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„Das Handeln soll wirksam sein“

Die 58. Internationale Pädagogische Werktagung in Salzburg Mitte Juli widmete sich heuer dem Thema Geist und Begeisterung. Christiane Nervermann, Psychologin mit Schwerpunkt Schule, erklärt im Interview, wie Burnout bei Lehrern und Frust bei Schülern vermieden und die Begeisterung im Schulalltag bewahrt werden kann. Das Gespräch führte Christina Repolust

Lehrerinnen und Lehrer schauen zu stark auf die Fehler ihrer Schüler und vergessen zu oft auf einen starken Lernmotor, die Begeisterung, lautet eine gängige Kritik.

Wie aber Begeisterung im Alltag erhalten? Für die Psychologin Christiane Nevermann ist klar: „Die Begeisterung in und an der Schule lässt sich bewahren, dazu braucht es aber intensive Beziehungen“, betont die Referentin bei der heurigen Pädagogischen Werktagung, die Mitte Juli in Salzburg über die Bühne gegangen ist.

Nevermann lehrt zurzeit an Universitäten in Berlin und Graz. Ihr Forschungsschwerpunkt ist unter anderem: Angst in und vor der Schule, depressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Sie hat lange als Lehrerin mit schwer verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen gearbeitet, sie war zudem Schulpsychologin und Leiterin eines schulpsychologischen Beratungsdienstes.

Die Furche: Frau Nevermann, wie können Lehrerinnen und Lehrer einem Burnout vorbeugen?

Christiane Nevermann: In der Burnout-Prävention spielen Gelassenheit und Ruhe bei der Interaktion mit den Schülerinnen und Schülern eine große Rolle. Wer in guter Kooperation mit seinen Schülern arbeiten kann, wer ihnen nicht zu viel vorgibt, sie nicht ständig offen bevormundet, kann häufig Konfliktsituationen im Klassenzimmer zunächst einmal entschärfen. Das Bezugsfeld Schule hat es eben an sich, dass Lehrer den Kindern und Jugendlichen in eher direktiver Weise sagen, was wie und wo zu welchem Zeitpunkt zu machen ist. Hier gilt es, den Blick auf die vorhandenen Freiräume zu lenken, zu erkennen, dass es Kreativität auch im Lernbereich wie im sozialen Bereich gibt, dass neue Möglichkeiten ausprobiert werden können.

Die Furche: Sie haben als Expertin jetzt den äußeren Bezugsrahmen beschrieben. Wie aber können Pädagogen nun konkret Ihre Anregungen zu Beziehungsarbeit in der Klasse umsetzen – auch unter schlechten Arbeitsbedingungen wie etwa zu vielen Schülern pro Klasse, hoher Aggressivität, geringer Leistungsbereitschaft?

Nevermann: Ich weiß, was schlechte bzw. nicht optimale Arbeitsbedingungen für Pädagoginnen und Pädagogen bedeuten. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, dass es auch hier gelingen kann, eine gute Beziehung zur Klasse, das heißt zu den einzelnen Schülern, aufzubauen. „Ich akzeptiere dich, ich bin neugierig auf dich, komm und zeig dich, ich will dich kennen lernen“, das muss die Botschaft sein. In unserer Schulform der Halbtagsschule bleibt dafür zu wenig Zeit. Wenn es in der Schule auch um Beziehungsarbeit gehen soll, muss die Zeit verlängert werden! Es gibt ja keinen Lernkanon dafür; Lehrer suchen derzeit außerhalb der Unterrichtszeit Möglichkeiten, um mit den Schülern eine gute Kommunikationsbasis aufzubauen und diese zu halten.

Die Furche: Zurück zum Thema Burnout: Ist es eine Modekrankheit, eine kollektive Gesellschaftserschöpfung oder einfach ein Befund des Schulsystems, das Schüler ausbrennt und selbst wiederum ausgebrannt wird?

Nevermann: Burnout ist mit Sicherheit keine Modekrankheit. Das Phänomen hat sich in den vergangenen zehn Jahren so gravierend verstärkt, dass es zum gesellschaftlich-ökonomischen Problem wird. Kinder brauchen Lehrer, die gesund sind, die nicht ausgebrannt sind, die sie wahrnehmen können, auf die sie zugehen wollen, die positiv gestimmt die Klassen betreten, die sehr wohl Grenzen setzen, auch die gehören zu einer guten Beziehung dazu. Die emotionale Erschöpfung ist auf beiden Seiten – bei Lehrern wie Schülern – zu erkennen. Beide haben ihre positive Selbstwirksamkeitsüberzeugung verloren bzw. in Ansätzen verloren.

Die Furche: Was bedeutet das konkret?

Nevermann: Das Konzept der Selbstwirksamkeit bedeutet vereinfacht dargestellt: Wenn ich in meinem beruflichen Tun erfahre, dass ich mit meinem Handeln zu der gewünschten Wirksamkeit gelange, baue ich nicht nur ein gutes Selbstwertgefühl, sondern auch eine positive Selbstwirksamkeitsüberzeugung auf. Ich bin wirksam in und mit meinem Handeln und erreiche die gewünschten Ziele. Negativ gesehen steht ein Lehrer in einer Klasse und weiß, dass er die Schüler nicht mehr mit seinem Unterricht erreichen kann, dass seine Bemühungen nicht ankommen. Andererseits erleben Schüler, dass sie ihr Bestes geben und dennoch bei Klausuren scheitern, dass sie nicht wirksam agieren können. Hier liegen viele Gründe der Schulverweigerung. Aufgelöst kann diese Situation nur dann werden, wenn die schiefe Bilanz zwischen Einsatz und Erfolg angesprochen wird, wenn die Kinder und Jugendlichen Personen finden, die sie zurück zur Wirksamkeit im eigenen Handeln führen.

Die Furche: Wie stehen Sie angesichts Ihrer Erfahrungen und Ihrer Analysen des Systems zur Ganztagsschule? Könnte diese wirklich manche Probleme unseres Schulsystems lösen?

Nevermann: Ich stehe positiv zur Ganztagsschule. Das ist eine Möglichkeit, mehr Chancengleichheit für alle Kinder zu realisieren; Lehrer haben damit die Chancen, sich auch länger in den Schulbetrieb einzubinden. Damit bliebe die Bedürftigkeit der Kinder bzw. Jugendlichen nach Beratung und Hilfe nicht weiterhin dermaßen auf der Strecke. Selbstverständlich müssen in dieser Schulform die persönlichen Begabungsprofile der Einzelnen noch Platz haben, sie dürfen keineswegs von gemeinsamen Aktivitäten auf einem mittleren Begabungsniveau geschluckt werden: Individuelle Entfaltungsmöglichkeiten – egal ob im Sport, in den Natur- oder Geisteswissenschaften, in der Musik – müssen gewährleistet sein.

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