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Eine kühne Alternative

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Sie wählen Gott anstatt von Karriere und sind lebendiges HofThungszeichen in der heutigen Welt: Ordensschwestern

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Sie wählen Gott anstatt von Karriere und sind lebendiges HofThungszeichen in der heutigen Welt: Ordensschwestern

In einer Zeit, wo der „Wert” eines Menschen unter anderem an seiner Karriere, der Höhe seines Bankkontos und der Größe seines Autos gemessen wird, bildet das Lebensmodell; wie es von Ordensgemeinschaften angeboten wird, eine kühne Alternative. Dem Karrierestreben wird ein Leben in der Nachfolge Christi, im Geiste des Evangeliums und nach den Begeln eines Ordensgründers entgegengestellt. Die drei evangelischen Räte der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams dienen dabei als Grundlage. Bei manchen Gemeinschaften kommt eine vierte Verpflichtung hinzu, die sich aus der besonderen Aufgabe des Ordens ergibt, etwa die Erziehung der Jugend (Schulorden) oder die der Krankenpflege (Spitalsorden).

Der einfache Lebensstil („Armut”) ist Ausdruck der höheren Berufung des Menschen und bildet einen Gegenpol zu unserer konsumorientierten Gesellschaft. Die „Ehelosigkeit” ermöglicht den Dienst an den Mitmenschen im Sinne der Agape ganzheitlich und im Geist des Evangeliums, bedeutet gleichzeitig aber nicht Verzicht auf eine Familie. Die Ordensgemeinschaft ist die Familie, die dem einzelnen Mitglied menschlichen Rückhalt gibt. Der „Gehorsam” wird im Sinne der speziellen Aufgabe, die den einzelnen Orden gestellt ist, verstanden. Zu den Aufgaben gehören: die Kontemplation (Gebet und Buße für die Menschen), die Fürsorge und Pflege, die Pastoral, die Bildung und Erziehung sowie die Missionstätigkeit und Entwicklungshilfe.

Katholische Privatschulen erfreuen sich eines guten Rufes und großer Nachfrage. Denn ihr Erziehungskonzept gibt jene klaren Linien vor, die gerade in unserer Zeit oftmals vermißt werden. So nennt Mutter Petronilla Herl, Generaloberin der Kongregation der Schulschwestern vom Dritten Orden des heiligen Franziskus in Wien-Erdberg, die Weitergabe der franziskanischen Spiritualität an die weltlichen Mitarbeiter und an die rund 1.350 Schüler in Wien als ihr besonderes Anliegen. Im Geiste des heiligen Franz von Assisi soll die Liebe zur Einfachheit, Liebe zur Schöpfung sowie radikale Brüderlichkeit vermittelt werden; das heißt, der Lehrer soll der Jugend dienen und sie führen.

Die Idee mag wenig modern erscheinen, wird aber dennoch seit 1.200 Jahren unter nicht immer günstigen politischen Gegebenheiten gelebt. Immerhin gibt es jährlich an die 600 konkrete Anfragen beim Informationszentrum (IZ) für Priester-und Ordensberufe in Wien, wobei mehr als 50 Prozent Interessentinnen sind. Die jungen Männer und Frauen sind meist zwischen 20 und 30 Jahre alt, verfügen über eine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung und haben bereits konkrete Vorstellungen wras die Wahl des Ordens und somit des Einsatzgebietes betrifft. Im sozialen Bereich liegt, so Schwester Theresia Sessing vom „IZ”, der Schwerpunkt des Nachwuchsinteresses. Daß Ordenskrankenschwestern nun auch in Aidsabteilungen tätig sind, wie zum Beispiel auf der Baumgartner Höhe, haben die Ordensgründer seinerzeit zwar nicht geahnt, doch ist es in ihrem Sinne, sich den jeweiligen Nöten der Zeit anzunehmen.

Derzeit leben in Österreich 7.026 Frauen in 130 verschiedenen Ordensgemeinschaften zusammen. Da die Neuzugänge nicht ausreichen, um die ungünstige Altersstruktur auszugleichen, ist bei den ordenseigenen Einrichtungen, wie etwa Schulen, Internate, Kinderheime und Krankenhäuser das gemeinsame Engagement in der Arbeit, das „Miteinander” von Geistlichen und Nichtgeistlichen, besonders wichtig geworden.

Um eine Einrichtung führen und in Gemeinschaft leben zu können, müssen mindestens drei Schwestern zur Verfügung stehen. Sind es weniger, wird mit der Diözese und der zuständigen Gemeinde verhandelt, um ein Zusperren zu verhindern. Obwohl in den letzten Jahren in Österreich mehr als 200 Filialen geschlossen werden mußten, gehen Österreichs Schwestern mit Vertrauen und Zuversicht in die Zukunft.

Eines ist allen Ordensgemeinschaften gemeinsam: sie wollen, wie Schwester Theresia Sessing, Generalsekretärin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, meint, „Zeugnis geben für Gottes Dasein und Liebe zu den Menschen, Suchende im Glauben und in der I loffnung ermutigen und eine lebendige Zelle in der Kirche sein, die geistliches Leben pflegt und weiterschenkt”. Von der wirtschaftlichen Seite her gesehen, müssen die Ordensmitglieder ihre Klöster aus ihren Einkünften selbst erhalten. Selbst „Pensionistinnen” legen ihre Hände nicht in den Schoß, sondern spenden etwa Kranken und Sterbenden Trost.

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