Die Schulrefom-Ideen überschlagen sich. Gleichzeitig schwinden die Erwartungen an den bevorstehenden "Bildungsgipfel".

Alfred Gusenbauer wünscht sich zwecks Integration ein freiwilliges Vorschuljahr für alle, eine Auflösung der Zweidrittel-Mehrheit bei Schulgesetzen sowie die Gesamtschule; Elisabeth Gehrer "fürchtet" sich vor einer Änderung der Schulformen im Vierjahrestakt und wünscht sich stattdessen eine Ausweitung der Ganztagsbetreuung; ihre Parteifreundin Liese Prokop denkt (fast wie Gusenbauer) Deutschkurse für Migrantenkinder im Vorschulalter an; Grünen-Chef Alexander Van der Bellen plädiert für eine gemeinsame Schule der 6- bis 15-Jährigen (oder eine Verlängerung der Volksschule um zwei Jahre) und das Ende des "Poly"; und die Freiheitlichen nehmen nachmittags die Lehrer zwecks Betreuung in die Pflicht, wollen eine "allumfassende Reform" - und sorgen mit ihrer "Kärntner Gesamtschule" für einen Paukenschlag.

Babylonisches Österreich

Gemessen an dem, was derzeit punkto Schule in Österreich gewünscht wird, nimmt sich die babylonische Sprachenverwirrung fast bescheiden aus. Kaum ein Tag, an dem sich nicht eine Partei oder Interessenvertretung mit einer Forderung in Stellung bringt - rechtzeitig vor dem großen Tag, dem lange erwarteten "Reformdialog" am 14. Februar.

Hier sollte endlich Tacheles geredet werden, hatte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (vp) versprochen: über das heimische Schulsystem im allgemeinen - und im besonderen über das schlechte Zeugnis, das Österreichs 15- und 16-Jährige im Dezember des Vorjahres von der oecd-Bildungsvergleichsstudie pisa (Program for International Student Assessment) verpasst bekamen: Im Vergleich zu "pisa 2000" hatten sie sich in allen Kategorien (Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen) signifikant verschlechtert. Besonders verheerend war das Ergebnis in den Naturwissenschaften: Hier belegte Östereich unter 40 Ländern nur den 23. Platz. Grund genug also für einen umfassenden "Krisengipfel", der Licht ins Daten-Dunkel von pisa und mögliche Auswege aus der Schulmisere liefern soll.

Bescheidener Gipfel

Nun, wenige Tage vor dem Ereignis, macht sich jedoch leise Katerstimmung breit. So hätte sich etwa Christa Koenne, Leiterin der Naturwissenschafts-Kommission im österreichischen pisa-Zentrum, lieber eine "ganz große Open-Space-Diskussion" .gewünscht - "dreitägig mit Gruppen und professionell betreut" (siehe Debatte).

Das tatsächliche Programm des "Reformdialogs" nimmt sich dagegen vergleichsweise bescheiden aus: So sollen drei ausländische Experten - Maria van der Hoeven (Bildungsministerin der Niederlande), Kari Pitkänen (Vizepräsident des Zentralamts für Unterrichtswesen in Finnland) und der deutsche "pisa-Papst" Jürgen Baumert (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin) - über die Themen Schulaufsicht, Schulautonomie und Unterrichtsqualität referieren. Nach einer zweistündigen Diskussion samt Pressekonferenz ist der "Bildungsgipfel" auch schon wieder vorbei. Der Reformdialog sei ja nur "Teil eines großen Diskussionsprozesses", der im umfassenden "Bildungsplan 2010" gipfeln würde, heißt es dazu im Ministerium. "Man kann ja an einem Tag nicht das gesamte Bildungssystem durchdiskutieren."

Für den Grünen Bildungssprecher Dieter Brosz kein akzeptables Argument: Statt ein "Signal des Umdenkens" auszusenden, mache die Ministerin "allein mit der Einladungsliste der Experten genau in den Bereichen weiter, die schon im Regierungsprogramm stehen und die mit pisa gar nichts zu tun haben." So wichtig etwa Qualitätssicherung im Unterricht sei: "Die Fragen der sozialen Gerechtigkeit oder der Förderung schwächerer Kinder stehen nicht einmal auf der Tagesordnung", ärgert sich Brosz.

Dass die von Gehrer 2003 eingerichtete Zukunftskommission das Gipfel-Ergebnis in ihren Endbericht einarbeitet, tröstet ihn kaum: "Die Kommission hat ja den Auftrag gehabt, sich mit Schulorganisation gar nicht auseinanderzusetzen. Und an dem hat sich bis heute nichts verändert."

Werner Specht, Mitglied der Zukunftskommission und Leiter der Abteilung Graz-Klagenfurt im Zentrum für Schulentwicklung, relativiert den Vorwurf: Das vierköpfige Gremium unter der Leitung von Österreichs pisa-Chef Günter Haider werde dem Bildungsministerium Anfang bis Mitte März ein konkretes Maßnahmenpapier auf Basis der bisherigen Qualitäts-Diskussion ("klasse:zukunft") vorlegen, das sehrwohl schulorganisatorische Fragen beinhalte. Welche, dazu hüllt sich Specht noch in Schweigen.

Sinnlose Vielstimmigkeit?

Allzu große Erwartungen setzt freilich auch er in den Bildungsgipfel nicht: "Wir werden eher Input-Geber sein, als dass wir etwas aufnehmen." Eine "riesige Konferenz", bei der alle Stimmen gehört werden, wäre ohnehin nicht sinnvoll gewesen, so Specht.

Eingedenk des St. Johanner Schul-Gipfels vom Juni des Vorjahres pflichtet ihm Dieter Brosz sogar bei: "Damals haben 300 Leute drei Stunden lang Plakate vollgeschrieben. Und am nächsten Tag hat die Ministerin ein Fünf-Punkte-Memorandum vorgestellt, das sie schon nach St. Johann mitgebracht hat."

Werner Specht sieht die Dinge naturgemäß anders: "Wir haben damals immerhin die Leadership-Academy für Schulleiter beschlossen", stellt er klar. "Aber insgesamt fehlt es der Entwicklung sicher noch ein bisschen an Systematik."

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