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"Forschung gehört in ein Ressort"

Die Furche: Jährlich verlassen 400 Forscher Österreich in Richtung USA. Diesen "Brain Drain" will Infrastrukturminister Hubert Gorbach nun mit dem Projekt "Brainpower Austria" stoppen, das heimkehrwillige Forscher bei der Jobsuche unterstützen soll. Glauben Sie, dass diese Aktion Früchte trägt?

Raoul Kneucker: Dass wir junge Leute ans Ausland verlieren, ist ein Phänomen, das in Österreich immer wieder zu bemerken war: Wir bilden eben mehr Leute aus, als wir im Lande benötigen. Es müsste uns nur gelingen, Österreicher im Ausland und auch andere Europäer wieder zurückzugewinnen. Das geht aber nur über gute Arbeitsbedingungen und nicht über Stipendien. Ich gehe davon aus, dass es auch beim Projekt von Minister Gorbach um die Verbesserung von Forschungsbedingungen geht. Insofern ist es zu begrüßen.

Die Furche: Ist auch das neue Uni-Dienstrecht forschungsfreundlich?

Kneucker: Es ist eher forschungsfeindlich, weil die dienstrechtlichen Regelungen für Österreicher eine internationale Karriere viel zu wenig belohnen. Die Gefahr ist, dass Leute, die ins Ausland gehen, bei der Rückkehr Schwierigkeiten haben. Viele Österreicher würden schon zurückkommen, wenn sie nicht wieder in der "Hackordnung" unten anfangen müssten.

Die Furche: Von ganz unten soll auch die Forschungsförderung umgekrempelt werde. Minister Gorbach plant eine Zusammenlegung aller Fördereinrichtungen - inklusive dem Wissenschaftsfonds FWF - in einer "Forschungs GmbH". Doch der FWF bangt, dass dabei die Grundlagenforschung unter die Räder kommt...

Kneucker: Das glaube ich nicht, nur sehe ich den Sinn einer solchen Zusammenlegung nicht. Es macht schon Sinn, die Fonds in ein eigenes Haus zu geben - im Sinn von einem "Ressort" oder im Sinn eines physischen Hauses, weil das die Zusammenarbeit verbessern würde. Trotzdem muss eine Autonomie der Fonds gegeben sein, denn es geht ja um Sachentscheidungen, und die sollen Fachleute treffen. Wenn die nach politischen Vorgaben ausgetauscht werden, geht das zu Lasten der wissenschaftlichen Qualität.

Die Furche: Apropos: In der neuen Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung sind vier der fünf stimmberechtigten Stiftungsräte Sektionschefs. Besteht hier nicht die Gefahr der politischen Gängelung?

Kneucker: Ich bin sehr froh, dass dort Sektionschefs des Bildungs-, Infrastruktur- und Wirtschaftsministeriums sitzen, sonst wäre nur das Finanzministerium vertreten. Bei der ganzen Reform sehe ich aber eine andere Gefahr: Wir haben die Ministerien, den Rat für Forschung und Technologieentwicklung und jetzt die neue Nationalstiftung. Im Grunde geht es aber darum, dass mehr Geld in das System kommen muss. Wenn man schon neu organisiert, sollte man die Forschungskompetenzen besser verteilen...

Die Furche: ... und in einem Ministerium, statt drei, zusammenfassen?

Kneucker: Genau. Forschung ist ein horizontaler Bereich: Es gibt also in jedem Ministerium Forschung, aber das heißt nicht, dass der Bund seine Interessen nicht in einem Ressort für Forschung und Technologie bündeln soll.

Die Furche: Sie wünschen sich nicht nur das, sondern auch eine Neudefinition des Bildungskanons. Wie sollte sich das konkret niederschlagen?

Kneucker: Ich bin kein Lehrplanspezialist, aber wir stehen vor wichtigen Herausforderungen: Was muss ein junger Mensch heute können, um sinnvoll an Demokratieentscheidungen teilzunehmen? Dazu braucht er Naturwissenschaft und Technologie genauso wie eine Kenntnis des Politik- und Rechtssystems. Die jungen Menschen müssen in Europa wettbewerbsfähig sein: Das bedeutet, dass sie mindestens zwei lebende Fremdsprachen gut können müssen. Und Latein und Griechisch - so Leid es mir tut - müssten für die vorbehalten bleiben, die sich dafür freiwillig interessieren. Ich glaube jedenfalls nicht, dass Stundenkürzungen oder -erweiterungen reichen, sondern wir brauchen neue Schulorganisationen, Projekt- und Epochenunterricht.

