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Die kirchliche Jugendarbeit und der Laie

Auf Burg Altpernstein im Kremstal trafen sich Anfang August Pfarrhelfer aus den meisten größeren Orten des Landes zu einer Arbeitswoche unter Leitung des Lan-cksjugendseelsorgers von Oberösterreich, Dr. Feri Klostermann. Vieles von dem, was dabei geredet, gelernt und erarbeitet wurde, ist nur für den jungen Menschen wichtig, der selber schon mitten in der Jugendarbeit steht; aber zwei oder drei Erkenntnisse aus dieser Woche scheinen mir darüber hinaus eine Bedeutung zu gewinnen, die wir alle zunächst gar nicht ahnen konnten; diese will ich hier kurz darzulegen suchen.

Die erste und grundlegende Erkenntnis ist die: der junge Mensch unserer Tage ist gereift in einem Maß, wie man das vorher nicht gekannt hat. Und zwar gilt das nicht nur für diejenigen, die an der Front, in der Gefangenschaft waren — das wäre nichts Neues —, sondern auch für die Jüngeren, die zum Teil nicht einmal . mehr zur Heimatflak eingerückt waren, die fast als Kinder die Not der letzten Jahre und den Zusammenbruch erlebt haben. Es waren Sechzehnjährige unter uns, die uns Berichte gaben, wichtigste Fragen aufwarfen, selbständig urteilten und überhaupt in einer Weise mitarbeiteten, wie man es etwa vor 1938 — darüber waren sich in der Kursleitung alle einig — kaum von Zwanzigjährigen hätte erwarten dürfen. Wenn also heute Genußsucht, sittliche Entartung nnd Verbrechertum unter Jugendlichen in einem früher nicht gekannten Maß und vor allem auf einer viel früheren Altersstufe auftreten, als man das je für möglich hielt, so haben andere Teile der österreichisdien Jugend in der gleichen Zeit und durch dieselben Umstände und Ereignisse eine wirkliche Reife gewonnen, die man ebenfalls früher nicht für möglich gehalten hätte. Wir wissen noch nicht, wie groß die Zahl derer ist, die so am Schweren dieser Jahre gewachsen sind, aber sie sind auf jeden Fall ein entscheidender Faktor im Gesamtbild der Jugend nnd für ihre weitere Entwicklung mindestens ebenso wesentlich wie die bekannten negativen Erscheinungen, von denen man so viel schreibt und redet. Das ist das eine.

Diese Reife ist die Grundlage zu einem Zweiten: stärkster Aufgeschlossenheit gegenüber allem zu Lernenden, größter Ernst in Fragen des Berufs und der fachlichen Weiterbildung. Eine Erscheinung, die mir schon im letzten Jahr besonders an den jüngeren Kameraden der Abschlußlehrgänge der Mittelschulen überraschend deutlich wurde, die aber nicht auf diese und überhaupt keineswegs auf Schüler beschränkt ist. An diese Haltung knüpft sich entscheidend ein Weiteres: die Überzeugung, daß die Jugend unserer Tage zwar ihren eigenen Weg gehen muß wie jede junge Generation, daß sie aber diesen Weg nicht allein versuchen darf, wenn sie nicht wieder in alte und neue Fehler fallen will, sondern daß sie ihn nur in dauernder fruchtbarer Verbindung mit den Älteren gehen kann. Ist diese Erkenntnis des besten Teils der Jugend nicht auch der beste Beweis für die Reife, die sie sich errungen haf?

Diese Überzeugung hat in der Arbeitswoche auf Altpernstein einen ganz unmittelbar wichtigen Niederschlag gefunden: In der Erkenntnis der unbedingten Notwendigkeit einer viel weiteren und vor allem verantwortlicheren Mitarbeit des erwachsenen, im Beruf stehenden Laien in der kirchlichen Jugendarbeit.

