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Digital In Arbeit

Frauen an den Herd?

Frauen, zurück an den Herd! Wer'zu Zynismus oder konservativen Rollenverteilungen neigt, ist flink mit dieser „Patentlösung" bei der Hand, wenn es darum geht, über knapper werdende Arbeitsplätze nachzudenken. Das damit zusammenhängende Thema „Familie und Arbeitswelt- (k)ein Gegensatz?!", das diese Woche auf einer Enquete in Linz behandelt wird, sollte aber nicht nur als „Frauenthema" gesehen werden.

Im Grunde geht es nämlich nicht ein bestimmtes Geschlecht, sondern Mütter und Väter an, Männer mit Nachwuchs daher erheblich mehr als kinderlose Frauen, in erster Linie aber sicher die Mütter: Auch im Zeitalter des .neuen Mannes" liegt die Hauptlast bei der Führung des Haushaltes und der Sorge um die Kinderauf ihren Schultern. Weniger als ein Prozent der Männer nehmen beispielsweise für ihr Kind einen Karenzurlaub in Anspruch.

„Familie und Arbeitswelt" sind nicht nur Gegensätze, denn jede Familie ist eine Arbeitswelt! Nur wer Familie nie erlebt hat, kann daran zweifeln, daß hier unheimlich viel an Arbeitsleistungen (wie Kochen, Waschen, Aufräumen, Kranke pflegen, Kinder beaufsichtigen, sie erziehen, mit ihnen lernen) erbracht wird, die teures Geld kosten, wenn sie ein Außenstehender verrichtet. Eine Studie in Deutschland hat unlängst ergeben, daß Haushaltsarbeit die Hauptursache für Streit zwischen Eltern und Kindern ist. Im übrigen könnte es auch in der Arbeitswelt familiärer zugehen: Immerhin sind 75 Prozent aller Betriebe in Osterreich Fa: milienunternehmen, also zumindest zum Großteil im Besitz einer Familie.

Die Linzer Sozialwissen-schafterin Liselotte Wilk, die auf der Enquete das Hauptreferat halten wird, präzisiert daher im Gespräch mit der Fur-CHE: „Es geht um den Gegensatz zwischen Familie und Erwerbsarbeitswelt. In unserer Gesellschaft hat die Erwerbsarbeit, eine höhere Wertigkeit, ein höheres Prestige, denn sie wird ja entlohnt. Hinter den Interessen der Erwerbsarbeit stehen machtvolle Lobbies. Die Ansprüche der Familie sind kaum durchsetzbar."

Für Wilk, die einen „kindzentrierten Familienbegriff" vertritt, liegen der heutigen Welt der Erwerbsarbeit und der Welt der Familie zwei „völlig unterschiedliche Leitprinzipien" zugrunde. Auf der einen Seite regiere Bationa-lität, Leistungsmaximierung, Konkurrenzstreben und Belohnung für Leistung, auf der anderen gehe es um Solidarität, Bücksicht auf andere, Fingehen auf Bedürfnisse.

Verfolgt man diesen Gedanken weiter, wird das Dilemma deutlich. In der Familie, soll sie funktionieren, kannman nicht so miteinander umgehen, wie es in der Arbeits weit von heute immer häufiger (aber sicher nicht überall) üblich wird: rücksichtslos, stets um Effizienz bemüht, im anderen vorwiegend den Konkurrenten sehend, stets den Druck von Terminen und noch nicht erledigten Aufgaben im Kopf. Einem Kind, das man schonungslos auf dieses Berufsleben vorbereitet, stiehlt man die Kindheit, während eines, das nur zu Rücksicht und Hilfsbereitschaft erzogen wird, Gefahr läuft, in unserer Ellbogengesellschaft unter die Räder zu kommen.

Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, wird kaum jemand, ob Frau oder Mann, mühelos schaffen, vorausgesetzt, es werden beide Aufgaben ernst genommen und verantwortungsbewußt erfüllt. Die Zeit wird immer knapp sein, beim besten Willen werden sich zusätzliche Konflikte mit dem Partner und den Kindern ergeben, wenn berufliche Verpflichtungen gemeinsame Freizeitaktivitäten erschweren. Eine Familie kann aber auch Kraft und Halt im Berufsleben geben, wenn man dort Partnerschaft und nicht Konkurrenz lebt, kurz: das Miteinander und nicht die Selbstverwirklichung pflegt.

Aber nicht nur die Selbstverwirklichung im Beruf hat für viele Vorrang. „Meine persönlichen Freizeitinteressen (Freunde, Sport, Hobbies, Urlaubsreisen) sind mir wichtiger als heiraten und eine Familie gründen" antworteten 58 Prozent in einer Repräsentativumfrage unter männlichen jungen Österreichern (1996).

Nun fanden in einer Umfrage für das neue Buch „Zukunftsfrau" als künftiges weibliches Rollenbild die „berufstätige Mutter" 74 Prozent und die „Karrierefrau" 60 Prozent Zustimmung. Die alten ideologisch bedingten Ziele - hier möglichst alle Frauen in die Erwerbsarbeit, dort möglichst alle in den Haushalt - haben gewiß ausgedient. Keiner Frau ist es vorzuwerfen, wenn sie im Berufsleben erreichte Qualifikationen umsetzen, soziale Kontakte pflegen oder schlicht eigenes Geld verdienen will (letzteres in vielen Fällen sogar muß). Wenn sie außerdem ein Kind haben will, ist es ihr natürlich zuzumuten, daß sie für dieses Kind auch viel eige'-ne Zeit aufwendet, es ist aber auch den Vätern und der Gesellschaft zuzumuten, Frauen dabei kräftiger zu unterstützen. Die Lösungsvorschläge -mehr Teilzeitjobs, mehr Tele-arbeit, mehr Betreuungseinrichtungen - sind bekannt, ob sie in der gegenwärtigen Wirtschaftslage realistisch sind, ist eine andere Frage.

Viele Studien belegen die ungebrochene Attraktivität von Familie, aber auch das Auseinanderklaffen zwischen Kinderwunsch und Realität, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses der Berufsbedingungen. Im Spannungsfeld zwischen Familie und Erwerbsarbeitswelt fällt jedenfalls die Entscheidung darüber, ob für uns die Weitergabe des Lebens oder die Weitergabe von Gütern der höhere Wert ist.

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