Original Play zugeschnitten - © Jacqueline Schneider / originalplay.at
Bildung

Die Causa „Original Play“

1945 1960 1980 2000 2020

Körperkontakt mit Fremden als Kurseinheit in Kindergärten und Schulen. Was befremdlich klingt, wurde jahrelang auch in Österreich praktiziert. Eine Spurensuche.

1945 1960 1980 2000 2020

Körperkontakt mit Fremden als Kurseinheit in Kindergärten und Schulen. Was befremdlich klingt, wurde jahrelang auch in Österreich praktiziert. Eine Spurensuche.

„Wenn ich Original Play in Kindergärten und Schulen vorstelle […], spüre ich, wie die Kinder (fast alle) sofort instinktiv wieder wissen, wie Spielen geht und sich vertrauensvoll auf mich legen oder auf meinen Rücken springen. Jedes Spiel ist anders, aber das Ergebnis ist immer gleich: Wir haben uns alle beglückt.“

Mit diesen Worten stellt sich ein sogenannter „Apprentice“, was auf deutsch wo viel wie „Spielleiter“ heißt, auf der Homepage von www.originalplay.at – dem österreichischen Ableger der Bewegung – vor. Unter dem Button „Spielerfahrung“ hat er alle 44 Kindergärten, Volksschulen und Institutionen aufgelistet, in denen er die Methode bereits angewendet hat. Laut eigenen Angaben arbeitet er seit 2011 mit dieser Art des Körperkontakt-Trainings, bei dem sich (Klein-)Kinder in der Interaktion mit Erwachsenen „wie junge Tiere verhalten können“. Auch Fotos sind zu sehen, auf denen der Spieltrainer auf einer blauen Turnmatte liegt und mit Mädchen und Buben ringt.

Vorwurf der sexuellen Gewalt

Unter dem Link „Medien“ können auf der Webseite ausgewählte Berichte abgerufen werden, in denen das vermeintliche pädagogische Konzept des US-Amerikaners Fred Donaldson (der Initiator der Strömung) Erwähnung findet. Mittlerweile findet man auch ein relativierendes Statement zum aktuellen Diskurs, der für erhebliche Furore sorgt.

Es sind massive Vorwürfe, die in der ORF-Sendung „ZiB 2“ und dem ARD-Politikmagazin „Kontraste“ laut geworden sind. Demnach hätten Eltern aus Hamburg und Berlin berichtet, dass ihre Kinder im Zusammenhang mit „Original Play“ sexuelle Gewalt erlebt hätten. Um sechs Verdachtsfälle handelt es sich dabei. Während die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in beiden Städten wieder eingestellt worden sind – laut Sprecher konnten sich die Angaben der Zeugen nicht bestätigen lassen – gehen die Wogen in Österreich und Deutschland hoch: Nach Aufkommen der Missbrauchsverdachtsfälle hatten das Land Niederösterreich und die „Kinderfreunde“ sofort die Zusammenarbeit mit „Original Play“ gestoppt. Die Wiener Bildungsdirektion empfahl allen privaten Kindergärten und Schulen, die Kooperation einzustellen (eine Partnerschaft innerhalb öffentlicher Einrichtungen hatte es nie gegeben). Das Salzburger Kinderschutzzentrum gab eine Warnung vor dem Verein an alle Kinderbetreuungseinrichtungen heraus. Auch die anderen Bundesländer wollen nachziehen. Und die Volksanwaltschaft hat ein Prüfverfahren eingeleitet.

Ähnliche Reaktionen gibt es auch in Deutschland. Der Berliner Bildungssenat vermeldete, dass die Methode „insbesondere aus Gründen des Kinderschutzes“ abzulehnen sei. Das bayerische Familienministerium ging noch weiter und erklärte, „Original Play“ würde „dem Missbrauch Tür und Tor“ öffnen.

Die Debatte ruft Erinnerungen zum Fall „Teenstar“ wach, bei dem die Praxis von externen Kursen in die Kritik geraten war (wie die FURCHE berichtete, hatte der Sexualkundeverein an Schulen erzkonservative Inhalte vermittelt). Seither wird im Bildungsministerium an einem bundesweit bindenden Kriterienkatalog für außerschulische Angebote gearbeitet.