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Den Lebensstil ernsthaß hinterfragen

dieFurche: Wie kam es zur Gründung derA rbeitsgemeuischafi?

Isolde Schönstkin: Gegründet wurde sie 1992 in Heiligenkreuz, sie hat aber eine Vorgeschichte, die mit meiner Biographie zusammenhängt. Ich bin nämlich in Mannersdorf am Leitha-gebirge aufgewachsen, wo „Perlmoser“ ein Zementwerk betrieb, ein Umweltärgernis. Eine Bürgerinitiative hat Perlmoser mit Unterschriftenlisten bearbeitet, Filter einzubauen mit Erfolg. Damals ist mein ökologisches Bewußtsein erwacht und gewachsen. Durch mein späteres Engagement für die Umwelt und in der Pfarre habe ich bemerkt, wie wichtig es wäre, Umweltanliegen in die Kirche einzubringen, denn das Verständnis dafür war in kirchlichen Kreisen gering. Nach dem Ökumenischen Treffen „Frieden in Gerechtigkeit“ in Basel 1989 faßte ich Hoffnung: Endlich springt die Kirche auf den Umweltzug auf! Begegnungen im Ordinariat zeigten aber: Es gab da nichts. So beschloß ich anzufangen. Eine erste Gruppe Interessierter bildete sich in der Gemeinde am Georgenberg in Mauer.

dieFurche: Versuchen Sie vor allem innerhalb der Kirche zu wirken?

Schönstkin: Ich bin ein Mensch der Kirche und habe dort immer vorrangig mein Zuhause gesehen. Das Anliegen Umwelt hatte ich vorher in der Welt vertreten, wollte es aber immer schon in mein religiöses Leben integrieren. Sehr bald habe ich gespürt, daß es wichtig ist, mit den Pfarrern über diese Fragen zu sprechen, sie für dieses Anliegen zu gewinnen.

dieFurche: Welche Anliegen haben Sie da besonders betont?

Schönstkin: Bewußt zu machen, daß ein christlicher Lebensstil die derzeit übliche I Lebenshaltung einfach nicht zuläßt. Es geht darum, den Lebensstil zu hinterfragen: Angefangen von der Chemie im Haushalt über die Mobilität bis zur Verpachtung von Grundstücken.

dieFurche: Das klingt recht weltlich und wird auch von nicht-christlichen Umweltbewegten verkündet...

Schönstkin: Wir müssen auch deutlich machen, daß das, was wir hier auf Erden benutzen eigentlich nicht uns gehört. All das ist ein Lehen, das wir zurückzugeben haben. Wir machen uns derzeit schuldig: Wir versauen die Umwelt - genaugenommen müssen wir von Schöpfung sprechen. Umwelt: Das ist zu sehr auf den Menschen bezogen. Wir sind ein Teil der ganzen Schöpfung, tragen allerdings Verantwortung für diese.

dieFurche: Ist es also wichtig von Schöpfung, nicht von Umwelt zu reden?

Schönstkin: Es ist aus dem christlichen Verständnis heraus einfach richtig, von Schöpfung zu sprechen. Denn diese Welt ist nicht durch Zufall entstanden. Sie ist gewollt und geplant. Unser Planet ist einzigartig, auf ihm ist Gott Mensch geworden. Deshalb ist diese Erde nicht gering zu achten. Auch ist zu sagen, daß die Schöpfung nicht abgeschlossen, aber auch noch nicht am Ende ist. Innerkirchlich herrscht manchmal ein Denken vor: Die Schöpfung ist endlich - und es ist oh nedies schon alles zu spät...

dieFurche: Dem treten Sie entgegen?

Schönstkin: Ja. Peter Weish hat einmal geschrieben: Wir wissen gar nicht, was Gott noch vor hat. Wenn wir dem Menschen die Lebensgrundlagen entziehen, dann gibt es auch keine geistige Entwicklung. Dem Menschen als Krone der Schöpfung müssen wir diese Grundlagen erhalten.

dieFurche: Sprechen Sie von einer Ver-antwortung Gott gegenüber?

Schönstkin: Ja, das unterscheidet uns von anderen, die Umwelt als Anliegen haben ...

dieFurche: Wis sagen Ihre Gesprächspartner, wenn Sie von Schöpfung reden?

Schönstkin: Weil uns diese Sichtweise selbstverständlich ist, kommt sie auch an. Einige haben uns sogar zu unserem Namen gratuliert. Über diesen Aspekt ins Gespräch zu kommen -auch mit Politikern , ist ein schöner Nebeneffekt unserer Tätigkeit.

dieFurche: Wie wirken Sie nun konkret in die Kirche hinein?

