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"Der Run auf Privatschulen ist ein MÄRCHEN"

1945 1960 1980 2000 2020

Jürgen Czernohorszky, Präsident des Wiener Stadtschulrates, über die Zentralmatura, Gesamtschulen, gefälschte Wohnsitze und das (Ver-)Lernen in den Ferien.

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Jürgen Czernohorszky, Präsident des Wiener Stadtschulrates, über die Zentralmatura, Gesamtschulen, gefälschte Wohnsitze und das (Ver-)Lernen in den Ferien.

Seit sieben Monaten ist Jürgen Czernohorszky (SPÖ) Amtsführender Präsident des Wiener Stadtschulrates - und damit Chef aller Pflichtschul- und Bundeslehrer. Wie (gut) gelingt Bildung in der Millionenstadt? DIE FURCHE hat den 39-Jährigen zum Schulschlussgespräch gebeten.

DIE FURCHE: Herr Czernohorszky, bei der viel diskutierten schriftlichen Mathematik-Matura haben 25,5 Prozent der Wiener Schüler - vor der Kompensationsprüfung - ein "nicht genügend" kassiert. Nur Vorarlberg hat noch schlechter abgeschnitten (siehe unten). Werden Sie Konsequenzen ziehen?

Jürgen Czernohorszky: Natürlich ist das Ergebnis kein Grund zum Jubeln, sondern ein Auftrag, sich die Ergebnisse im Detail anzusehen und weitere Verbesserungen zu erreichen. Aber generell ist die Zentralmatura in Wien durchaus zufriedenstellend ausgefallen. In Englisch und Deutsch liegen wir im Bundesländervergleich im guten Mittelfeld, bei den "Sehr gut" sogar im Spitzenfeld. Wobei Wien als Großstadt natürlich vor spezifischen Herausforderungen steht .

DIE FURCHE: Ein Beispiel ist die Neue Mittelschule Gassergasse, wo 98 Prozent der Kinder Migrationshintergrund haben und ein Drittel später "leider nicht vermittelbar sein" wird, wie die Direktorin im März dem Kurier erklärt hat. Die Folge war ein Maulkorb durch das Bildungsministerium. Hält man in Wien die Probleme unter der Decke?

Czernohorszky: Natürlich nicht. Es ist sogar Aufgabe der Direktoren, uns mitzuteilen, wo die Knackpunkte sind. Ich war selbst an der Schule und habe lange mit der Direktorin gesprochen. Tatsache ist, dass es in Städten mehr bildungsferne Eltern und einen höheren Migrantenanteil gibt, aber auch mehr Akademiker. Es fehlt die Mitte. Deshalb fordern wir auch mehr Schritte zu einer gemeinsamen Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen. Aber davor kann man an vielen kleineren Schrauben drehen: von mehr finanzieller Unterstützung und Supportpersonal bis zum weiteren Ausbau der Ganztagsschulen - wobei wir hier in Wien mit 50 Prozent der Schulen, die in irgendeiner Form ganztägig geführt werden, schon deutlich besser sind als andere Bundesländer.

DIE FURCHE: Bleiben wir noch bei der großen Schraube "gemeinsame Schule": Momentan sieht es nicht so aus, dass ganz Wien - wie von der SPÖ gewünscht - eine Modellregion werden könnte. Die ÖVP beharrt auf dem Bildungsreform-Kompromiss, wonach pro Bundesland höchstens 15 Prozent der Schüler teilnehmen dürfen ...

Czernohorszky: Also ich bin mir sicher, dass alle Verhandler Schritte nach vorne gehen wollen. Jene Bundesländer, die etwas auf die Beine stellen wollen, sollen die Möglichkeit dazu bekommen. Wie groß der Spalt in der Tür auch sein mag: Wir gehen durch ...

DIE FURCHE: Aber gehen auch die Eltern mit? Oder wäre nicht zu befürchten, dass bei flächendeckenden Gesamtschulen der Run auf die Privatschulen weiter zunimmt?

Czernohorszky: Erstens ist der Run auf die Privatschulen ein Märchen: Der Schüleranteil an privaten Volksschulen ist in Wien in den letzten zehn Jahren von 15,5 auf 14,5 Prozent gesunken, Ähnliches zeigt sich an den NMS und AHS. Außerdem würde man eine so große bildungspolitische Reform nur Schritt für Schritt und gemeinsam mit Eltern und Lehrern umsetzen. Die Eltern entscheiden die Schulfrage ja auch nicht auf Grund des "Mascherls" AHS, sondern weil sie ihren Kindern hier eine größere Chance zuschreiben, die Matura abzuschließen. Deshalb müssen wir Schulen schaffen, in die Eltern ihre Kinder gerne schicken, weil sie hier vielleicht mit weniger Druck, aber derselben Chance zur Matura kommen.

