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"Es geht hier um Vertrauen"

1945 1960 1980 2000 2020

Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer über die Bildungsreform, die Leider-nein-Modellregion Wien und die Herkulesaufgaben der Lehrer. | Das Gespräch führte Doris Helmberger

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Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer über die Bildungsreform, die Leider-nein-Modellregion Wien und die Herkulesaufgaben der Lehrer. | Das Gespräch führte Doris Helmberger

Montag Vormittag wurde das Paket also doch noch festgezurrt (siehe Kasten) - wenige Minuten, bevor die von den NEOS beantragte Sondersitzung zur "gescheiterten Bildungsreform der Kern-Kurz-Regierung" startete. Der Grüne Bildungssprecher Harald Walser sprach von einem "historischen Tag": Schließlich sei - hundert Jahre nach der Initiative des Schulreformers Otto Glöckel - nun die gemeinsame Schule der Zehn-bis 14-Jährigen in ganz Vorarlberg möglich. Heinrich Himmer, in dessen Büro ein Porträt Glöckels hängt, ist weniger enthusiastisch. Im Interview schildert der Amtsführende Präsident des Wiener Stadtschulrats, was er von der Einigung hält - und was es noch alles bräuchte.

DIE FURCHE: Herr Himmer, ist diese Bildungsreform "historisch"?

Heinrich Himmer: Nein. Sie ist zwar ein erster Schritt, aber wir sind weit davon entfernt, dass wir uns zurücklehnen könnten oder die Themen, mit denen wir in Wien konfrontiert sind, damit gelöst wären.

DIE FURCHE: Machen wir es konkret: Was im Reformpaket gefällt Ihnen besonders?

Himmer: Was ich für sehr vernünftig halte, ist die größere Autonomie am Standort. Wobei die dazu nötige Einbindung der Interessen von Eltern, Lehrern und Schülerinnen oder Schülern nicht so leicht zu managen ist, das habe ich in den letzten fünf Monaten hier im Stadtschulrat selbst erlebt.

DIE FURCHE: Und was missfällt Ihnen?

Himmer: Ich tu' mich schwer mit den Modellregionen zur gemeinsamen Schule, an denen so viel herumgeschraubt worden ist. Aus Überzeugung sage ich: Eine Schulform muss, um auch den Wiener Bedingungen gerecht zu werden, ganztägig sein und darf keine Trennung mit neuneinhalb Jahren in NMS oder AHS-Unterstufe beinhalten. Wie groß hier der Druck ist, habe ich gesehen, als ich genau zur Zeit der Schuleinschreibungen hierher gekommen bin: Mein E-Mail-Postfach war täglich voll mit Wünschen zu AHS-Plätzen oder Beschwerden über Volksschullehrer, die eine schlechtere Note als einen Zweier gegeben haben und damit den Kindern "die Zukunft verbauen würden", wie es geheißen hat.

DIE FURCHE: Der Traum von einer flächendeckenden Gesamtschulmodellregion Wien ist mit der Obergrenze von 5000 AHS-Unterstufenschülern jedenfalls dahin...

Himmer: Ja, das würde hier, wo zwei Millionen Menschen auf engem Raum wohnen, nicht gehen, sondern nur den Druck auf andere AHS-Standorte erhöhen. Als vorläufige Krücke planen wir nun "Bildungsgrätzel", wo alle - vom Kindergarten über alle Schularten bis hin zu Musikschulen und Büchereien - gemeinsame Bildungskonzepte entwickeln. Und die nun möglichen Misch-Cluster zwischen Pflicht- und Bundesschulen kann man ebenfalls vernünftig nutzen. Zentral ist jedenfalls, dass Kinder nicht mehr mit zehn Jahren getrennt werden dürfen und ihnen damit vermittelt wird, du hast es geschafft und du nicht. Insofern halten wir die Forderung nach einer flächendeckenden gemeinsamen Schule in Wien weiter aufrecht.

DIE FURCHE: Aber würde das den Run auf die Privatschulen nicht noch weiter erhöhen?

Himmer: Ich glaube nicht, weil es schon jetzt viele Privatschulen gibt - gerade im konfessionellen Bereich -, die die Vorteile einer Kooperation von AHS und NMS sehen und oft beide Schulen im selben Gebäude anbieten. Wenn wir im öffentlichen Schulbereich ein gemeinsames Modell ausrollen, werden auch viele Privatschulen folgen.

DIE FURCHE: Ist das Kernproblem nicht, dass es in Wien längst ein "Apartheid-Schulsystem" gibt, wie Anneliese Rohrer in der "Presse" geschrieben hat? Viele Eltern wollen ihre Kinder ja schlicht deshalb in ein Gymnasium schicken, weil es dort weniger Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache gibt

himmer: Es stimmt, dass viele Eltern ihr Kind in eine Klasse geben wollen, wo möglichst wenige Migranten sind. Sie haben auch kein Vertrauen in die NMS. Wenn ihre Kinder dann aber auf Grund ihres Volksschulzeugnisses dorthin gehen müssen, sind sie mit dem konkreten Fokus auf das einzelne Kind, der in den NMS intensiv betrieben wird, oft sehr zufrieden.

DIE FURCHE: Sie wollen damit sagen, dass die NMS besser sind als ihr Ruf?

Himmer: Das ist mein Eindruck, weil ich erlebe, dass es gute und weniger gute Schulen gibt - und zwar quer über alle Schularten. Das Problem sind eher die Zuschreibungen. Aber ich gebe Ihnen Recht, dass die Schulwahl keine Frage von Argumenten ist, sondern dass es um Vertrauen geht. Wenn Eltern das Gefühl haben, dass ihr Kind in der AHS-Unterstufe die besseren Chancen hat - und zwei Schularten zur Verfügung stehen -, wird man sie weder überreden noch zwingen können. Wir müssen sie überzeugen, und meine Aufgabe besteht darin, die Bereitschaft von Eltern und Lehrern zu erhöhen, neue Modelle auszuprobieren.

