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Die „Pflicht” wird wieder salonfähig

1945 1960 1980 2000 2020

Europa befindet sich im Stadium der moralischen Erschöpfung, befürchten viele. Mit einer „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten” unter der Federführung von Ex-Kanzler Helmut Schmidt soll jetzt gegengesteuert werden.

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Europa befindet sich im Stadium der moralischen Erschöpfung, befürchten viele. Mit einer „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten” unter der Federführung von Ex-Kanzler Helmut Schmidt soll jetzt gegengesteuert werden.

Einst führende Politiker, die heute im Ruhestand sind, haben sich unter Vorsitz des ehemaligen sozialdemokratischen Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Schmidt, zu einem Interaction-Council zusammengefunden, um eine „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten” auszuarbeiten und den Vereinten Nationen wie der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorzulegen. Sie wollen damit deutlich machen, daß Bechte Pflichten implizieren. Die „Erklärung”, die der „Declaration of Human Rights” der UNO aus dem Jahre 1948 gegenübergestellt werden soll, wurde in der Hamburgei^Die Zeit” veröffentlicht und ist seither Gegenstand widersprüchlicher, zum Teil leidenschaftlicher Kommentare.

Die „fundamentalen Prinzipien für Humanität” verlangen - so das Manifest - die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen „gegenüber jeden und allen, Familien und Gemeinschaften, Bassen, Nationen und Beligionen” nach dem Grundsatz „Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andern zu”. Es werden konkrete Forderungen aufgestellt, die „Gerechtigkeit und Solidarität, Wahrhaftigkeit und Toleranz, gegenseitige Achtung und Partnerschaft” zum Ziel haben.

Alle diese Postulate sind längst bekannt und - zumindest in allgemein unverbindlicher Weise - akzeptiert. Neu ist jedoch, daß sie in die Form einer Verpflichtung jedes einzelnen Menschen, wo immer er lebt, was immer er tut, gegossen wurden.

Die Einwände ließen nicht lange auf sich warten. So kritisiert zum Beispiel Thomas Kleine-Brockhoff die Erklärung als „alarmistische Gesellschaftsanalyse” (wohl nach dem Motto: we never had it so good), als „kulturrelativistische Falle” (da sie die Menschenrechte des Westens offenbar nicht universell gelten läßt) und als „politischen Paternalismus” (der einen rein ethischen Anspruch zur weltweiten Pflichtennorm erheben wolle).

Eine positive Haltung zur Initiative der „Menschenpflichten” nimmt dagegen der bekannte Theologe Hans Küng ein. Er zitiert E. W. Böckenförde: „Der freiheitliche säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, ohne seine Freiheitlichkeit in Frage zu stellen.” Die moderne Gesellschaft bedürfe deshalb politischer und sozialer Leitideen, die aus gemeinsamen Überzeugungen, Haltungen und Traditionen hervorgingen. Diese Ressourcen seien nach Hans Küng i, nicht von Natur aus da, sie bedürften der Pflege, der Weckung und Weitergabe durch Erziehung”. Die postmoderne Gesellschaft werde nicht durch religiösen Fundamentalismus, aber auch nicht durch einen indifferenten, auf materielle Bedürfnisbefriedigung beschränkten Beliebigkeitspluralismus zusammengehalten. Es sei deshalb wirklichkeitsfremd und arrogant, den Pflichten-katalog vieler Asiaten, die sich dem Konfuzianismus, Hinduismus oder Islam verbunden fühlen, von vornherein als autoritär zu diffamieren. Die Globalisierung der Ökonomie, der Technologie und der Medien, aber auch die Globalisierung der Probleme (von Finanz- und Arbeitsmärkten bis zu Ökologie und organisierter Kriminalität) erfordere eine Globalisierung des Ethos mit einem Minimum von gemeinsamen ethischen Werten, Grundhaltungen und Maßstäben.

Negativer Stellenwert

Es kann nicht geleugnet werden, daß in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten tatsächlich sehr viel von Bechten und nur wenig von Pflichten gesprochen wurde. Das betrifft die Familie wie die Schule, die berufliche Tätigkeit wie das Privatleben, die Religionsgemeinschaften wie den Staat. Und mit der von Küng geforderten Weitergabe gemeinsamer Überzeugungen, Haltungen und Traditionen sieht es schlecht aus. Wir stehen noch im Banne jener Denkschulen, die die Auffassung vertreten, daß Normen und Werte schneller veralten als wir sie vermitteln können, sodaß jeder Jugendliche für sich allein werten müsse.

