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Die 40-Stunden-Woche kommt: Der Sportler hat das Wort

Der Sport ist ein Kind der Freizeitgestaltung und wird es auch weiterhin bleiben. Abgesehen von den Spitzenleistungen bedeutet er, sinn- und planvoll betrieben, für Millionen Menschen Gesundheit, Freude und Erholung. Er macht den Menschen, der in seinem Alltag an Maschine und Knechtschaft gebunden ist, zum Herrn der Freizeit, gibt ihm darin ein frohes Dasein und führt ihn in eine neue Gemeinschaft ein.

Die 48-Stunden-Woche hat nun dem Sport ein gewisses Ausmaß an Freizeit gegeben, die Abendstunden in der Woche und vor allem für die Veranstaltungen den halben Samstag und den Sonntag. In diesem Rahmen wickelt sich der Sport in seiner Vielheit schlecht und recht ab. Und trotzdem treten in einzelnen Zweigen, so im Turnen, durch den Mangel an Uebungs-stunden, und in Sportzweigen, die auf Freiplätze angewiesen sind, Schwierigkeiten in der Abwicklung ihrer Betriebe ein. Der Zustrom der Jugend ist in manchen Sport- und Spielarten sehr groß, der Ball ist zum König der Leibesübungen geworden, und die Termine jagen einander die Zeiten ab.

Nun rollt der Plan einer 40-Stunden-Woche neue Probleme der Freizeit auf. So vor allem, was geschieht mit dem Mehr an Freizeit? Wie werden die Menschen im Falle der Verwirklichung darauf reagieren? Werden sie sich noch mehr dem Sport zuwenden oder der schönen Muse oder sonst erbaulichen Dingen? Was sagt schließlich der Motor dazu?

Aus religiösen Kreisen kommt die Kunde, den Sonntag ganz von sportlichen Veranstaltungen freizuhalten. Auf einer sportpädagogischen Tagung der DJK im Sommer dieses Jahres in Deutschland, bei der ich als Vertreter der Oesterreichischen Turn- und Sport-Union anwesend war, wurde diese Idee nach einem einleitenden Referat über die theologischen Grundlagen ernstlich diskutiert. Eine Erklärung für Oesterreich konnte ich nicht abgeben, da weder in der Union noch in der übrigen Sportwelt Oesterreichs diese Frage irgendwie in Beratung gezogen wurde und nach meiner Ansicht ihre Beantwortung ohne Prüfung des Für und Wider nicht leicht ist.

Interessanterweise liegt die Kraft des Problems nicht in der Verlegung des Sports vom Sonntag auf Samstag, aber vielmehr in der Frage, was machen die Menschen bei uns am Sonntag, wenn keine sportlichen Veranstaltungen sind? Der Hinweis auf England auf dieser Tagung ist müßig, denn wir sind keine Engländer, und es ist vielleicht eine Frage der Zeit, ob auf die Dauer es auch in England so bleiben wird wie bisher. Doch ist dies Sache der Engländer. Von den Vertretern der Freihaltung des Sonntags von sportlichen Ereignissen wurde angeführt, daß diese besonders für die Förderung und Hebung des Familienlebens gedacht sei und daß der Mensch den Sonntag überhaupt mehr erbaulich verbringen soll.

Was sagt der österreichische Sportler nun dazu? Ist er gewillt, diesen Weg zu gehen? Grundsätzlich könnte es ihm ja gleich sein, ob er Samstag oder Sonntag seinen sportlichen Verpflichtungen und Vergnügungen nachgeht. Denn diese seine Tätigkeit ist sowieso am Wochenende zeitlich begrenzt, da ja fast alle Sportler in Oesterreich Vereins- oder verbandsmäßig gebunden sind. Nur ein geringer Teil übt seinen Sport ungebunden aus. Bis auf die Teilnehmer an Großveranstaltungen oder internationalen Treffen wird kein Sportler in diesen Tagen überbeansprucht. Da aber an beiden Tagen Sport betrieben wird, wäre zu prüfen, ob für den organisierten Sport tatsächlich der Samstag allein ausreichen würde, den derzeitigen Betrieb klaglos durchzuführen. Bei der heutigen Zahl der Uebungsplätze und -hallen bezweifle ich es. Denn Oesterreich besitzt zu wenig sportliche Uebungsstätten, um den Bedarf an sportlicher Begeisterung restlos an einem Tag zu decken. Dies trifft vor allem in der Spielbewegung, zu wie Fußball, Handball, Faustball, Basketball, Tischtennis und Tennis. Aber auch aus den Kreisen der Leichtathletik und des Wassersports kommen die gleichen Klagen. Dem größten Zweig der Leibesübungen, dem Turnen, sind weder an Samstagen noch an Sonntagen Uebungsmöglichkeiten gegeben. Denn Schulturnsäle stehen nicht zur Verfügung, und die Zahl der Vereinsturnhallen ist zu gering.

Kommt nun durch die 40-Stunden-Woche ein freier Tag mehr dazu, so folgt auch für den Sport die Frage, was geschieht mit diesem Tag?

Ein Teil des österreichischen Sports wird sicherlich mit großem Vergnügen dies zur Kenntnis nehmen; weil er sich eine Erleichterung der jetzigen sportlichen Situation verspricht. Ein anderer wird vielleicht eine Erweiterung in Erwägung ziehen, vorausgesetzt, daß die Deckung der Kosten gegeben ist, denn mit jeder Vergrößerung des Betriebes sind auc(i erhöhte finanzielle Verpflichtungen verbunden. Hallen, Plätze, Schwimmanlagen kosten Geld. Sport- und Turnvereine sind nicht gerade auf Rosen gebettet, davon weiß jeder verantwortungsvolle Funktionär ein Lied zu singen. Sind nun die Sportler bei gleichbleibendem Einkommen gewillt, Mehrkosten zu tragen? Denn wenige denken daran, daß zwei Tage Freizeit' mehr Auslagen verursachen als zwei Tage Arbeit.

Ob nun der österreichische Sportler, der in der Breitenentwicklung durchweg idealistisch eingestellt ist, und selbst oft große persönliche Opfer bringt geneigt ist, sein oft einziges Vergnügen und dieses in Aussicht einer Erweiterung zugunsten der Familie und weltanschaulich kultureller Bestrebungen und Leistungen einzuschränken, sei dem einzelnen zur Beantwortung anheimgestellt. Zehntausende werden zur Antwort geben, daß sie kein — richtiges — Familienleben kennen, ebenso viele haben für erbauliche sonntägliche Betrachtungen nicht viel oder gar nichts übrig. Nur der positiv religiös eingestellte Sportler wird zugänglich sein. Dies ist die nackte Tatsache! Den Modus vivendi zu finden, wird Aufgabe all derer sein, die daran beteiligt sind.

Letzten Endes soll nicht übersehen werden, daß der Motor unser Leben stark beeinflußt und es weiterhin noch mehr tun wird. Gesetzt den Fall, der Sonntag ist vom Sport frei, was werden die Sportler machen? Der kleine motorisierte Mann fährt mit seinem Roller durch das Land, der Autobesitzer macht vielleicht größere Touren, das Flugzeug ist im Kommen. Selbst die Radfahrer, und es sind ihrer viele, werden ihren Drahtesel als Fahrzeug benützen. Was machen aber die, denen das Schicksal kein Motorrad, Auto, Haus und Garten, geschenkt hat? Werden sie ihre sonntägliche Zeit familiär bei Beethoven und Grillparzer verbringen? Die Frage bleibt offen.

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