7124953-1997_01_04.jpg
Digital In Arbeit

,,Du verstehst mich sowieso nicht"

Wir wollen nur das Beste für unsere Kinder - aber auch mit gutem Willen und größtem Bemühen gelingt es oft nicht, das richtige Wort im richtigen Ton und zum richtigen Zeitpunkt zu finden.

Kinder großzuziehen ist eine schöne Aufgabe aber eine große Verantwortung, der man sich manchmal nicht gewachsen fühlt. Wer will nicht das Beste - und macht genau das Verkehrte? Wie gut eine Beziehung ist, hängt in erster Linie davon ab, wie gut wir miteinander reden können - also von der Qualität der Kommunikation.

„Unser Sohn will nicht einmal mit uns essen. Nie will er uns sagen, wohin er geht, was er unternimmt. Wir haben fast keinen Kontakt mehr -von Einfluß ganz zu schweigen."

„Ich hasse es, Tag für Tag eine Strafpredigt hören zu müssen. Ich erzähle meinen Eltern nichts mehr. Sie verstehen mich ohnehin nicht."

Warum kommen so viele Jugendliche dahin, in ihren Eltern „den Feind" zu sehen? In seinem Buch „Familienkonferenz" beschreibt Thomas Gordon das Hauptdilemma der Eltern in ihrer Art, wie sie mit Konflikten umgehen. „Sie kennen nur zwei Möglichkeiten: Entweder ,Ich siege -du unterliegst' oder , Ich unterliege -du siegst'."

Seine Alternative nennt Gordon die „Niederlage-lose" Methode der Konfliktbewältigung. Sie erfordert meist einen grundlegenden Wandel in der Einstellung der Eltern gegenüber ihren Kindern. Es braucht Zeit und verlangt, „daß die Eltern zuerst die Fähigkeit vorurteilslosen Zuhö-rens und des aufrichtigen Mitteilens ihrer Empfindungen lernen". Dazu gehört Echtheit, Mut, Geduld, Zeit, Vertrauen, Verständnis, Beden und Zuhören-Können. „Es kommt nicht so sehr darauf an, immer einer Meinung zu sein, sondern auf die Art, wie man Meinungsverschiedenheiten austrägt", sagt auch Lebens- und Sozialberaterin Maria Neuberger-Schmidt.

Als erster Schritt zur Konfliktregelung sei es wichtig, daß man lernt, zu sich selbst zu stehen und sich klar darüber wird, was man will. Welche Werte sind wichtig? Wie lebe ich etwas vor?- Stehe ich zu mir - oder spiele ich mir und den anderen nur etwas vor? Angelika Meir-hofer vom Forum Lebensberatung betont, daß „es nicht wichtig ist, die perfekte Mutter oder der perfekte Vater zu sein ". Viel wichtiger sei es, „ daß man glaubwürdig ist". Eltern bleiben Menschen mit menschlichen Fehlern, Personen mit persönlichen Unzulänglichkeiten - also Menschen mit Empfindungen. So ist es unvermeidlich, daß Eltern sich nicht immer konsequent verhalten.

Die traditionelle Mahnung an die Eltern, unter allen Umständen mit ihren Kindern konsequent umgehen zu müssen, übersieht die Tatsache, daß Situationen unterschiedlich sind, Kinder unterschiedlich sind und Vater und Mutter Menschen, die sich voneinander unterscheiden. So veranlaßt dieser Bat Eltern oft zur Heuchelei, denn sie sind gezwungen, die Bolle eines Menschen zu spielen, dessen Empfindungen stets die gleichen sind.

Thomas Gordon betont die hohe Sensibilität der Kinder: Sie besitzen eine geradzu unheimliche Fähigkeit, die wirklichen Empfindungen ihrer Eltern zu ahnen, zu spüren, weil die Eltern „wortlose" Botschaften senden, Hinweise, die von den Kindern manchmal unbewußt, manchmal bewußt erfaßt werden. Erhält das Kind nun „gemischte, widersprechende Botschaften", gerät es in eine psychische Zwickmühle und wird in seinen Handlungsentscheidungen unsicher.

Kinder können die Empfindungen ihrer Eltern nur dann konstruktiv verarbeiten, wenn die Eltern unmißverständliche und ehrliche Botschaften senden, die ihren wahren " Empfindungen entsprechen. Das wird jedem Kind helfen, seine Eltern als wirkliche Persönlichkeiten zu sehen - durchschau-bar, menschlich, als jemanden, zu dem es gerne eine Beziehung hat.

In einem Seminar zum Thema Konfliktregelung in der Familie stellten die Lebensberaterinnen Maria Neuberger-Schmidt und Angelika Meirhofer grundlegende Techniken des Zuhörens sowie der Übermittlung der sogenannten Ich-Botschaft vor.

■ Passives Zuhören wirkt als nonverbale Botschaft und signalisiert, daß man dem anderen die Entscheidung überläßt, über Probleme zu reden. Man akzeptiert die Empfindungen des anderen, mischt sich aber nicht ein. Durch Aufmerksamkeit gibt man zu erkennen, daß man tatsächlich zuhört und interessiert ist. Beispielsweise durch Nicken, Lächeln, Nach-vorne-Lehnen, Augenkontakt und neutralen Äußerungen wie „aha, hm, verstehe" und ähnliches.

■ Sogenannte Türöffner oder Einladungen sind zusätzliche Ermutigungen, über Probleme oder Gefühle zu sprechen. „Möchtest du darüber sprechen? Mich würde interessieren, wie du darüber denkst. Es hört sich an, als wäre dir das sehr wichtig."