Das Amt des P f a r r- und Dekanats-jugendführers ist vielfach noch unbesetzt, und doch wäre gerade das — die Vereinigung aller Belange der Jugendführung in einer verantwortlichen Hand und die unmittelbare, nicht notwendig an die wechselnden Verhältnisse in den Pfarren geknüpfte Verbindung untereinander und mit der Diözesanjugendfühi-ung — von dringendster Wichtigkeit. Und es ist caum möglich, daß der Jugendseelsorger leben der religiösen Weiterbildung und Betreuung auch alles andere selber leitet und gestaltet, was mit Jugendarbeit zusammenhängt (und das 'ist lies, was im Leben des jungen Menschen wichtig ist); abgesüien davon, di£ d::m Laien manche dem Priester kau 11 mehr möglichen Wege noch offen sind, daß, wenn die Jugendarbeit grundsätzlich „von der Sakristei her“ angepackt wird, sie Immer rar den verhältnismäßig kleinen Tel' der Jugend erreicht, der ohnehin im kirchlichen Leben und Gedankengut verwurzelt ist, während der große Teil der getauften (und damit zur Pfarre gehörigen!) Jugend abseits bleibt, weil man ihr zuerst das L e-b e n zeigen muß, ehe man sie vielleicht dahin führen kann, in die Tiefe dieses Lebens zu steigen und dort das Religiöse zu finden: und daß in manchen Fällen der vit 'beschäftigte Kaplan, den man zu allem anderen auch noch zum Jugendseelsorger gemacht hat, für wesentliche Gebiete dieses Lebens wenig Verständnis oder einfach keine Zeit hat. Wenn in den letzten Jahren des Krieges in vielen Pfarren Sechzehn- oder Vierzehnjährige diese Aufgaben auf sich nahmen, so war das eine unnatürliche Erscheinung, nur darauf zurückgehend, daß sonst einfach niemand mehr da war; so mußte in dieser Zeit auch auf geistigem Gebiet eben mancher Junge Männerarbeit zu erfüllen suchen. Deswegen sind diese Aufgaben aber doch Männerarbeit geblieben und nun sollen sie wieder reife, im Leben stehende Männer, die die Jugend kennen und ihr Vertrauen haben, in die Hand nehmen. (Auf Altpernstein war nur von der männlichen Jugend die Rede; doch dürfte mutatis mutandis das hier Gesagte ganz allgemein auch für die Mädchenführung gelten.)

Fast noch wichtiger ist aber die Mitarbeit des Laien zu einem Zweiten: eine erfolgreiche, in die Breite wirkende Arbeit ist erst dann möglich, wenn junge Führer für diese Arbeit in genügender Zahl herangebildet sind. Wohl veranstalten un auch die Diözesen Schulungen und Tagungen für ihre Junghelfer; aber auch in einer ganzen .Woche kann man dabei neben der inneren, persönlichen Weiterbildung — die ja für alle Arbeit stets das Entscheidende bleibt — wenig mehr tun als Anregungen geben, Wege .weisen, auf denen der Junghelfer selbst weitergehen kann. Es bleibt noch eine Fülle zu tun — denn alle Gebiete des Lebens sind für den Junghelfer wichtig zu seiner Arbeit: Geschichte, Heimatkunde, Literatur und Dichtung, Naturwissenschaft und soziale Fragen; Spiel und Lieder, Sport und Wandern, Erste Hilfe und Körperpflege; Sprech- und Redetechnik, Laienspiel, und vieles andere, was wir hier nicht alles aufzählen können. Eine große Aufgabe wartet hier, eine andere, noch größere steht damit in Zusammenhang: zu helfen, daß aus den vielen einzelnen, die heute in der Jugendarbeit stehen und die bei einer guten, planmäßigen Schulung noch dazustoßcn werden, eine Gemeinschaft wird, auch über Pfarr- und Orts-g-renzep hinaus.

