7500 Jugendliche brechen jedes Jahr die Schule ab. Sobald sie einmal aus dem Bildungssystem herausgefallen sind, haben sie auch am Arbeitsmarkt verloren.

Kindergärtnerin wäre sie gern, sagt Gül. Die 16-Jährige Wienerin hat im Juli die Fachmittelschule abgeschlossen. Seitdem macht sie nichts. Deshalb ist sie heute hier. Im bunten Vorraum des Büros auf der Wiener Mariahilfer Straße sitzen elf Jugendliche. Manche blättern in ihren Mappen mit Bewerbungsunterlagen, manche wippen mit dem Kopf zur Musik aus den Ohrenstöpseln. Die Mädchen sind geschminkt, die Burschen haben sich die Haare zurecht gegelt. "Beim AMS haben sie gesagt, ich soll hier herkommen“, sagt Gül. "Hier helfen sie mir, dass ich es in die Kindergartenschule schaffe.“ Kurz darauf wird Gül von einer jungen Frau abgeholt.

Seit zwei Jahren bietet das Beratungsunternehmen ÖSB Consulting "Case Management“ für Jugendliche wie Gül an. Sie besuchen Schulen in den Wiener "Brennpunktbezirken“ Favoriten und Donaustadt und versuchen, Schüler davon abzubringen, die Schule hinzuschmeißen. Sie begleiten Jugendliche zum Arbeitsmarktservice (AMS), schauen Stellenangebote durch und helfen beim Formulieren von Bewerbungsschreiben. Sie arbeiten an neuen Lernstrategien und besprechen die Freizeitgestaltung. Oft tun sie das, was in vielen Familien die Eltern übernehmen.

Jedes Jahr gibt es in Österreich 7500 Schulabbrecher, schätzt Mario Steiner, Bildungsexperte am Institut für Höhere Studien. Insgesamt haben 75.000 Jugendliche zwischen 15 und 25 keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung. Das heißt, dass sie neun Jahre in der Schule waren, aber nicht, dass sie sie positiv abgeschlossen haben. Sie starten ohne Bildung in eine Bildungsgesellschaft. Am Arbeitsmarkt haben sie verloren, bevor sie überhaupt beginnen konnten.

Von Anfang an verloren in der Wissensgesellschaft

Das lässt sich auch an den Arbeitslosenzahlen ablesen: Während darüber gejubelt wird, dass Österreich im EU-Vergleich die niedrigste Arbeitslosenrate hat, offenbart ein Blick auf ein Detail ein ganz eigenes Problem. In den letzten zehn Jahren hat sich die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich verdoppelt. 12.800 Jugendliche unter 25 sind derzeit allein in Wien arbeitslos gemeldet. Das sind fast 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr als zwei Drittel von ihnen haben entweder gar keine abgeschlossene Schule oder nur die Schulpflicht abgesessen. Anders als im Gesamt-Österreich-Vergleich, wo die Arbeitslosenquote von Jugendlichen bei 8,8 Prozent liegt, und keine gravierenden Veränderungen zum Vorjahr aufweist, ist sie in Wien angestiegen. Zum Jahreswechsel lag sie bei 12,9 Prozent.

Jugendliche in Städten haben ein doppelt so hohes Drop-Out-Risiko wie auf dem Land, hat Mario Steiner errechnet. Das Risiko eines vorzeitigen Schulabbruchs ist außerdem fünf Mal so hoch, wenn die Eltern "bildungsfern“ oder arbeitslos sind. Und schließlich fallen Migranten oder Kinder von Migranten mit höherer Wahrscheinlichkeit frühzeitig aus dem Bildungssystem. Der Kern des Problems liegt dabei nicht in der Herkunft, sondern in der sozialen Lage: Weil weniger Einkommen und ein geringerer Bildungsgrad in Österreich in vielen (wenn auch längst nicht in allen) Fällen auf Eltern mit Zuwanderungshintergrund zutreffen, haben ihre Kinder auch weniger Chancen im Bildungssystem (siehe rechts).