Die Furche: Bildungsarbeit für die gesamte Bevölkerung soll die "Galerie der Forschung" leisten, deren geschäftsführender Direktor Sie sind: Können Sie das Ziel dieses Projekts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erklären?

Kneucker: Die Galerie der Forschung soll die Lust und das Verständnis an wissenschaftlichen Prozessen und wissenschaftlicher Leistung wecken: Die Leute müssen verstehen, dass Wissenschaft tief in den Alltag hinein reicht. Die Galerie wird deshalb kein Museum sein, sondern eine systematische Dialogmöglichkeit. Im Dezember planen wir etwa ein Symposium, das sich mit einer ganz neuen Technologieentwicklung beschäftigen: mit der Synthese von Nanotechnologie, Biotechnologie und Informationstechnologie. Diese Dialoge werden von spezifischen Ausstellungen ergänzt.

Die Furche: Im Bereich der Biotechnologie bräuchte es auch unter den Kirchen mehr Dialog: Das im Entwurf für die Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes vorgesehene totale Klonverbot hat für Misstöne gesorgt. Sie selbst haben als stellvertretender juristischer Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche den Entwurf als "Schnellschuss" bezeichnet...

Kneucker: Dieser Entwurf des Justizministeriums ist deshalb so eigenartig, weil weder der Österreich-Konvent noch die Bioethikkommission des Bundeskanzlers zu einem Ergebnis gekommen ist. Auch ein öffentlicher Diskurs hat nicht stattgefunden, und dennoch kommt ein Entwurf mit einem totalen Verbot. Das sollte demokratiepolitisch nicht möglich sein.

Die Furche: Warum ist die evangelische Kirche gegen ein Klonverbot?

Kneucker: Es gibt Synodalbeschlüsse und eine Denkschrift - "Verantwortung für das Leben" -, wo eine Abwägung erfolgt, die auch bedeutet, dass wissenschaftlicher Fortschritt zu den ethischen Prinzipien gehört. Wissenschaftliche Entwicklungen können eine Neupositionierung mit sich bringen. Das reproduktive Klonen ist unter den gegenwärtigen Umständen total abzulehnen, beim therapeutischen Klonen zeichnen sich Ausnahmefälle ab. Aber die evangelische Kirche und die katholische Kirche sind nicht so weit voneinander entfernt. Es gibt 90 Prozent Übereinstimmung. Man sieht nur immer die Differenz und nicht die Gemeinsamkeit.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

"Der Alte" im Unruhestand

Wehmütiges Sinnieren ist ihm fremd: "Ich habe die Ministeriums-Zeit abgeschlossen", beteuert Raoul Kneucker. "Ich glaube, die sind auch froh, dass ,der Alte' weg ist - obwohl ich im Guten geschieden bin." Elf Jahre lang war der heute 66-Jährige als Sektionschef für wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten im Bildungsministerium zuständig. Mit Forschungsagenden war der Staats- und Verwaltungsrechtler jedoch schon lange zuvor vertraut: als Generalsekretär des Wissenschaftsfonds FWF (1978-1989) ebenso wie als Generalsekretär der Österreichischen Rektorenkonferenz (1970-1977). Kein Wunder, dass ihm dieses Thema auch in der Pension keine Ruhe lässt: Als geschäftsführender Direktor der "Galerie der Forschung", ein Projekt der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, will Kneucker die Alte Wiener Universität (zwischen Bäckerstraße und Wollzeile) zu einem "Ort der Auseinandersetzung über wissenschaftliche Fragestellungen" machen. Am 26. Oktober 2006 soll die Galerie eröffnet werden. Seine übrige Zeit wird der Vater dreier erwachsener Kinder als Honorarprofessor in Innsbruck (Politikwissenschaft, Europapolitik) und an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien (Kirchenrecht) verbringen. Auch in der evangelischen Kirche arbeitet er als stellvertretender juristischer Oberkirchenrat "gerne mit". Seiner ehemaligen Chefin, Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, ins Handwerk zu pfuschen, käme ihm dabei nie in den Sinn: "Ich habe mich in der Forschung seit meinem Abgang - bis zu diesem Interview - nicht zu Wort gemeldet. Das gehört sich auch, dass ein Abtretender nicht immer mit guten Ratschlägen zur Stelle ist."

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