Thomas Gordon weist in diesem Zusammenhang allerdings auch darauf hin, daß es Zeiten gibt, in denen Kinder über ihre Empfindungen nicht sprechen wollen, auch nicht vor zwei einfühlsamen Ohren. Sie möchten vielleicht eine Zeitlang mit ihren Empfindungen leben. Das Sprechen wäre ihnen in diesem Augenblick zu schmerzlich. Die Eltern sollten dieses Bedürfnis des Kindes nach einem Eigenleben in seiner Empfindungswelt achten und nicht zwanghaft versuchen, es zum Sprechen zu bringen.

■ Die Technik des aktiven Zuhörens enthält keine Botschaft. „Vor allem soll auf jede eigene Bewertung des Gesagten verzichtet werden", erklären die Beraterinnen. Lediglich der Inhalt der Mitteilung des Gesprächspartners wird sinngemäß wie derholt. Somit gibt man zu erkennen, daß man aufmerksam zugehört hat und kann überprüfen, ob man ihn auch richtig verstanden hat. Ein Beispiel: Erzählt ein Kind, daß es gekränkt wurde und nicht mehr in den Kurs gehen will, so erwidert der Elternteil: „Du wurdest gekränkt und willst deshalb nicht mehr in den Kurs gehen." Das Kind fährt fort: „Ja, ..."

Somit fühlt sich das Kind verstanden. Seine Probleme finden Beachtung. Ohne daß der Elternteil bewertend eingreift, hat das Kind nun die Möglichkeit, darüber zu sprechen und möglicherweise eine eigene Lösung zu finden. „Daß ich weiß, wie etwas geht, hilft meinem Kind nicht weiter - es muß selbst darauf kommen, die Lösung für das Problem zu finden", hebt Neuberger-Schmidt hervor.

Sehr oft werden Kindern Lösungen angeboten, die für sie nicht unbedingt brauchbar sind. Meist erreicht man damit, daß Kinder sich wehren, und ein unausweichlicher Machtkampf beginnt.

Auch Bemerkungen wie „Na, so schlimm wird es schon nicht sein." „Du mußt wieder in den Kurs gehen." „Mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen." würden signalisieren, das Problem nicht ernst genommen zu haben. Besser wäre demnach zu fragen: „Was willst du tun? Wie wirst du das nächste Mal reagieren?"

Das Gefühl, wirklich verstanden und akzeptiert zu werden, ermöglicht seelische Entlastung und fördert Vertrauen, Einsicht und Entwicklung.

Zur funktionierenden Kommunikation in der Familie gehört aber nicht nur das Zuhören, sondern auch die sogenannte Ich-Botschaft. „Es ist wichtig, mit dem Kind zu kommunizieren, wie es mir persönlich mit seinem Verhalten geht. Dabei beschuldige ich das Kind nicht oder gebe eine Lösung vor, sondern teile meine echten Empfindungen mit", bemerkt Angelika Meirhofer.

Ein Kind, das Grenzen erfährt und die Bedürfnisse der Eltern respektieren lernt, wird selten ein Tyrann.

Die Ich-Botschaft bedeutet, daß die Gefühle gegenüber dem Kind ausgedrückt werden. „Wenn das Kind mitbekommt, wie sehr Sie sich ärgern, wie groß Ihre Angst oder Trauer ist, wie sehr Sie sich freuen, wird es eher bereit sein, von seinem vielleicht unangemessenen Verhalten zu lassen." Wichtig sei es, einen Konflikt nie emotionsgeladen anzugehen. Zuerst Dampf ablassen und dann beginnen: „Mich stört ..." Wenn das Kind sich daraufhin lautstark ablehnend äußert - wieder zuerst Dampf ablassen und erst dann erwidern: „Sag mir, was dich stört, aber anders, in einem anderen Ton."

Wer mit seinem saloppen „War ja nicht so schlimm" auf die Entschuldigung eines Kindes reagiert, vermittelt den Eindruck, die Sache bagatellisiert zu haben. Aufrichtiger wäre es, das Mißverhalten anzusprechen: „Ja, du hast mich gekränkt. Aber jetzt ist es wieder gut." Wenn beide wissen, wie sich der andere fühlt, kann man darüber reden, warum das so ist und was man dagegen tun kann.

Das Leben besteht aus Konfliktsituationen, die man bewältigt oder auch nicht. Zum Scheitern trägt bei, wenn man aus „einer Mücke einen Elefanten macht", wenn man also den Konflikt verstärkt. Aber auch das Gegenteil ist nicht förderlich, wenn man nämlich aufgrund eines übertriebenen Harmoniebedürfnisses jedem Konflikt aus dem Weg geht, ihn verniedlicht, verneint oder verschiebt.

Nehmen Sie sich Zeit für Kindergespräche, im Sinne der Philosophie von Antoine de Saint-Exupery, für den der Sinn der Dinge die Verknüpfung, die sich durch den ehrlichen Austausch von Beziehungen und Verantwortung erschließt, darstellt. Freundschaft besteht für ihn in einem „geduldigen Prozeß des Sich-ver-traut-Machens". Jede Hast, jedes Drängen, jede Voreiligkeit kann der Liebe nur schaden. Es bedarf einer langsamen Bewegung des Näherns, um sich allmählich an die Gegenwart des anderen, des täglich vertrauter Werdenden zu gewöhnen. „Es ist das Zeremoniell der wachsenden Liebe. Durch die Zeit, die man für sie aufgebracht hat, werden Dinge und Menschen erst wertvoll."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau