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Eine neue Ökonomie der Universitäten

Die Ansprüche an die öffentlichen Hochschulen sind im Steigen: Das erfordert zukunftsträchtige Forschung - und jede Menge Kreativität bei der Finanzierung.

Dass Wissenschaft und Wirtschaft nun erstmals gemeinsam in einem Ministerium vertreten sind, hat in Österreich gehörige Unruhe ausgelöst: Die Universitäten sahen sich veranlasst, ihre Häuser schwarz zu beflaggen; Journalisten und Vertreter der Oppositionsparteien befürchteten eine weitere Verengung der Wissenschaft auf bloße Wirtschaftlichkeit. Der ehemalige Ressortchef Karlheinz Töchterle stimmte als ÖVP-Abgeordneter aus Protest gegen das Bundesministerien-Gesetz, mit dem im Nationalrat kürzlich die Kompetenz-Neuordnung innerhalb der Regierung fixiert worden ist. Und Reinhold Mitterlehner, der neue alte Wirtschaftsminister, der nun auch die Wissenschafts-agenden betreut, hat seine Arbeit längst aufgenommen.

Unabhängig von der ministeriellen Zuordnung steht das öffentlich finanzierte Hochschul- und Forschungswesen heute vor dringlichen Aufgaben, meinte Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung, bei der 27. Veranstaltung des Wissenschaftsforums "Club Research“ in Wien: "Universitäten müssen in der Lage sein, innovative Forschungsfelder zu erschließen sowie Studium und Lehre an zukunftsträchtigen Wissensgebieten zu orientieren“. Auch fachübergreifende Formen der Wissensvermittlung, internationale Vernetzung sowie nicht zuletzt Spitzenleistungen seien gefragt. "Zugleich gilt es, hochwertige Forschung und Lehre in jenen Fachrichtungen sicherzustellen, die für Wirtschaft und Innovation weniger relevant sind“, betonte Krull. Ausgehend von der Annahme, dass Universitäten in ihrer Gründungszeit als regionale Kompetenzzentren geschaffen wurden, geht Krull davon aus, dass mit dem zunehmenden internationalen Wettbewerb demnächst wieder die verstärkte Ausdifferenzierung der Unis einsetzen werde. Der Wissenschaftsexperte erwartet ab 2020 verstärkt Fusionen und Hybridkonstruktionen unter den Universitäten.

Neues Finanzierungsmodell

An den Hochschulen treffen heute viele Perspektiven aufeinander: Studierende sehen das Studium als Sprungbrett für gute Jobs, Wissenschafter pochen auf Freiräume der Forschung, die Wirtschaft ruft nach gut ausgebildeten Fachkräften, und die "Wissensgesellschaft“ selbst fordert von den Unis auch Vorschläge zur Lösung der großen globalen Herausforderungen wie Überalterung und Klimawandel. Wie können die Universitäten diesen hehren Ansprüchen gerecht werden? Welche strukturellen Veränderungen sind erforderlich? Und wie viel darf das alles kosten? Diese Fragen begleiten heute die weltweit geführten Debatten zur Rolle und Verantwortung der Universitäten im 21. Jahrhundert.

Eine "neue Ökonomie“ der Universität stand im Zentrum der Diskussionsrunde beim "Club Research“ - im Sinn einer grundsätzlichen Abwägung zwischen dem, was die Gesellschaft als universitäre Leistung verlangt, und dem, was sie angesichts budgetärer Konsolidierungszwänge dafür zur Verfügung stellen kann und will. Die Balance zwischen der Dynamik der Ansprüche und jener der Ressourcen ist jedenfalls maßgeblich für die neue "kapazitätsorientierte Universitätsfinanzierung“, die in Österreich ab 2016 zum Einsatz kommen soll. Erklärte Ziele sind eine ausreichende Anzahl an Studienplätzen, die Verbesserung der Betreuungsrelation, die Steigerung der Studienabschlüsse und die Verringerung der Studienabbrüche. Stets bezogen auf die Anzahl der Studierenden, geht es um "Kostenwahrheit für Forschung und Lehre“ und um eine "transparente, verursachungsgerechte Finanzierung“. Das sind freilich Ansprüche, die auch eine dynamische Budgetentwicklung voraussetzen.

Zielvorgabe für 2020

Die Europäische Kommission hat das Ziel formuliert, dass 2 % des Bruttoinlandprodukts (BIP) in den tertiären Sektor, also Ausbildung und Forschung, fließen sollten. Die Bundesregierung hat im aktuellen Regierungsprogramm konkrete budgetäre Maßnahmen zum Erreichen dieser 2-%-Quote bis 2020 angekündigt. Derzeit fließen nur rund 1,4 % des österreichischen BIP in die Unis und verwandte Forschungsinstitute. "Ich sehe derzeit nicht die geringste Anstrengung, dieses 2-%-Ziel erreichen zu wollen“, zeigt sich Alexander Van der Bellen, Forschungsbeauftragter der Stadt Wien, skeptisch.

Auch der Rat für Forschung und Technologieentwicklung mahnte, dass angesichts der angestrebten 2-%-Quote der Finanzierungspfad für die Hochschulen, Grundlagenforschung und angewandte Forschung signifikant angehoben werden muss. Forschungsrat-Vorsitzender Hannes Androsch forderte "gezielten Muskelaufbau“ als therapeutische Maßnahme.

Eine neue Ökonomie der Universität impliziert auch Kreativität beim Auftreiben neuer Finanzierungsquellen. Gemeinnützige Stiftungen etwa haben sich in Deutschland und der Schweiz vermehrt als Partner der Wissenschaft etabliert. Österreich hinke dieser Entwicklung bisher nach, auch weil es noch an den steuerlichen Rahmenbedingungen mangle, so der Befund des Forschungsrats (siehe Kasten links).

GEMEINNÜTZIGE STIFTUNGEN

Gutes Geld für die Forschung

Österreich wird von Wissenschaftsexperten ein noch unterentwickeltes Stiftungswesen attestiert: Von den gemeinnützigen Privat-, Bundes- und Landesstiftungen fließen hierzulande etwa vier Euro pro Jahr und Einwohner in die Forschung; in Deutschland dagegen sind es 183 und in der Schweiz 109 Euro. Zu diesem Schluss kam 2012 eine Studie im Auftrag des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT). Wichtig sei eine "Willkommenskultur“ für gemeinnützige Stifter und das verstärkte Bewusstsein, dass Investitionen in die Wissenschaft dem Gemeinwohl zugute kommen, erläuterte Wilhelm Krull, Generalsekretär der VW-Stiftung und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, bei einem Wissenschaftsforum in Wien. Krull verwies darauf, dass in Deutschland Stiftungsgründer bis zu einer Million Euro steuerlich absetzen könnten. Stiftungsbeiträge sollten aber nicht als Kompensation zu fehlendem Hochschulbudget gesehen werden, sondern als komplementäre Einnahmen. (mt)

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