Freilich, es ist keine leichte Aufgabe, deren Eriüllung die Kirche hier vom Laien erwartet und zu der sie ihn — wenigstens in Oberösterreich — in Kürze in großem Maßstab rufen wird. Und es wird lange dauern, bis Erfolge sichtbar werden, und sie werden dann vielleicht anderswo liegen als wir es erhofften. Aber die Jungen, die schon in dieser Arbeit stehen — und wir dürfen ruhig sagen, daß unter ihnen viele der Besten von Österreichs Jugend sind — sind entsdilossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, allen Schwierigkeiten zum Trotz ihren Weg zu gehen; es geht nicht um die Rettung des Christentums — das braucht keinen Retter — aber es geht um Österreich, das diristlich oder überhaupt nicht sein wird. Ob es nicht schon Lohn genug sein möchte, an diesem Werk mitarbeiten zu dürfen — zusammen mit diesen jungen Menschen, um an ihrem Glauben an die Zukunft und an ihrer klaren Entschlossenheit selbst eine vielleicht fast versdiüttete Zuversicht zurückzugewinnen —?

Ein Letztes möchte ich noch kurz streifen. Die Jugend unserer Zeit weiß um die Schwere ihres Weges, sie weiß, daß sie Dinge durchgemacht hat, die ihre Altersgenossen vergangener Tage nicht einmal vom Hörensagen kannten, und sie ahnt aber audi die Kräfte, die aus diesem Erleben in ihr aufgebrochen sind: sie will ernst genommen werden. Und sie hat ein Recht darauf.

Wenn der beste Teil unserer Jugend heute etwas fordert, dann meint er es wirklich und dann mögen diese Forderungen überspitzt oder unklar ausgedrückt sein, aber ein wesentlicher Kern steckt in ihnen und man wird gut tun. nicht einfach darüber hinwegzugehen. Das Verlangen nach einer nicht Parteiinteressen, sondern der Jugend und ihrem Leben selbst unmittelbar dienenden Jugendbewegung ist nur eine dieser Forderungen, die junge Menschen heute immer wieder stellen. Der Staat konnte sie nicht erfüllen — aber die Kirche hat nun wohl in allen Diözesen Österreichs den Boden für eine solche Jugendarbeit zur Verfügung gestellt. Ich möchte jedoch hie-her die Worte setzen, die mir ein Kamerad bei einem Gespräch während des Krieges sagte — er war ein lebendiger Christ, ein ganz tiefer Mensch, einer der Besten, die ich in der Jugendarbeit jener Jahre kennenlernte, und er sagte: „Wenn wir je wieder offen arbeiten können, dann müssen Mittel und Wege gefunden werden, daß die Kirche nicht eines Tages über unsere Köpfe weg mit der Jugend Politik macht, oder daß die Jugendbewegung, die wir bauen, als Machtinstrument ausgenützt wird.“ Das war sehr scharf ausgedrückt; viele Enttäuschungen und das tiefe Mißtrauen gegen die Macht überhaupt, das aus dem furchtbaren Mißbrauch der Macht zu jener Zeit stammte, lagen hinter seinen Worten — heute würde der elbe Kamerad diesen Satz wohl wesentlich Inders formen: denn die Kirche ist eine Macht, und es ist an der Zeit, daß diese Macht uns wieder ganz bewußt und auch in unserem gesellschaftlichen Leben wieder stärker spürbar wird; und daß die Kirche in unserem Land politische- Bindungen eingehen könnte, das fürchtet ja heute niemand mehr von uns. Dennoch liegt etwas von dieser Haltung, aus der die obengenannten Worte entsprangen, auch heute nodi weithin im jungen Menschen; die Jugend will nicht „benützt“ werden oder „erfaßt“ oder „eingesetzt' — und wer nur sokhe oder ähnliche Worte gebraucht, ist schon in Gefahr, ihr Vertrauen zu verlieren — was sie vor allem verlangt ist, daß sie ihr eigenes Leben leben darf, daß sie das Recht erhalt, selbst zu den wesensgemäßen Formen ihres Seins zu finden, daß man ihr — vertraut.

Diese Jugend aber wird dort mitbauen, wo sie zu einem Werk gerufen wird, von dem sie erkennt, daß es ihrer wert ist. Sie will auch für solche letzte Ziele nichts hören von „Einsatz“; wenn sie ihr gezeigt werden, dann wird diese gereifte, selbstbewußte Jugend unserer Tage sich selber dafür einsetzen und sich dafür opfern, wenn es nötig ist.

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