DIE FURCHE: Tatsache ist aber, dass es an Wiener Pflichtschulen große Probleme gibt. Unlängst hat eine Volksschullehrerin anonym auf "orf.at" erzählt, dass es keinen Ersatz für Begleitlehrer gäbe und zu wenig Sprachkursplätze. Lässt Wien seine Lehrer allein?

Himmer: Ich bin selbst Lehrer und weiß, dass man solche Berichte nicht pauschalieren darf. Außerdem tut es mir leid, dass die Kollegin das Gefühl gehabt hat, das alles anonym erzählen zu müssen. Das zeugt von einer fehlenden Vertrauensbasis

DIE FURCHE: Was wohl auch am Stadtschulrat liegen könnte

Himmer: Natürlich, und mein Ziel ist es auch, hier eine stärkere Offenheit zu erreichen. Klar ist jedenfalls, dass Wien als Millionenstadt besondere Herausforderungen hat. Wir hätten uns deshalb durch die Bildungsreform mehr Mittel gewünscht, aber leider ist die Schulfinanzierung auf Basis eines "Chancenindex" nicht österreich-, sondern nur bundesländerübergreifend vorgesehen. Wir können also nur intern umschichten. Aus dem Integrationstopf hat Wien zwar überdurchschnittlich viel bekommen, aber diese Mittel - etwa für interkulturelle Teams, die Kinder mit Fluchthintergrund begleiten -laufen im August aus. Wenn das nicht verlängert wird, bekommen wir Probleme, Bildungsreform hin oder her.

DIE FURCHE: Probleme gibt es nach Ansicht der anonymen Lehrerin auch mit vielen Eltern. Sie fordert, Mütter und Väter verstärkt in die Pflicht zu nehmen und bei zu vielen Fehlstunden die Familienbeihilfe zu streichen. Finden Sie das gut?

Himmer: Eltern haben natürlich Verpflichtungen. Aber ich glaube nicht, dass man eine positive Haltung zur Schule durch Strafen vermitteln kann. Man muss sehen, was dahintersteckt. Umso wichtiger sind kostenfreie Ganztagsschulen, um Familien zu entlasten. Überlebenswert wäre aber, den Mutter-Kind-Pass zu verlängern, damit es auch im Schulalter noch eine Form der Dokumentation gibt - und klar wird, dass es seitens der Gesellschaft eine gewisse Erwartungshaltung an die Eltern gibt.

DIE FURCHE: Die Erwartungen an die Lehrer steigen jedenfalls stetig. Zugleich gehen nun viele in Pension: Die Lehrergewerkschaft warnt, dass 2018 bis zu 2500 Pädagogen österreichweit fehlen könnten. In Wien allein müssen bis zu tausend Stellen nachbesetzt werden. Wie soll das gehen?

Himmer: Wir werden verstärkt Quereinsteigern Angebote machen müssen. Durch das neue Dienstrecht wurde die Bezahlung ja schon besser. Aber natürlich müssen wir auch deutlich machen, dass Lehrersein ein guter Beruf ist, auf den man stolz sein kann. Hier müssen wir auch als Stadtschulrat verstärkt auf Menschen zugehen, die etwas Neues ausprobieren möchten, und unseren bisherigen Amtscharakter ablegen. Das sehe ich durchaus selbstkritisch.

DIE FURCHE: Muss man in der Aus- und Weiterbildung nicht auch verstärkt klarmachen, dass Lehrersein künftig verstärkt auch Sozialarbeitersein bedeutet?

Himmer: Natürlich, schließlich werden ja auch die Gruppen immer heterogener. Ich war kürzlich in jener Simmeringer Volksschule, die ich selbst vor 30 Jahren besucht habe. Damals war noch die ganze Klasse bei der Erstkommunion, heute sind es aus der ganzen Schule zwei Kinder! Das zeigt, wie sehr sich die Schülerpopulation gewandelt hat. Lehrer müssen heute nicht nur unterrichten, sondern auch verstärkt als Elternersatz, Berater und Begleiter tätig sein. Ich weiß selbst als Lehrer, wie anstrengend das ist. Im ersten Jahr bin ich etwa nach dem Unterricht zuhause immer sofort eingeschlafen. Umso mehr müssen wir den Lehrern die nötige Unterstützung zukommen lassen. Ich habe aber auch eine Botschaft an sie: Ihr seid nicht für alles verantwortlich! Es gibt Situationen und Konstellationen in Schulen, da gibt es leider kein Happy End.

DIE FURCHE: Entsprechend allergisch haben Sie 2015 - damals noch als Lehrergewerkschafter -auf die Aussage von Michael Häupl reagiert, dass er als Lehrer Dienstag Mittag mit der Arbeit fertig wäre

Himmer: Er hat mir gegenüber betont, dass es ihm nicht um die Lehrer gegangen ist, sondern um die Lehrergewerkschaft, die punkto Dienstrecht bei allem Nein gesagt hat. Wir haben das jedenfalls geklärt, bevor ich hierhergekommen bin.

DIE FURCHE: Und -wie stressig ist dieser Präsidenten-Job im Vergleich zum Lehrersein?

Himmer: Er ist jedenfalls nicht stressiger, das kann ich beschwören (lacht). Deshalb ist meine Hochachtung auch groß vor all jenen, die diese Arbeit Tag für Tag leisten.

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