Exzellenz in Reih und Glied

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An der Uni Innsbruck sollen Fächer wie Zeitgeschichte oder Vergleichende Literaturwissenschaft aufgelöst werden. Mut zum Profil - oder Kahlschlag?

Rolf Steininger ist hartnäckig. Das hat ihm - und seinem Institut für Zeitgeschichte - 2002 die Auszeichnung "Center of Excellence" durch die European Science Foundation beschert. Und das treibt ihn nun auf die Barrikaden: Denn im neuen "Entwicklungsplan" der Leopold-Franzens-Universität sind zwar zwei universitätsweite Forschungszentren (für Physik und Molekularbiologie), zwei Forschungsplattformen ("Alpiner Raum" und Informatik), 25 Forschungsschwerpunkte und 88 Studienmöglichkeiten vorgesehen. Sein Institut, das 1984 unter der Ägide des damaligen Wissenschaftsministers Heinz Fischer gegründet wurde, sucht man jedoch vergeblich. "Es ist unglaublich, was hier abläuft", empört sich der 63-jährige Zeithistoriker. "Und das Ministerium sagt, man habe damit nichts zu tun."

"Gerupfte" Philologie

Steininger ist nicht der einzige Betroffene. 16 Institute sollen im Zuge der Profilbildung der Innsbrucker Uni aufgelöst oder in breite Bakkalaureate zusammengefasst werden. Stattdessen sollen Wirtschaftsinformatik, Soziologie und Nanowissenschaft Einzug halten. So sieht es der Entwicklungsplan vor, den der Rektor der Universität und Professor für Finanzwissenschaften, Manfried Gantner, jüngst präsentiert hat - und der im September (nach Begutachtung durch den Senat) vom Universitätsrat abgesegnet werden soll.

Stimmt das Gremium zu, dann dürfte vor allem die Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät Federn lassen müssen. So sollen etwa die Lehramtsfächer Latein und Griechisch gestrichen werden. Für Karlheinz Töchterle, Latinist und Vorstand des Instituts für Sprachen und Literaturen, ein inakzeptabler Plan: "Uns ist zwar ein Magisterium in Latein in Aussicht gestellt worden, aber das hängt ohne das Lehramtsstudium in der Luft." Mittelfristig würde dies zu einem Mangel an Latein- und Griechischlehrern in Westösterreich führen, ist Töchterle überzeugt.

Auch den Fächern Vergleichende Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft geht es an den Kragen. Eine philologische Fakultät ohne Sprachwissenschaft sei freilich "wie eine naturwissenschaftliche Fakultät ohne Mathematik", klagt Dekan Hans Moser. Zwar soll es ein Bachelor-Studium "Sprache, Medien, Kommunikation" geben, doch wurde dieses mit der Fußnote "nach Maßgabe finanzieller Bedeckbarkeit" versehen. Insgesamt habe er den Eindruck, dass man nach dem Motto vorgehe: "Wo kann man Posten sparen?"

Ein Ziel, das am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft leicht erreichbar scheint. Schließlich geht Instituts-Leiterin Maria Deppermann 2007 in Pension. Das Institut, das zuletzt immerhin 17 Absolventen verbuchen konnte, deswegen zu schließen, ist für Johann Holzner vom Literatur-Forschungsinstitut Brenner-Archiv inakzeptabel: "Dieses Institut hat zur Profilbildung der Uni Innsbruck wesentlich beigetragen", betont er und kritisiert die Entscheidungen "hinter den verschlossenen Türen des Rektorats".

Ein Vorwurf, den Rektor Manfried Gantner im furche-Gespräch zurückweist. Die "bis zu 400" Entscheidungen im Zuge der Profilbildung, die für den Abschluss der Leistungsvereinbarung mit dem Bildungsministerium für die Jahre 2007 bis 2009 nötig sind, habe er "nach bestem Wissen und Gewissen" gefällt. Gegen das Zeitgeschichte-Institut habe gesprochen, dass "keine kohärente Gruppe von Forschern" tätig sei; gegen das Lehramtsstudium Latein die Absolventenzahl und der fehlende Bedarf der Landesschulräte. Und für die Vergleichende Literaturwissenschaft hätten einfach die Mittel nicht mehr gereicht.

"Modische" Wissenschaft

Im Bildungsministerium stößt das harte Durchgreifen des Innsbrucker Rektors indes auf verhaltenes Wohlwollen. "Ich vermisse einen ähnlichen Prozess an anderen Unis", meint der zuständige Sektionschef Sigurd Höllinger. Ein Auftrag zur Koordinierung der Profilbildungen an den 21 autonomen Hochschulen sei nicht vorgesehen - auch wenn sich alle vorerst auf die selben "modischen" Wissenschaften stürzen und die Geisteswissenschaften ad acta legen würden.

Um das zu verhindern, müssen sich die Geisteswissenschaften laut Jürgen Mittelstraß ohnehin selbst auf die Beine stellen: "Sie leiden derzeit unter erheblicher Vereinzelung", meint der Konstanzer Philosoph. "Um in der universitätsinternen Auseinandersetzung gut dazustehen, müssen sie sich einfach besser organisieren."

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