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Elite wider willen

Kaum eine Privatschule will sich selbst als "Eliteschule“ bezeichnen. Von den Eltern so gesehen werden wollen die meisten freilich schon. Ein Lokalaugenschein in Wien.

Demnächst, an den Tagen der offenen Tür, werden Österreichs Eltern wieder durch die Schulen schwirren: Sie werden Klassenräume beäugen, Lehrern und Direktorinnen Löcher in die Bäuche fragen und die Stimmung auf sich wirken lassen. Am Ende, so die Hoffnung, werden sie dann für ihr Kind die beste Schule wählen.

Im weitläufigen Gebäude der Theresianischen Akademie an der Wiener Favoritenstraße ist das etwas anders gelaufen: Weder Räume noch Lehrkräfte, sondern bloß eine Baustelle haben die Mütter und Väter im Jänner 2011 beim ersten Vorbereitungsabend der neu gegründeten Volksschule angetroffen. "Trotzdem sind schon 150 Eltern vertragliche Verpflichtungen eingegangen - nur im Vertrauen auf den Namen, Theresianum‘“, erinnert sich Stephan Nagler, Kurator der Stiftung Theresianische Akademie.

Die riskante Entscheidung, eine rein privatrechtlich geführte Schule zu gründen, die - anders als katholische Privatschulen oder das theresianische Gymnasium als Sonderfall - kein Recht auf staatliche Personalsubventionierung besitzt, hat sich als richtig erwiesen: Statt zwei Klassen hätte man im ersten Schuljahr 2011/12 spielend sechs Klassen füllen können; heuer war der Andrang genauso groß. Monatliche Kosten für die Ganztagsschule pro Kind: 495 Euro.

Schwellenangst bei Migranten

Auch an der AHS mit ihren knapp 800 Schülerinnen und Schülern, die jeweils 539 Euro für das Halbinternat bzw. 840 Euro für das Vollinternat bezahlen, gibt es lange Wartelisten. Doch woher dieser Zulauf? "Unsere Schule steht eben für Weltoffenheit, Toleranz, soziale Kompetenz und die Anerkennung von Leistung als positivem Wert“, heißt es. Kinder mit Migrationshintergrund seien freilich nur wenige darunter. "Es gibt eine gewisse Schwellenangst, gegen die wir ankämpfen“, meint Stephan Nagler. Insofern habe man vor dem Begriff "Eliteschule“ sogar Angst: "Wenn unsere Absolventen durch ihre Ausbildung Führungspositionen erreichen, können wir den Begriff Elite akzeptieren. Aber es darf keine Zugangselite geben.“ Um dies zu verhindern, gebe es faire Aufnahmeverfahren. Schließlich habe die Stifterin, Kaiserin Maria Theresia, 1749 definiert, dass "kein Unwürdiger einem Würdigeren den Platz versperren darf“.

Um Selektion geht es freilich im Schulsystem bis heute. "Vom Theresianum über Kalksburg und die Schotten bis zum Lycée Français hat sich das Wiener Bürgertum eine Reihe Institutionen erhalten, die differenzproduzierend sind“, weiß der Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Universität Wien. Je höher das Schulgeld, desto höher der Effekt. Im Grunde befördere aber jede Privatschule die Tendenz zur sozialen Segregation: Schließlich brauche es hier immer eine "bildungsaktive Entscheidung“, also jemanden, der Nein sagt zum öffentlichen Schulsystem.

In Österreich ist die Zahl dieser Eltern im internationalen Vergleich eher gering: 8,4 Prozent der Schülerinnen und Schüler besuchen hierzulande eine Privatschule (siehe Kasten rechts). Die allermeisten davon, momentan rund 70.000, lernen an katholischen Schulen, wobei der Zustrom trotz sinkender Schülerzahlen ungebrochen ist. So unterschiedlich die Einrichtungen auch sind - vom gehobenen Kollegium Kalksburg bis zur Brennpunktschule in der Wiener Friesgasse: Die allermeisten hätten neben umfassender Nachmittagsbetreuung einen großen Trumpf, so Hopmann: "Diese Schulen bringen irgendwie das Doppelprogramm von Kultivierung und Qualifizierung zustande, während die öffentlichen Schulen in ihrer Not mit PISA-Standards ihre Energie im Qualifizierungswettlauf verbraten.“ Genau diese "Kultivierungserwartung“ sei es, weshalb auch Eltern, die ansonsten keine Sympathien für die Kirche hegen, ihre Kinder hierher schicken würden.

Wird also an katholischen Schulen die künftige Elite ausgebildet? "Wenn ich Elite so definiere, dass man sich besonders intensiv um Kinder kümmert und ihnen auch Religion als wesentlichen Aspekt des Menschseins vermittelt, dann kann ich damit leben“, sagt Rudolf Luftensteiner, Geschäftsführer der Vereinigung von Ordensschulen Österreichs. "Wenn man darunter aber eine Einrichtung für den Geldadel versteht oder für jene, die eine Schule ohne türkische Kinder suchen, dann sicher nicht.“

Gerade der Anteil an Migrantenkindern wird freilich unter Müttern und Vätern landauf, landab diskutiert. "Die Eltern können aber im öffentlichen Diskurs nicht sagen: Ich wähle keine öffentliche Schule, weil dort so viele Ausländer sind“, weiß Stefan Hopmann. "Also müssen besondere Begabungen des Kindes als Argumente dienen.“ Ein Gesamtschulsystem würde diesen Trend noch verstärken: Je mehr sich das öffentliche Schulsystem um Integration bemühe, desto öfter würden ressourcenstarke Eltern nach Alternativen suchen.

Auch Sabina Mugrauer, Direktorin der Albertus Magnus Volksschule im 18. Wiener Gemeindebezirk, die von der Vereinigung der Ordensschulen betrieben wird und den Fokus auf Begabungsförderung legt, weiß um dieses Problem. Offen ansprechen würden Eltern dieses Thema aber kaum. "Nur einmal hat eine Mutter, deren Kind zufälligerweise in einer Klasse ohne Migrantenkinder war, gesagt:, Wir haben die geistige Elite in diesem Jahrgang und die hat sich den besten Lehrer verdient.‘ Das war ein Wahnsinn!“ Viele Eltern würden sich heute von einer Privatschule schlicht alles erwarten. Doch das sei unmöglich - 394 Euro für einen Ganztagsplatz hin oder her. Auch den Begriff "Elite“ findet die Direktorin problematisch: "Begabung hat ja viele Gesichter.“

Indes bleibt offen, ob private Schulen objektiv betrachtet überhaupt zu besseren Leistungen führen: Mit 39 getesteten Privatschulen war die Stichprobe bei PISA 2009 zu gering. Erst die Erhebung der Bildungsstandards könnte Informationen liefern - sofern die Ergebnisse publiziert werden. Bleibt vorerst nur eine PISA-Detailanalyse des Maastrichter Bildungsforschers Jaap Dronkers, die Stefan Hopmann so zusammenfasst: "Abstrahiert man vom sozialen Background, dann sind Privatschulen mit Ausnahmen nicht besser und schlechter als öffentliche Schulen. Doch der Kultivierungsvorsprung und die Netzwerke - das bleibt.“

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