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Die Illusion von Gemeinsamkeit

Die am lautesten für die Gesamtschule eintreten, müssten eigentlich dagegen sein. Das hehre Ideal von "Emanzipation durch Bildung“ wird durch Nivellierung nach unten ersetzt, die Zweiklassengesellschaft im Schulsystem erst recht zementiert. Ein polemischer Einwurf.

Nach einer rund hundert Jahre geführten Debatte steht sie - so scheint es - nun tatsächlich ante portas bzw. - wie es bei Cicero wirklich heißt - "ad portas“. Nein, liebe Leser, ich werde jetzt nicht Cato d. Ä. mimen und daher auch nicht sagen: ceterum censeo Carthaginem esse delendam. Man muss diesen Feind nicht vernichten. Wir sollten vielmehr nachschauen, wie es um ihn bestellt ist. Wie steht es um seine Truppenstärke, welche Waffen hat er? Worin bestehen seine Absichten, und was kann er? Möglicherweise will er uns gar nichts Böses. Handelt es sich überhaupt um einen Feind? Der Vizekanzler hat zwar erst unlängst wieder betont, dass er die Tore Roms nicht öffnen werde für Hannibal. Seine Prokuratoren im Westen des Landes schicken ihm aber schon freundliche Nachrichten. Speziell der Prokurator aus Veldidena, ehemaliger centurio der Polizei und Hobbyjäger, tut sich da hervor.

Zunächst: Die Gesamtschule ist nicht gleich Ganztagsschule. Die Ganztagsschule dauert eben den ganzen Tag. Aber sie muss keine Gesamtschule sein. Die Gesamtschule heißt GS, weil sie "alle“, also alle 10- bis 14-Jährigen, in einer Schule versammelt. Deswegen heißt sie auch "gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen“. Deswegen kann es die GS und das Gymnasium nicht nebeneinander geben - ein Sachverhalt, den die Moderatorin einer Wahldebatte einem Politiker vor kurzem erklären wollte. Mag sein, dass ein Gymnasium neben einer GS genannten Schule noch ein Gymnasium ist. Die GS neben dem Gymnasium ist aber sicher keine GS, sondern eine Hauptschule (HS), neuerdings NMS (Neue Mittelschule) genannt.

Die Zauberwörter der Pädagogik

In der GS werden diejenigen Schüler, die ansonsten die HS besucht hätten, gemeinsam unterrichtet mit denen, die andernfalls Gymnasiasten gewesen wären. Das ist der Kern des Modells. Erst mit dem 15. Lebensjahr erfolgt die Entscheidung, ob die Schüler nun die AHS besuchen, eine BHS/BMS oder eine Lehre machen. Das war zum Teil auch bisher so. Lediglich der Übertritt von einer HS in die AHS-Oberstufe war nicht möglich. Zu diesem Zweck gab es das Oberstufenrealgymnasium (ORG). Der Übertritt von der AHS-Unterstufe in die berufsbildenden Schulen (v. a. BHS) war und ist eine beliebte Variante.

