Digital In Arbeit

"Der Wirtschaft in die Hände produzieren?"

Der Trend zu berufsbildenden höheren Schulen hält an - und mit ihm die Kritik am derzeitigen Zustand der AHS-Oberstufe.

Ob es beim Facelifting bleibt oder zur Generalsanierung kommt, ist strittig: Einig sind sich Österreichs Bildungspolitiker, dass die Oberstufe der allgemein bildenden höheren Schulen schleunigst reformiert gehört. Ständig sinkende Schülerzahlen würden zeigen, dass die AHS-Oberstufe "stark an Attraktivität gegenüber den berufsbildenen mittleren und höheren Schulen verloren hat", meinten etwa die steirischen SP-Lehrer. Um den Schülerschwund zu bremsen, wird nun die Einführung eines Modulsystems gefordert: Oberstufenschüler sollen zwischen zehn (ÖVP) und 50 Prozent (Grüne) der Unterrichtsstunden je nach Interesse und eventuell geplantem Studium frei wählen können.

Ob dies allein die Konkurrenzfähigkeit der AHS erhöhen wird, wagt der Wiener Erziehungswissenschafter Karl Heinz Gruber indes zu bezweifeln. In einem Standard-Kommentar stellte er grundsätzlich in Frage, ob angesichts des massiven europaweiten Trends zu den BHS "die Demarkationslinie zwischen allgemein- und berufsbildenden höheren Schulen in Österreich beibehalten werden soll". Sie soll, lautet der Standpunkt von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer - wie auch an der Trennung der AHS-Typen Gymnasium, Realgymnasium und Wirtschaftskundliches Gymnasium festzuhalten sei. Und an Latein als Pflichtfach in der Oberstufe.

Welche berufliche Zukunft steht aber AHS-Absolventen von heute offen? Wenigstens eines steht fest: Studierende in spe sind in einem Gymnasium noch immer gut aufgehoben. An den Unis haben AHS-Maturanten deutlich geringere Drop-out-Raten als Absolventen berufsbildender Schulen.

Ganz anders ist die Situation für diejenigen, die unmittelbar nach der Matura ins Berufsleben einsteigen wollen. "Dafür ist die AHS allein zu wenig", lässt Monika Thum-Kraft, stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft, Illusionen gar nicht erst aufkommen. Zwar hätten AHS-Maturanten noch vor wenigen Jahren etwa bei Banken und Versicherungen gute Chancen gehabt. Doch heute seien es gerade die besagten Drop-outs, die ihnen die besten Jobs wegschnappen würden. "Vor allem Studienabbrecher, die zumindest einen kompletten Studienabschnitt absolviert haben, werden gern genommen." Auch BHS-Maturanten haben die Nase vorn, noch besser im Rennen liegen Fachhochschulabsolventen und alle, die nach der Matura eine Kurzausbildung absolviert haben.

Kein Praxisbezug

Was den AHS-Maturanten aus der Sicht der Wirtschaft eindeutig fehlt ist der Praxisbezug, so Thum-Kraft. Ein Kritikpunkt, den AHS-Schülersprecher Michael Steiner teilt: "Die Schulen müssten stärker mit Betrieben zusammenarbeiten. Es stimmt nicht, dass dort nur HAK- oder HTL-Klassen gefragt sind. Man muss sich nur überlegen, wo die Stärken von Gymnasiasten liegen und wie man sie im Betrieb verwenden kann."

Ansätze zu mehr Praxiskontakt gibt es bereits, etwa das "Junior Project", das vom Bildungsministerium gemeinsam mit der volkswirtschaftlichen Gesellschaft durchgeführt wird. Dabei gründen und betreiben Schüler eine fiktive "Firma".

Einige Schulen bieten zudem Projekte an, die nicht nur Einblicke ins Berufsleben geben, sondern speziell auf den Erwerb von Sozialkompetenz ausgerichtet sind. So wurde am Gymnasium des Institutes Sacré-CSur in Wien unter dem Titel "Compassion - keine Angst vor Berührung!" ein Projekt über soziales Lernen durchgeführt. 40 Schülerinnen und Schüler arbeiteten dabei vier Tage lang freiwillig in sozialen Einrichtungen mit. Die Berichte der Projektteilnehmer sprechen für sich: "Es war wichtig für mich, zu hören und zu sehen, wie ich durch meine schlichte Anwesenheit, durch mein Zuhören so viel Freude bereiten konnte", heißt es hier. Oder: "Ich habe meine Scheu vor behinderten Menschen abgebaut. Wir können sicher auch einiges von ihrem Umgang miteinander lernen." Im nächsten Jahr soll das Projekt wiederholt und auf zwei Wochen ausgedehnt werden.

So positiv schulische Initiativen zur Vorbereitung auf die Berufswelt gesehen werden: Es herrscht auch Angst vor Übertreibungen. Im Prinzip soll die Schule bleiben, was sie ist, und nicht mit Berufsausbildung vermengt werden - darin sind sich Schüler, Lehrer und Wissenschafter einig. Schülersprecher Steiner kritisiert, dass die Tendenzen im Schulsystem, "der Wirtschaft in die Hände zu produzieren", schon heute zu stark seien. Der Wert von Unterrichtsfächern - insbesondere von Latein - dürfe nicht nur danach beurteilt werden, ob dieses Wissen unmittelbar im Berufsleben anwendbar sei. "Die Inhalte des Gegenstandes Latein, beispielsweise die römische Philosophie, können erheblich zur Persönlichkeitsbildung des Schülers beitragen. Außerdem fördert Latein die sprachliche Kompetenz, die von der Wirtschaft gefordert wird."

Sich im Unterricht nur auf das unmittelbar Umsetzbare zu konzentrieren, hält auch der für die AHS zuständige Abteilungsleiter im Bildungsministerium, Johann Wimmer, nicht für sinnvoll: Die AHS solle weiterhin Allgemeinbildung vermitteln. Eine Einschätzung, die auch das Institut für Bildungsforschung teilt. Thum-Kraft: "Man kann in die Erstausbildung nicht alles hineinpressen, was man irgendwann im Leben einmal brauchen wird." Deshalb sei auch keine grundlegende Veränderung der AHS-Oberstufe nötig. Man müsse nur akzeptieren, dass jeder Maturant nach dem Schulabschluss noch zwei bis drei Ausbildungsjahre braucht, um ins Berufsleben einsteigen zu können.

Dass unter dieser Voraussetzung die Stärken von AHS-Maturanten in der Wirtschaft durchaus gefragt sind, zeigt sich bei den Absolventen von Kurzstudien. Hier sind es oft die AHS-Maturanten, die bessere Startbedingungen für den Berufseinstieg haben. "Sie verfügen im Durchschnitt über bessere Sprachkenntnisse, ein breiteres Allgemeinwissen, mehr Eloquenz und Sozialkompetenz", so Thum-Kraft.

Wie auch immer der AHS-Stundenplan künftig aussehen wird - die Lehrer werden jedenfalls in eine neue Rolle schlüpfen müssen. "Wir müssen vom Abfragewissen zu mehr Selbsttätigkeit und Ergebnisorientierung kommen", ist Johann Wimmer überzeugt. "Dazu muss auch der Lehrer seine Aufgabe neu definieren. Er muss sich selbst zurücknehmen und wird immer mehr zum Trainer und Coach."

FURCHE-Navigator Vorschau