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"Förderung statt Selektion"

Andreas Schleicher, Koordinator der internationalen PISA-Studie der OECD in Paris, über Österreichs neue Bildungsstandards und den Sinn von Schulrankings.

Die Furche: Als Folge von PISA wurden nach Deutschland nun auch in Österreich Bildungsstandards eingeführt. Wie groß ist Ihre Freude?

Andreas Schleicher: Es ist immer die Frage, wie man diese Standards umsetzt; aber insgesamt ist es meiner Meinung nach wichtig, dass wir Maßstäbe für den Erfolg schaffen und Transparenz fördern. Bildungsstandards können Wege aufzeigen, wie Schüler ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen können und auch besser verstehen, auf welche Fähigkeiten es ankommt. Und Lehrer erhalten dadurch ein System, um mit der Heterogenität von Lernergebnissen konstruktiv umzugehen.

Die Furche: Der Tübinger Pädagoge Ulrich Herrmann ist anderer Ansicht. Er meint: "Solche Standards' machen keinen Lehrer effektiver und keinen Schüler besser, sondern bedrohen nur die Schwachen. Umgesetzt in ,Kompetenz'-Tests, verschärfen sie den Selektionsdruck und erhöhen den Schulfrust und die Ratlosigkeit der Eltern."

Schleicher: Wie gesagt: Die Frage ist, wie man diese Standards einsetzt. Wenn man sie als Instrument zur Selektion benützt, sind sie sicher nicht hilfreich. Diese Kritik trifft sicher auf Deutschland zu, wo man die Standards derzeit genau so einsetzt. Doch in Finnland haben sie eine äußerst positive Wirkung entfaltet, indem sie einfach mehr Transparenz geschaffen haben.

Die Furche: Wie weit soll diese Transparenz gehen? Sollten die Test-Ergebnisse - etwa im Sinn von Schulrankings - veröffentlicht werden?

Schleicher: Wir haben seit Jahrzehnten Schülern Noten gegeben - und bei Schulen soll das plötzlich tabu sein? Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich bin sogar dafür, dass man eher die Anbieter von Bildungsleistungen beurteilt als die Teilnehmer. Gerade die deutschsprachigen Länder haben die Tradition, dass der Lerner allein für die Ergebnisse verantwortlich gemacht wird. Wenn man in Österreich oder Deutschland bestimmte Leistungsergebnisse nicht erreicht, dann bleibt man sitzen oder wird in eine Schulform mit niedrigeren Anforderungen transferiert - oft mit gravierenden Folgen, etwa einem geringeren Lebenseinkommen. Im Gegenzug dazu müssten wir die Verantwortung der Schulen stärken. Dabei ist aber zu beachten, dass wir durch ein herkömmliches Schulranking ja nicht die Qualität der Bildungsanbieter bewerten, sondern nur den sozialen Hintergrund der Schulen. Um die eigentliche Schul-Qualität zu testen, müsste man fragen: Was hat diese Schule - gemessen am Potenzial der Schüler, die sie bekommt - zusätzlich erreicht? Es reicht auch nicht, einer Schule zu sagen: Eure Leistungsstandards sind schlecht, sondern man muss Fördermaßnahmen anbieten.

Die Furche: In Österreich sind Bildungsstandards in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften geplant. Wäre es aber bei Schulrankings nicht ebenso wichtig, die Schüler hinsichtlich Fähigkeiten wie soziale Intelligenz, Engagement oder Kritikfähigkeit zu testen?

Schleicher: Das sehe ich eher gelassen: Unserer Erfahrung nach sind die Kompetenzen hoch korreliert, das heißt eine Schule, die nur mangelhaft Basiskompetenzen vermittelt, wird nur schwer in der Lage sein, andere Kompetenzen besser zu vermitteln. Basiskompetenzen sind zwar ein grobes, aber relativ gerechtes Maß. Die größere Herausforderung sehe ich darin, dass wir tatsächlich den von der Schule geschaffenen Wert messen - und nicht indirekt den sozialen Hintergrund.

Die Furche: Zurück zu PISA: Waren die Bildungsstandards die wichtigste Lehre aus dieser Studie - oder hätten Sie andere gezogen?

Schleicher: Zum einen ist es schon wichtig, dass wir klarere Maßstäbe für den Bildungserfolg schaffen. Zweitens ist es wichtig, dass man in den Schulen deutlich mehr Verantwortung schafft, um diese Maßstäbe auch flexibler zu erreichen. Und die dritte Lehre aus PISA ist, dass man weniger auf Selektion schaut als darauf, wie Schulen mit einer vielfältiger werdenden Schülerschaft umgehen können. Dass in den Köpfen der Lehrer nicht der Gedanke herrscht: Wir machen hier den richtigen Unterricht, aber wir haben die falschen Schüler. Sondern: Wie können wir unsere Schüler individuell und optimal fördern? Diese drei Bereiche gehören zusammen.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Standards

Mittwoch vergangener Woche hat der Ministerrat die von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) vorgeschlagenen Eckpunkte für Bildungsstandards an den Schulen gebilligt. Diese Standards sollen festlegen, welche Kompetenzen die Schüler an den Nahtstellen der 4. Klasse Volksschule in den Kernfächern Deutsch und Mathematik sowie der 4. Klasse Hauptschule bzw. Gymnasium in Deutsch, Mathematik und Englisch erworben haben sollen. Ab Herbst sollen 100 Pilot-Schulen die von einer Steuerungsgruppe entwickelten Standards in einer zweijährigen Phase erproben. Im "Endausbau" sollen rund 30 Prozent eines Altersjahrgangs getestet werden. Die Ergebnisse werden nicht in die Benotung einfließen. Auch Lehrer haben aus schlechten Resultaten keine Konsequenzen zu befürchten.

Indes wünscht sich die Wirtschaftskammer mehr Transparenz: "Warum sollen etwa Eltern sowie Schülerinnen und Schüler nicht erfahren, welche Schulen die Standards erfüllen und welche nicht?", fragt die stellvertretende WKÖ-Generalsekretärin Anna-Maria Hochhauser. DH

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