Und wer schon von Anfang an keine Chance hatte, bekommt auch später keine: "Early school leaver“, wie die verlorenen Kinder im Wissenschaftsjargon heißen, brauchen doppelt so lange, um eine Beschäftigung zu finden, wie Gleichaltrige mit Lehrabschluss. Wenn es ihnen gelingt, ist es meist ein Hilfsarbeiterjob. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie ihr Leben lang nicht über Hilfsarbeit hinaus kommen. "In der Wissensgesellschaft gibt es immer weniger Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche, die Mindestleistungen nicht erfüllen können“, sagt Steiner.

Jugendcoaching mit Frühwarnsystem in Wien und in der Steiermark

Die "Early school leaver“ sind es auch, mit denen Doris Landauer zu tun hat. Die Psychologin leitet am AMS Wien das Projekt "Perspektiven für unentdeckte Talente“ und erforscht Maßnahmen gegen frühzeitigen Bildungsabbruch. Fast 28.500 Jugendliche bis 25 waren im ersten Halbjahr mindestens einen Tag am AMS registriert. Sie alle haben keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung. Für Landauer geht es bei der Arbeit mit den Jugendlichen um weit mehr als reine Information über Berufe und Ausbildungsmöglichkeiten: "Oft fehlt es an Grundsätzlichem. Viele Jugendliche sind komplett auf sich alleine gestellt, dazu mitten in der Pubertät. Sie wissen nicht weiter. Es geht darum, einen Platz im Leben zu finden.“ Während Jugendliche aus Bildungsschichten häufig auch bei schwachen schulischen Leistungen, selbst wenn sie mehrmals die Schule wechseln, zur Matura geführt werden, haben Jugendliche aus Risikogruppen oft niemanden, der sie motiviert, an der Stange zu bleiben. "Wir erforschen die Netzwerke von Bildungsabbrechern und schauen auch, wie wir sie verändern können“, erklärt Landauer. Andere Freunde, ein Mentor oder Coach können nämlich gerade in den Schlüsseljahren der Entwicklung einen großen Unterschied machen und den Grundstein zu einer erfolgreichen Karriere legen.

In diese Kerbe schlägt auch das Jugendcoaching, das Sozialminister Rudolf Hundstorfer und Bildungsministerin Claudia Schmied diese Woche präsentieren. Ab sofort sollen "Case Manager“, wie Güls Berater von ÖSB Consulting, in Wien und der Steiermark flächendeckend zur Verfügung stehen. Durch ein Frühwarnsystem sollen Lehrer in der neunten Schulstufe jene Schüler identifizieren, die mit großer Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt haben werden. Über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr werden die dann von einem Coach begleitet, der sie beim Verbleib im Schulsystem oder beim Übertritt in den Arbeitsmarkt unterstützt. Auch arbeitslose Jugendliche bis 19, die die Schule bereits abgebrochen haben, bekommen Hilfestellung durch einen Coach. Bis 2014 wird das Jugendcoaching österreichweit aufgebaut.

Für Mario Steiner ist das Jugendcoaching der beste Ansatz, der in letzter Zeit entwickelt wurde. Er regt aber an, noch früher anzusetzen: "Man müsste dafür sorgen, dass es diese Gruppe gar nicht erst gibt. Solange man ein selektives Bildungssystem hat, braucht man sich nicht wundern, wenn manche hinausfallen.“ Im internationalen Vergleich steht Österreich mit seiner Schulabbrecherquote von acht Prozent zwar gut da. Schmied und Hundstorfer sprechen sogar von einer "Vorreiterrolle“ in Europa. Aber die Definition, die den Schulabschluss als Parameter hernimmt, schmeichelt dem österreichischen System. "Wenn man Kompetenzen heranzöge, stünde Österreich deutlich schlechter da“, sagt Steiner. Das könnten zum Beispiel die Ergebnisse der letzen PISA-Studie sein. Die ergab bekanntlich, dass 27 Prozent der 15-Jährigen nicht sinnerfassend lesen können. "Diese Zahl ist deutlich höher als die der Jugendlichen ohne Abschluss“, sagt Steiner. "Und das ist die eigentliche Problemgruppe.“

In Österreich:

46.932

Jugendliche sind derzeit arbeitslos gemeldet

70 Prozent

davon haben nur die Pflichtschule absolviert

Quelle: AMS

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