Aus der jüngsten Geschichte Mitteleuropas ist der negative Stellenwert des Begriffs „Pflicht” durchaus erklärbar; Kurt Jandl hat die „Pflicht” - so heißt sein Gedicht - als „ein fürchterliches Gebot” bezeichnet, „das dich niedertritt in die not und den kot”. Die Einseitigkeit dieser Betrachtungsweise wird offenbar, wenn am Schluß anklagend und nicht ohne Zynismus aus Schillers Wallenstein-trilogie („im felde, da ist der mann noch was wert”) zitiert wird. Die Pflicht ausschließlich als Befehlsausübung im mörderischen Angriffskrieg einer menschenverachtenden Diktatur zu definieren, ist nicht nur unzulässig, sondern folgenschwer. Die Hypothek der Vergangenheit verstellt hier den Blick auf die Erfordernisse der Gegenwart.

Die negative Punzierung des Terminus „Pflicht” im deutschen Sprachraum kann relativiert werden, wenn wir mit Hilfe des Englischen zwischen duties (wir erinnern uns an Nelsons berühmtes Wort „England expects everyman to do his duty”, nachzulesen auf seinem Monument am Londoner Trafalgar Square), obli-gations (etwa vertragliche Verpflichtungen) und responsibilities unterscheiden. Der letztgenannte Begriff bedeutet Verantwortlichkeit im Sinne innerer Selbstverpflichtung. Darauf kommt es an. Er hat mit Jandls „fürchterlichem Gebot” nichts gemeinsam.

Die Demokratie ist in der Tat auf einen Wert-, Normen- und Pflichtenkonsens angewiesen, den sie weder schaffen noch verordnen kann und soll. Es gibt sogar Anzeichen dafür, daß all zu große, durch den demokratischen Parlamentarismus (Stimmen-maximierung!) geförderte Permissi-vität jene Wert abbaut, die die Demokratie erhalten. Dabei muß man die typisch russische Ansicht Alex-andr Issajewitsch Soleschenizyns nicht unbedingt teilen, der im Jahre 1982 in einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung („Eine Lektion in Demokratie”) zu seinem Schweizer Aufenthalt meinte: „Kein vernünftig funktionierender Staat kann ohne Beimischung aristokratischer und sogar monarchistischer Elemente auf Dauer existenzfähig sein.”

Auf der anderen Seite stehen wir in der industrialisierten Welt vor der Notwendigkeit, sparsamer zu leben. Auch der an sich legitime Wunsch der Entwicklungsländer, unseren materiellen Standard zu erreichen, überfordert die Ressourcen unserer Erde. Carl Amery hat in einer Stellungnahme zu der „Deklaration der Menschenpflichten” dargelegt, daß diese „in unsere Zeit hinein übersetzte Ausformung der vier elementaren Imperative der Menschlichkeit (nicht töten, nicht stehlenffecht lügen, nicht Unzucht treiben)” keineswegs ausreicht, um den ökologischen Erfordernissen zu entsprechen und die Unbewohn-barkeit des Planeten zu verhindern. Nun war aber - wie Carl Friedrich von Weizsäcker schon vor Jahren in Erinnerung rief - Askese, also der Verzicht auf mögliche Güter, in der Vergangenheit immer eine Leistung elitärer Minderheiten. „Eine demokratische Askese habe ich bisher nicht gesehen”, schrieb er in einem vielbeachteten Artikel („Der Wandel des Bewußtseins ist unterwegs” in „Die Zeit” 27/1992).

Jeder Souverän steht in der Versuchung, die Grundlagen seiner Macht zu zerstören. Die industrielle Demokratie ist von dieser Regel nicht ausgenommen.

Daß die Demokratie - wie Winston Churchill in seiner berühmten Unterhausrede im November 1947 sagte -„die schlechteste Regierungsform überhaupt - mit Ausnahme aller anderen - sei”, bleibe außer Streit gestellt. Doch unter welchen Bedingungen können die Überlebenschancen der Demokratie gesichert werden? Vielleicht kann die Renaissance der „Pflicht” im Sinne der „Responsibili-ties” dazu beitragen. Gelingt dies nicht, wird wohl auch im 21. nachchristlichen Jahrhundert Piaton bestätigt werden, der im achten Buch seiner Politeia den nach seiner Meinung unvermeidbaren Übergang von der Demokratie zur Tyrannis so anschaulich schildert.

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