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"Die Frage ist: Was braucht das Kind?"

Ob Österreich oder Deutschland: In der Familienpolitik steht der Ausbau von Krippenplätzen auf der Tagesordnung. Gut für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und für die Kinder selbst? Im Furche-Interview spricht die Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert über mütterliche Trennungsängste, kindliche Bedürfnisse - und ideologische Debatten.

Die Furche: Frau Professor Ahnert, handelt eine Mutter, die ihr einjähriges Baby ganztags in eine Krippe gibt, verantwortungslos?

Lieselotte Ahnert: Mütter haben bestimmt Trennungsängste, wenn sie ihr Kind in andere Obhut geben - auch wenn das selten benannt wird. Diese Trennungsängste hängen stark davon ab, wie sehr diese Frauen es der "anderen" Seite zutrauen, ihr Kind wirklich gut zu betreuen. Es ist also unbedingt eine entsprechende Qualität notwendig, die auch den Müttern vermittelt werden muss. Man mutet dem Kind ja auch etwas zu.

Wie groß die Herausforderung für das Kind ist, kann jedoch in Abhängigkeit vom Temperament und anderen Faktoren sehr stark variieren. Bei Frühgeborenen kann beispielsweise auch das Angstniveau höher und die Irritationsschwelle niedriger sein als bei reifgeborenen Kindern. Außerdem wissen wir, dass Frauen, die sehr gut ausgebildet sind und in einer Berufswelt leben, die sie sich gewählt haben und in der sie sich wohlfühlen, weniger ängstlich sind und mehr Vertrauen in die Anpassungsfähigkeiten ihres Kindes haben. Im Grunde geht es darum, dass Mütter Informationen für die Gewissheit brauchen, dass es ihrem Kind nach so einer Entscheidung auch gut geht.

Die Furche: Die Langzeitstudie des National Institute on Child Health and Human Development (NICHD) würde Frauen wohl noch mehr verunsichern. Ihre Quintessenz lautet: Je mehr Zeit Kinder in den ersten Lebensjahren pro Woche in der Krippe verbringen, desto eher fallen sie später in Kindergarten und Volksschule als schwierig und aggressiv auf…

Ahnert: Das hat eine gewisse Plausibilität. Wir wissen ja, dass die familiäre Betreuung eher die emotionalen Befindlichkeiten erfüllt - im Vergleich zur institutionellen Betreuung, die eher impulsgebend und bildungsbetont ist. Selbst wenn Kleinkindpädagoginnen Heroisches leisten, sind sie ja kein Mutterersatz. Und wenn die eigentliche Mutter nach einem langen Arbeitstag ausgepowert ist und keine Kraft mehr hat, die emotionalen Bedürfnisse ihres Kindes zu bedienen, dann schaukelt sich das kindliche Stressmuster so auf, dass es zu Langzeiteffekten kommen muss. Man darf aber nicht so tun, als ob die Krippenkinder nur in Krippen groß geworden wären. Es kommt sehr darauf an, wie die Balance zwischen familiärer und institutioneller Betreuung gehandhabt wird.

Die Furche: Was ist wichtig für diese Balance?

Ahnert: Das fängt schon mit den ersten Krippentagen und einer schrittweisen Eingewöhnung von etwa zwei Wochen an. Die Mütter sollten dabei versuchen, mit der eingewöhnenden Pädagogin eine Partnerschaft aufzubauen, die dazu dienen muss, sich über die Besonderheiten des Kindes auszutauschen. Mit der Zeit können die Mütter versuchen, sich langsam zurückzuziehen, damit das Kind eine Beziehung zur Erzieherin aufbauen kann. Dieser Beziehungsaufbau ist absolut entscheidend für das weitere Wohlbefinden des Kindes.

Die Furche: Gibt es ein Alter, ab dem Kinder prinzipiell reif für eine Krippe sind?

Ahnert: Man kann hier schlecht Normen angeben. In Deutschland kommen die Kinder kaum als Säuglinge in die Krippe, sondern als Kleinstkinder. Ein Säugling würde eine sehr persönliche Betreuung brauchen, während ein eineinhalbjähriges Kind bereits von den mitspielenden Kindern profitiert und von ihren Aktivitäten lernt.

Die Furche: Welcher Betreuungsschlüssel wäre notwendig?

Ahnert: Bis 18 Monate lauten die internationalen Empfehlungen eins zu drei. Und danach sechs bis acht Kinder - pro ausgebildete Pädagogin. Leider haben nur wenige europäische Länder sehr gut ausgebildetes Personal in diesem Bereich: In Deutschland (und auch in Österreich, Anm.) wird die Akademisierung leider erst diskutiert. Bisher ist man schlichtweg davon ausgegangen, dass eine natürliche Fürsorglichkeit sowieso in jeder Frau steckt. Aber so ist das nicht, und schon gar nicht, wenn man die Betreuung für fremde Kinder und in Gruppen durchführen soll.

Die Furche: Akademisierung bedeutet auch höhere Kosten…

Ahnert: Ja, wobei es ein Unding ist, dass man Universitäten ohne große Kosten durchlaufen kann, während Krippe und Kindergarten sehr teuer sind. James Heckman, der im Jahr 2000 mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, weist nach, dass ein Staat in frühe Bildung investieren muss, um nicht später im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch und Kriminalität viel mehr Geld aufwenden zu müssen. Die Frage kann also nicht sein: Was soll es kosten? Sondern sie muss lauten: Was braucht das Kind?

Die Furche: Diese Frage stellt auch Christa Müller von der deutschen Links-Partei, die mit ihrem Buch "Dein Kind will dich" gegen den Krippen-Vorstoß der konservativen deutschen Familienministerin Ursula von der Leyen polemisiert. Wie leicht fällt es Ihnen, auf diesem ideologischen Minenfeld nüchtern zu forschen?

Ahnert: Ich verstehe mich als Wissenschafterin, die herausfinden will, welche Bedürfnisse ein Kind hat und welche Betreuungsbedingungen - in der Krippe wie auch in der Familie - bereit gestellt werden müssen. Das ist eine schwierige Forschung, da die kleinen Kinder sich noch nicht selbst mitteilen können: Wir messen beispielsweise Cortisol-Werte, um die Stressbelastung zu bewerten, wir machen mikroanalytische Auswertungen von Verhaltensbeobachtungen, um die Gefühlswelt zu erschließen, und vieles mehr. Indem ich die Entwicklungsbedürfnisse der Kleinen verstehe, verstehe ich mich auch als ihre Anwältin.

Die Furche: Das behauptet Christa Müller auch von sich…

Ahnert: Ideologien funktionieren besonders gut, wenn sie mit Vorurteilen arbeiten. Die Familie ist bei Christa Müller immer das Beste. Doch es gibt auch zunehmend Kindesvernachlässigung und Kindesmissbrauch. Natürlich sollen Kinder in ihren Familien groß werden. Nur, weltweit werden diese durch zusätzliche Helfer unterstützt. Da wir kaum noch erweiterte Familiennetze vorfinden, könnte ein gutes Zusammenspiel von Familie und öffentlicher Betreuung dieses Manko abfangen. Krippe und Kindergarten sind ja auch seismografische Orte, wo man sofort mitbekommt, wenn etwas nicht stimmt.

Das Gespräch führte

Doris Helmberger.

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