Man könnte also meinen, dass sich durch die GS nicht allzuviel ändern würde. Für den Unterricht in der fraglichen gemeinsamen Schule ändert sich aber doch einiges. Die Schülerschaft wird nämlich noch heterogener, als sie es - vor allem in der gymnasialen Unterstufe - ohnehin schon ist. Die leistungsschwächsten Hauptschüler sitzen nun in der GS in derselben Klasse wie die leistungsstärksten Schüler des Gyms. Das nennt man dann "Gemeinsamkeit“. Wer mit 13 Jahren noch nicht lesen kann, lernt gemeinsam mit denen, die schon etliche Romane gelesen haben und z. B. mit Latein keinerlei Probleme hätten, wenn es das in der GS gäbe. Das ist dann der Zeitpunkt, ab dem die neuen Zauberwörter der Pädagogik zu feiern und zu tanzen beginnen: innere Differenzierung, individuelle Förderung, diversity, selbstorganisiertes Lernen, team-teaching und andere mehr. Da es in einer derartigen Klasse, falls es eine solche noch geben wird, eine Lehrerin kaum schaffen wird, einen Mathe-Unterricht zu gestalten, der dieser Lage Rechnung trägt, soll es in den sogenannten Hauptfächern zwei Lehrerinnen geben. Warum eigentlich nicht drei? Das Vorläufermodell der mit der NMS anvisierten Gesamtschule, die IGS (Integrierte GS), kannte noch drei Leistungsgruppen, allerdings nur für Deutsch, Mathematik und Englisch (die "Nebenfächer“ waren einer solchen weder bedürftig noch würdig). Diese sind jetzt nicht mehr vorgesehen. Warum eigentlich nicht? Zu durchsichtig war es offenbar, dass mit diesen Leistungsgruppen lediglich die alte Außendifferenzierung von Gymnasium, HS und Sonderschule nach innen gedreht wäre. Die durch die gemeinsame Schule erzeugte Illusion von Gemeinsamkeit brach sich an den inneren Differenzierungen. Beim Zwei-Lehrer-Modell soll das nicht so sein. Was aber machen zwei Lehrer in einer Deutschklasse der NMS bzw. GS? Eine Lehrerin unterrichtet. Eine sitzt auf dem Heizkörper, schaut zu oder bearbeitet diverse Listen, welche für den Schikurs vorzubereiten sind? Soll in den derzeit existierenden NMS gar nicht so selten vorkommen, wie mir zugetragen wurde. Mit "Heizköperlehrerin“ hat man sogar schon den entsprechenden Begriff gefunden.

Das Ende des "Bildungsbürgertums“

Oder - das wäre die erwünschte Variante - der zweite Lehrer kümmert sich gesondert um die schwächeren Schüler. Das soll also möglich sein: in einem Raum. Die Schüleraufmerksamkeit, welche ohnehin nicht immer und überall die beste ist, wird dadurch möglicherweise zusätzlich beeinträchtigt. Oder man löst den Klassenverband auf und unterrichtet zwei verschiedene Gruppen. Unter der Hand ist das möglich und auch ziemlich wahrscheinlich. Die eine Gruppe müht sich ab, das Lesen zu erlernen, die andere übt sich in Gedichtinterpretation. Wenn man das am selben Gedicht macht, kann man sich sogar der beliebten Illusion hingeben, dass beide Gruppen dasselbe gelernt hätten, nur auf verschiedenen Niveaus. Manche meiner Zunftgenossen schwärmen sogar vom jahrgangsübergreifenden Unterricht. Da könnten dann die leistungsstärkeren 12-Jährigen gemeinsam mit den leistungsschwächeren 14-Jährigen an den Mysterien der Zinseszinsrechnung arbeiten.