DIE FURCHE: Derzeit wäre es für viele Eltern eine Katastrophe, wenn ihr Kind in eine städtische NMS gehen müsste. Wäre es für Sie als Vater zweier Töchter, die eine AHS und eine HTL besuchen, nicht so gewesen?

Czernohorszky: Nein.

DIE FURCHE: Es wäre Ihnen egal gewesen?

Czernohorszky: Ich hätte mir konkret die Schule angeschaut - und ich sehe mindestens genauso großartige Arbeit an NMS-Standorten wie an anderen Schulen. Für mich ist die eigentliche Katastrophe die Tatsache, dass das österreichische Schulsystem mit neun Jahren eine Hürde aufstellt, die übersprungen werden kann oder auch nicht - was dazu führt, dass Bildung noch stärker von der Geldbörse und Bildungsnähe der Eltern abhängig ist und sich an manchen Schulen die Herausforderungen ballen.

DIE FURCHE: Auch an manchen Volksschulen ballt es sich, weshalb sich manche Wiener Eltern an einer anderen Adresse melden, um in ihre Wunschschule zu gelangen ...

Czernohorszky: Wir reden hier von Einzelfällen, auch wenn das medial mehrfach transportiert wurde. Insgesamt besuchen aber viel mehr Kinder in Wien die Schule ums Eck, als gemeinhin geglaubt wird. Was für mich jedenfalls nicht in Frage kommt, ist, Kinder in Busse zu setzen und in andere Teile der Stadt zu chauffieren.

DIE FURCHE: Um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, wird derzeit eine Schulfinanzierung auf Basis eines Sozialindex gefordert. Wird hier nicht "guten Schulen" etwas weggenommen?

Czernohorszky: Nein, es muss hier um zusätzliche Mittel gehen. Aus Sicht der Wiener Eltern ist diese Angst auch deshalb unbegründet, weil laut Bildungsstandarddaten, in denen auch Sozialdaten wie Einkommen, Migrationshintergrund, Sprache und Bildungsstand der Eltern erhoben werden, 56 Prozent aller Wiener Kinder in einer Schule mit hohen oder sehr hohen sozialen Herausforderungen gehen. Im Burgenland sind es null, in Niederösterreich 16 Prozent. Wenn es mehr Mittel gibt, dann also bei uns.

DIE FURCHE: Die Herausforderung durch Flüchtlingskinder kommt noch dazu. Im Februar gab es zehn Flüchtlingsklassen - die Sie gar nicht wollten. Wieviele sind es jetzt?

Czernohorszky: 17, aber mit Schulbeginn im Herbst nur fünf. Diese "Neu in Wien"-Klassen haben es ermöglicht, dass Kinder nicht wie in anderen Bundesländern warten müssen, sondern sofort lernen können. Aber wir sind bemüht, dass sie das möglichst in regulären Klassen tun können.

DIE FURCHE: Tatsache ist, dass die meisten Lehrer über die wachsende Heterogenität in den Klassen klagen. Sie sollen individualisiert unterrichten, müssen aber zugleich kollektive Standards erreichen

Czernohorszky: Je heterogener eine Klasse ist, desto mehr Unterstützung brauchen Lehrer natürlich. Das Land Wien wird deshalb in den nächsten Jahren hundert zusätzliche Sozialarbeiter, Psychologen und andere Fachkräfte finanzieren. Aber insgesamt halte ich den Weg der Standardisierung für richtig: Lehrerinnen und Lehrer brauchen größtmögliche pädagogische Freiheit -aber die Gesellschaft muss auch sicher sein, dass Grundkompetenzen beim Lesen, Schreiben und Rechnen gesichert sind.

DIE FURCHE: Während der Ferien werden viele dieser Kompetenzen wieder deutlich schwinden. Sollten Schulen im Sinne sozialer Gerechtigkeit nicht geöffnet bleiben?

Czernohorszky: In Wien gibt es schon an mehreren Schulstandorten Sommerbetreuung, das wäre in ganz Österreich zu wünschen. Aber bei meinen Schulbesuchen merke ich schon, dass es die Ferien braucht, um die Batterien wieder aufzuladen.

DIE FURCHE: Sollten sich Lehrer neben allem Aufladen verpflichtend fortbilden müssen?

Czernohorszky: Ich bin hier für Motivation - wie eigentlich immer.

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