Schönstkin: Wir möchten, daß kirchliche Einrichtungen zu Modellen werden. Dann muß man nicht mehr viel predigen. Kirchliche Betriebe sollten ökologisch stimmen: Wenn ich zum Beispiel eine Messe zum Thema Schöpfung feiere, alles schön gestalte, beim Pfarrkaffee aber Kaffee aus dem „Metro“ anbiete — und nicht vom „Dritte-Welt-Laden“ (der gerechtere Preise zahlt, daher teurer ist), stimmt etwas nicht. Oder: Wenn die Kirche etwas verpachtet, dann kann sie darauf achten, wie der Grund genutzt wird. Die Diözese Eisenstadt etwa verpachtet ihre Gründe nur mehr an Biobauern. Ähnliches kann man bei den großen Waldwirtschaften tun. Oder noch etwas: die Geldanlagen. Geld sollte nur an Projekte, die lebenserhaltend sind, vergeben werden.

dieFurche: Gibt es da Möglichkeiten?

Schönstein: Ja. Aus unserer Gemeinschaft ist ein Verein gewachsen, der Geld ohne Zinsen, nur gegen eine Verwaltungsabgabe, verleiht. Vor allem aber gibt es Ökobanken. Übrigens bemühen wir uns auch die Banken dafür zu gewinnen, bei der Kreditvergabe ökologische Aspekte zu beachten.

dieFurche: Welche Erfolge haben Sie bisher in den Diözesen?

Schönstkin: Natürlich geht alles langsam. Wir haben aber alle Bischöfe für das Anliegen gewonnen und erreicht, daß es in den Diözesen Umweltbeauftragte gibt. Ihre Aufgabe ist sehr umfangreich. Ausgangspunkt ist jedenfalls die Mitarbeiter-Motivation. Fragebogen zum Themenkreis werden ausgegeben und bearbeitet. Die Bücklaufquote ist überraschend hoch. Das bietet dann die Grundlage für Maßnahmen. Das kann von der Gewissenbildung bis zur Zahnpasta, zum Papier oder austauschbaren Kartuschen reichen ...

dieFurche: Das wirktfast etwas kleinlich, buchhalterisch ...

Schönstkin: Klingt so. Aber wir müssen uns die vielfältigen Folgen unseres unbedachten Umgangs mit den Dingen bewußt machen. Das hat etwas mit Nächstenliebe zu tun: Wenn ich anderen zum Beispiel mit WC-Steinen das Wasser ruiniere, ist das nicht einerlei. Wir müssen uns über diese I ebenszusammenhänge informieren. Das geht auch die Seelsorge an. Jesus jedenfalls hat sehr lebensnah gewirkt.

dieFurche: Sie haben das Gentechnik-Volksbegehren mitinitiiert. Wollen Sie also auch in die Welt wirken?

Schönstkin: Ja. Wir. haben schon im Sommer eine Unterschriften-Aktion in Sachen Patentierung von Lebewesen durchgeführt. Das Ergebnis: 30.000 Unterschriften, gleich viele wie die Evangelische Kirche in Deutschland. Im Gefolge der Unterschriften-Aktion ist die Idee entstanden, das Anliegen vor eine breitere Öffentlichkeit zu bringen.

dieFurche: Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Volksbegehren?

Schönstkin: Sicher nicht, daß ab 15. April alle gentechnisch veränderten AVaren aus den Begalen verschwunden sind. Es geht uns um eine Diskussion zu diesen Fragen. Wir hoffen auch, daß das Tempo der Einführung der Gentechnik gebremst wird. Vor allem aber: In dieser Frage haben nicht nur Wissenschafter und Politiker zu entscheiden. Ich will auch sagen, was ich will - bei allem Bespekt für die Wissenschaft.

dieFurche: Haben Sie andere Schwerpunkte in Ihrer Tätigkeit?

Schönstkin: Ja. Den Klimaschutz. Das Umweltministerium fördert Alterna-tiv-Energie-Projekte der Kirche (in Betrieben, Häusern, Kindergärten, auf Grundstücken) mit 30 Prozent. In diesem Jahr sollte jede Diözese fünf Projekte verwirklichen, etwa mit Solarenergie oder Biomasse. Da werden wir uns sehr stark engagieren, eine Informationskampagne starten. Bei den Bauämtern besteht da ein großer Nachholbedarf an Information. Im Bereich Klima verbreiten wir auch die Klima-Petition, die.vom ökumenischen Bat der Kirchen ausgegangen ist, eine Unterschriften-Aktion: Die Unterzeichner verpflichten sich, Maßnahmen zur Erreichung der Bio-Ziele zur Verringerung der C02-Belastung mitzutragen. Bemerkenswert ist, daß die Frauenorden da sehr rasch reagieren ...

Das Gespräch führte

Christof Gmpari

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