Die GS bricht endgültig mit dem, was man so die "bildungsbürgerliche Tradition“ unseres Schulsystems nennt. Der Zahn der Zeit und damit der der gesellschaftlichen Entwicklung hat ihr ziemlich zugesetzt. Viele Gymnasien sind von dem, was einmal Gymnasium hieß, ziemlich weit entfernt. Sie entlassen Maturanten, welche kaum imstande sind, grammatisch und stilistisch einwandfreie Sätze und Texte zu schreiben. Von der Orthographie ist gar nicht mehr zu reden. Die Rechtschreibreformen und die Bestimmungen zur Notenvergabe haben ihr den Garaus gemacht. "Man mus Rückrad beweissen“ (pars pro toto) schrieb vor einiger Zeit eine Studentin (Maturantin!) in einer Klausurarbeit. Aus einer Pädagogischen Hochschule erfahre ich, dass die Mehrzahl der Studenten des Hauptschullehramtes für Mathematik den Stoff der HS nicht beherrscht, obwohl der entsprechende Studienplan Lehrveranstaltungen vorsieht, die über das Maturaniveau hinausgehen. Beim Kern der gymnasialen Bildungstradition sind wir damit aber noch gar nicht angelangt. Das waren einmal die alten Sprachen. Wer in diesen noch heimisch ist, ist wahrlich von gestern. Das Griechische gibt es nur mehr in Spurenelementen, und das Latein unserer Maturanten ist von erbärmlicher Qualität, eben von der Art, dass seine Eliminierung keinen Verlust bedeuten würde. Pädagogikstudenten ("Bildungswissenschaft“ heißt das nun) halten z. B. "Autonomie“ für ein lateinisches Fremdwort, schreiben aber trotzdem oder deswegen "Authonomie“. Manche halten Autorität für ein griechisches Wort (oder doch für ein lateinisches - "da bin ich nicht so sicher“). Sicherheitshalber bekommt es auch ein "th“. Dass Theorie "grau“ ist, ist ihnen geläufig. Nicht bekannt ist, dass die Rede von der grauen Theorie Element mephistophelischer Verführungskünste ist.

So gesehen bricht eine allfällige Einführung der GS mit nichts, womit nicht schon weitgehend gebrochen wäre. Man könnte auch sagen: Der Kampf um die Langform des Gymnasium macht nur Sinn im Zusammenhang mit einer zumindest teilweisen Reaktivierung seiner typischen Ansprüche. Sogenannte didaktische Neuerungen wie z. B. offene Lernformen, Gruppenunterricht, selbstgesteuerte Lernformen, Projekte (bzw. was man dafür hielt) haben einem sachhaltigen Unterricht schwer zugesetzt. Weil man gegen Frontalunterricht ist, setzt man mitunter auf Selbsterarbeitung eines Stoffgebiets und dessen Präsentation durch Schüler. Das Ergebnis ist dann die flotte Power-point-Präsentation von verkürzten Wikipedia-Infos, also Frontalunterricht, gehalten von Schülern.

Bildungs als Luxus für die Geldelite

Im Grunde "kämpfen“ die Konfliktparteien mit verkehrten Fronten. Eine Partei, welche die Wirtschaft entfesseln will, müsste eigentlich für die Gesamtschule sein und ist es nicht. Nur diese nämlich sorgt für die Beibehaltung der Klassengesellschaft und ihre gleichzeitige Verwandlung in eine solche, in welcher lediglich der Geldbesitz über die Klassenzugehörigkeit entscheidet und nicht auch noch Bildung störend dazwischentritt. Eine Partei hingegen, die sich derzeit wieder als Arbeiterpartei in Erinnerung zu bringen versucht, müsste an der Bildungsidee festhalten und alles unternehmen, die damit verbundenen Bildungsgüter auch den ökonomisch Benachteiligten zugänglich zu machen. Ein Arbeiterkind liest Ciceros Philippiken und Goethes "Faust“. Das wäre ein pädagogischer Erfolg. Aber man macht es umgekehrt. Was früher nur eine Minderheit lesen durfte (musste), darf (braucht) jetzt niemand mehr lesen. Der Inhalt der Bildung verschwindet einfach: nicht mehr aktuell, nicht mehr en vogue, schon gar nicht trendy.

Oder er wird in einem noch ausbaubaren Privatschulsystem weiter tradiert: die Bildungsinhalte als Luxusgüter für die, die es sich leisten können. Die Gesamtschule macht also nicht Schluss mit dem Zwei-Klassen-Schulsystem, sondern etabliert es erst so richtig. Es versteht sich von selbst, dass in diesen Privatschulen dann auch der unbegabte Nachwuchs der Eliten sich finden wird, während das begabte Arbeiterkind oder auch Migrantenkind dort kein "Leiberl“ haben wird.

* Der Autor lehrte von 1977 bis 2009 Pädagogik an der Universität Wien

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