen Elternbefragung, die das IFES-Institut 2013 im Auftrag der Wiener Arbeiterkammer durchführte, nehmen 25 Prozent aller Eltern für ihre Kinder externe Lernhilfe in Anspruch (vgl. Kasten). 101 Millionen Euro geben sie pro Jahr für diese Nachhilfe aus. Durchschnittlich 613 Euro werden pro Kind investiert, klarer Spitzenreiter ist die Bundeshauptstadt mit 760 Euro.

Angesichts der anstehenden Wiener Wahlen und eines vielfach kritisierten Mangels an roten "Leuchtturmprojekten“ hat die Wiener SPÖ reagiert - und Ende März das Konzept einer "Gratis-Nachhilfe“ präsentiert. Bereits ab Herbst sollen 400 zusätzliche Lehrkräfte mit je 22 Wochenstunden dafür sorgen, dass Kinder bei Bedarf zwei zusätzliche Förderstunden pro Woche erhalten. Bei den 210 betroffenen Volksschulen wird diese Hilfe direkt am Schulstandort angeboten, bei den 93 Neuen Mittelschulen und 64 AHS ist eine Zusammenarbeit mit den Wiener Volkshochschulen geplant. Kostenpunkt: 18 Millionen Euro jährlich.

Während die grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou und der Wiener Pflichtschul-Elternverband die Initiative begrüßten, hagelte es von Seiten der Opposition Kritik. Die ÖVP erklärte etwa, dass zwar "jedes Mittel Recht“ sei, um "die teils katastrophalen Bildungskarrieren der Wiener Schüler zu verbessern“, zweifelte aber an der Finanzierbarkeit der Initiative. Und die NEOS beklagten, dass man nur "Pflaster auf die Wunden klebt, anstatt sich um das eigentliche Problem zu kümmern.“ Skeptisch zeigte sich nicht zuletzt auch die Konkurrenz. Konrad Zimmermann, Geschäftsführer des Nachhilfeinstituts "Lernquadrat“ mit österreichweit 75 Instituten, ortete etwa einen "Etikettenschwindel“: Beim Vorstoß der Wiener SPÖ gehe es "nicht um Nachhilfe, sondern um Nachmittagsbetreuung“ in Groß-Gruppen. Ähnlich auch die Einschätzung von Stefan Unterberger, der vor drei Jahren die "Wiener Lerntafel“ gegründet hat, die Kindern aus sozial schwachen Familien (mit Unterstützung Ehrenamtlicher) überwiegend Einzel-Lernhilfe anbietet - kostenlos. "Jede Initiative, die das System unterstützt, ist begrüßenswert“, sagt er. "Aber man muss individuell auf die Defizite der Kinder eingehen können“ (vgl. www.lerntafel.at).

Dies geht freilich nur bei genügend Personal. Pflichtschullehrergewerkschafter Paul Kimberger (VCG) hält den roten Vorstoß schon deshalb für eine "pädagogische Sternschnuppe“, weil es bereits jetzt in der Bundeshauptstadt an Lehrern mangle. "Wir hätten viele Ideen, was wir mit 22 zusätzlichen Förderstunden machen könnten,“ erzählt etwa die Direktorin einer Wiener Ganztagsvolksschule, die namentlich nicht genannt werden will. Fällt derzeit ein Lehrer längere Zeit aus, gebe es keine Möglichkeit, die Stelle nachzubesetzen. Dazu kommt eine besondere Perfidie, die sich aus dem großen Andrang an die 15,5 Prozent Ganztagsschulen ergibt: "Wir dürfen nur Kinder aufnehmen, bei denen beide Eltern berufstätig sind“, erklärt die Direktorin. "Das bedeutet, dass wir Migrantenkinder, die oft besonders profitieren würden, häufig ablehnen müssen.“

Kein System ohne "Shadow Education“

Sind also mehr Ganztagsschulen des Rätsels Lösung, um für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen und den Nachhilfe-Wildwuchs einzudämmen? Nicht zwingend, antwortet Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien der FURCHE. Es sei zwar besser, die begrenzten Ressourcen für Ganztagsschulen mit differenziertem Unterricht sowie für gezielte Interventionsprogramme zu nutzen, statt sie im Gießkannenprinzip auch an jene Eltern zu verteilen, die sich Nachhilfe ohnehin leisten könnten. Doch könnten organisatorische Umstellungen aus sich heraus das Förderproblem nicht lösen - schon allein deshalb, weil ressourcenstarke Eltern auf jeden Zugewinn der anderen mit noch mehr Mittel-Einsatz reagieren. Nachhilfe sei also "per se kein Beleg für das Versagen des Schulsystems“. Sie zeige nur, dass Eltern, die dies könnten, in bessere Bildung ihrer Kinder investierten. Diese "Shadow Education“ wächst folglich mit der Konkurrenz um Abschlüsse und Noten: "Während bei uns noch Nachhilfe genommen wird, um Scheitern zu vermeiden“, so Hopmann, "wird in Südkorea oder Japan noch mehr Nachhilfe von jenen genommen, die ihre Spitzenplätze verteidigen wollen.“

Von solchen Exzessen ist man im Wiener Neustädter Lerncafé weit entfernt. Hier geht es darum, Kinder auf ihrem Weg zum Pflichtschulabschluss zu begleiten und gemeinsam Spaß zu haben. Wunder sind trotzdem nicht verboten: Der 13-jährige Ali ist etwa erst vor zwei Jahren mit seiner persischsprechenden Familie nach Österreich gekommen - und wurde als außerordentlicher Schüler geführt. Heute wird er bereits in allen Fächern benotet und hat sein Zeugnis im Lauf der Zeit um bis zu zwei Notengrade verbessert. Bei der BEST-Messe, die man letzthin gemeinsam besuchte, habe ihn vor allem Technik interessiert, erzählt Ali. Fantasiegeschichten sind hingegen nicht seine Spezialität. "Aber man muss ja nicht alles können.“

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